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„Manon Lescaut“ in München : Schmerz, Wahrheit, Liebe, Tod

Allein auf der Welt, am Ende: Manon (Kristine Opolais) und Des Grieux (Jonas Kaufmann) Bild: Wilfried Hösl

Ohne Netrebko, aber mit Demut: Hans Neuenfels inszeniert „Manon Lescaut“ von Giacomo Puccini in München. Und es wird ein Abend voller Glück.

          Dieses Traumpaar kennt nun wirklich halb Deutschland: Anna Netrebko trat zuletzt im ZDF bei der „Echo“-Party auf, schön, laut und glänzend wie eine Christbaumkugel. Jonas Kaufmann trug bei der „Bambi“-Verleihung im Ersten den Evergreen „Dein ist mein ganzes Herz“ vor, gleichfalls laut und schön, und die Nation konnte ihm dabei dank paparazzihafter Kameraführung tief in den Hals hineinschauen.

          Sie steht Anna Netrebko an Grazie und Charisma nicht nach: Die lettische Sopranistin Kristine Opolais singt die Titelpartie
          Eleonore Büning

          Redakteurin im Feuilleton.

          Live auf der Bühne hören sich Opernsänger anders an. Unplugged klingen sie leiser, singen sie dynamisch differenzierter und irgendwie menschlicher. Man kann Zwischenfarben hören, auch kleine Bruchstellen, ab und zu Anmutungen von Knödeln. Wer also bloß die TV-Auftritte und Plattenalben des Startenors Kaufmann kennt, der wird zuerst ein bisschen enttäuscht gewesen sein am Samstagabend im Münchner Nationaltheater, als Kaufmann bei der Premiere von Giacomo Puccinis Oper „Manon Lescaut“ links aus der Gasse auftaucht und mit dem Singen beginnt. Man hört ihn kaum, versteht ihn nicht. Das ist nun mal so. Das Puccini-Orchester deckt bei diesem ersten Wortwechsel zwischen den lustigen Studenten Edmondo und Des Grieux noch die Stimmen zu. Noch enttäuschender: die Netrebko; sie tritt erst gar nicht erst auf.

          Ein negativer Bildungsroman in vier Stationen

          Was sich als ein Glück herausstellte für die Bayerische Staatsoper München. Erstens, weil kurzfristig die lettische Sopranistin Kristine Opolais eingesprungen war. Sie steht Anna Netrebko an Grazie und Charisma nicht nach, nur, dass sie jünger ist, auch blonder, und, dass ihre vielversprechend starke Sopranstimme noch jugendlich hell eingefärbt ist und mädchenhaft lyrisch wirkt. Zweitens hat, weil der Bekanntheitsgrad der Netrebko kaum zu toppen ist, nun auch wirklich jeder mitgekriegt, dass an der Münchner Oper, dem „Opernhaus des Jahres“, ein großer Sack Salz umfiel, worüber es umfassend zu berichten galt. Zwei Wochen vor dieser „Manon“-Premiere hatte Anna Netrebko kurz entschlossen abgesagt. Sie wollte die Titelpartie nicht so gestalten, wie es der Regisseur Neuenfels vorschlug. Hans Neuenfels erklärte im „Spiegel“: „Wir sind einander nicht böse. Es war eine rechtschaffene Entscheidung von Frau Netrebko. Möglicherweise findet man es in Russland als Frau gar nicht schlimm, sich von einem reichen alten Mann aushalten zu lassen.“

          Halb gefährlich, halb possierlich: Neuenfels stellt entfernte Verwandte der lustigen Ratten aus dem Bayreuther „Lohengrin“ auf die Münchner Bühne

          Manon, Tochter aus gutem Hause, durchläuft in diesem Stück, das die vielzitierte „Histoire du Chevalier Des Grieux et de Manon Lescaut“ von Abbé Prévost verarbeitet, einen negativen Bildungsroman in vier Stationen. Man begegnet ihr zuerst auf einer Poststation, sie ist unterwegs in ein Kloster, verliebt sich schlagartig, flieht. Ein zweites Mal trifft man sie Monate später im Schlafzimmer eines lüsternen Greises, der sie in jenen Luxus hüllt, den ihr Liebster ihr nicht hatte bieten können, weshalb sie letzteren verließ. Drittens sitzt sie im Knast, als verurteilte Kriminelle, die in ein Straflager verklappt werden soll. Viertens, am Ende, verdurstet Manon in der Wüste, in den Armen ihres unsterblich Geliebten - eine der längsten, schwierigsten und unerträglich schönsten Sterbeszenen, welche die an Liebestod-Varianten nicht gerade arme Geschichte der Oper zu bieten hat.

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