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Nahost-Oper und „Tosca“ in Aix : Die ganze Komik des Konflikts

  • -Aktualisiert am

Sänger während der Aufführung von „The Sleeping Thousand“ in Aix-en-Provence. Bild: AFP

Doppel-Coup in Aix: „The Sleeping Thousand“ greift den Nahost-Konflikt zwischen Realität und Fantasy auf – „Tosca“ hingegen kämpft mit einem dekonstruktivistischen Regiekonzept.

          Welch eine Freude, eine gelungene neue Oper auf der Welt begrüßen zu dürfen – „création mondiale“ nennen die Franzosen liebevoll pathetisch eine Uraufführung. Einhellige Freude herrscht an diesem heißen Spätnachmittag beim Publikum und bei den Mitwirkenden im reizenden kleinen Théâtre du Jeu de Paume in der Altstadt von Aix-en-Provence. Das „Festival international d’art lyrique“ feiert mit diesem Auftragswerk einen Höhepunkt: Selbstbewusst kann es sich in die Tradition des jährlich abgehaltenen provenzalischen Opernfests einfügen.

          Die Kammeroper von Adam Maor (Musik) und Yonatan Levy (Libretto) heißt „The Sleeping Thousand“. Es ist hilfreich, den Titel des Romans von Levy, der dieselbe Geschichte erzählt, mitzudenken, der etwa lautet „Wacht auf, meine Brüder!“. Neben der vielfältigen lyrischen, auch perkussiv-dramatischen Musik sind es die Sprache und die Dramaturgie, die fesseln. Zuerst die Sprache, die an sich schon ein Phänomen in der Opernwelt darstellt: Hebräisch. Ein klangvolles Idiom des Nahen Ostens, gut singbar, mit großem Differenzierungsreichtum, erfrischend unter den Sprachen der „alten“ Oper.

          Von rätselhafter Verbundenheit zwischen Israelis und Palästinensern

          In der Theaterszene Israels ist Yonatan Levy eine feste Größe, vor allem seit dem Erfolg von „Saddam Hussein – A Mystery Play“ von 2011. Poesie und Witz von „The Sleeping Thousand“ lassen an eine Opera buffa mit satirischem Einschlag und perspektivischer Hoffnung denken. Die Handlung entfaltet sich in einer halb real-israelischen, halb fantasymäßig aufgeklappten Welt. Wegen eines Hungerstreiks von tausend gefangenen Palästinensern drohen die UN, für ein halbes Jahr den Regen über Israel auszusetzen. Die Gefangenen sollen in dauernden Schlaf versetzt werden. In einer unerwarteten Umkehrung ergibt sich daraus jedoch eine rätselhafte Schlaflosigkeit der israelischen Bevölkerung, die zudem von Albträumen heimgesucht wird. Kleinkinder stammeln plötzlich den arabischen Ruf „Allahu Akbar!“. Politik und Verwaltung sind mit ihrer Weisheit am Ende, nun soll eine Spionin helfen.

          Während die Gefangenen auf der Bühne inaktiv im Hintergrund verharren, versammeln sich vier Israelis im Büro des Premierministers. Letzterer ist der Typ selbstgewisser Bariton, jovial, auffahrend, dann verunsichert, schließlich leidend. Der Sicherheitschef, Bass, äußert nüchterne Statements, scheint jederzeit Herr der Lage. Ihm gehört der überraschende letzte Satz der Oper: „Mein Leben lang habe ich nur Nonsense gesprochen.“ Prominent tritt der Tenor auf, als „Sänger“ in der Funktion als Verkünder sensationeller Nachrichten. Sprachlich in der Nähe zur Persiflage angelegt, strahlt der Gesang in reizvollem Kontrast dazu lyrische Ernsthaftigkeit aus. Der Komponist hat sich hier, wie er erzählt, von dem reichen Erbe klassischer religiöser Gesänge des Vorderen Orients inspirieren lassen.

          Schließlich die Sopranistin in der Rolle der Nourit; sie stellt die eigentliche Identifikationsfigur dar. Mit ihrem lyrischen und – genauso wichtig – brillanten Gesang formuliert sie in einer „Arie“ die Sehnsucht nach Abkehr vom bisherigen Denken und den Willen zur Überwindung nationaler Grenzen. Die Musik erinnert hier mit ihrer selbstbewussten Stringenz, aber auch Empfindsamkeit an die emanzipierte Haltung der Blonden aus Mozarts „Entführung aus dem Serail“.

          Das Sänger-Quartett des Abends ist nicht hoch genug zu loben: Tomasz Kumięga (Premierminister), Gan-ya Ben-gur Akselrod (Nourit), Benjamin Alunni (Sänger) und David Salsbery Fry (Sicherheitschef). Zur elektrisierenden Premiere tragen die Musiker des luxemburgischen Ensembles United Instruments Lucilin bei. Streichtrio, Klarinette, Akkordeon, Kontrabass und Perkussion grundieren den Gesang; die musikalische Gesamtleitung liegt bei der energievollen Dirigentin Elena Schwarz. Gehalten werden die Musiker von der konzentrierten Regie des Textautors Levy. Die Gestaltung der Bühne hat Stil; das Kostümbild (Anouk Schiltz) trägt dem fließenden Wechsel zwischen Realität und Fantasy Rechnung. Der Security-Mann wird mit liebevoller Ironie angesehen: Seine angespitzten Ohren erweisen Commander Spock aus dem Raumschiff Enterprise die Reverenz.

          Zeitgenössische Musik als „Quelle der Überraschung und des Entzückens“

          Mit einiger Vorsicht kann man bei diesem neuen Werk von einem sinnvollen, die Mittel der lyrischen Kunst einsetzenden Lösungsbeitrag zum krisenhaften Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern sprechen. Mit „The Sleeping Thousand“ – man sollte es in Deutschland unbedingt nachspielen – hat der Intendant Pierre Audi für die erste von ihm verantwortete Saison in Aix (bis 22. Juli) einen großartigen Einstand gefeiert. Im Interview mit „Le Monde“ am 4. Juli bekennt Audi, seit seinen Anfängen am Londoner Almeida-Theater gehöre die zeitgenössische Musik zu seiner DNA: „Auf dem Papier macht sie immer Angst, aber ich habe oft festgestellt, dass sie Quelle der Überraschung und des Entzückens sein kann.“

          Ein erfahrener Theaterdirektor wie Audi – er leitete dreißig Jahre die Nationaloper Amsterdam – weiß selbstverständlich, dass die Avantgarde eingepasst sein will in ein ausgewogenes Gesamtkonzept. Doch sehr eindeutig gibt er die Linie vor: „Das Publikum sollte sich darauf einstellen, dass das Festival ein Ereignis ist und nicht die Verlängerung eines Abendessens auf einer Landhaus-Terrasse.“

          Ein Komponist, der gleichwohl für seine schmackhaften Melodien geliebt wird, ist Giacomo Puccini. Seine Oper „Tosca“ (1900) wurde jetzt in Aix erstmals seit der Gründung der Festspiele 1948 aufgeführt. Beim Orchesterklang (Orchestre de Lyon, Daniele Rustioni) vermisste man ein spezielles Puccini-Fluidum. Lag es an der Akustik im Théâtre de l’Archevêché oder am dekonstruktivistischen Regiekonzept? Der Regisseur Christophe Honoré, ein Cineast, erzählt die Geschichte einer Primadonna, die von vergangenen Triumphen als Tosca träumt und von ihren Fans verehrt wird wie die Madonna selbst. Sie begleitet die Proben zu einer aktuellen Aufführung, kommentiert, liebt und leidet mit und wird dadurch zur eigentlichen Rivalin der jungen, „echten“ Tosca.

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          Catherine Malfitano, Opernstar der achtziger Jahre, spielt durchgängig die Primadonna und wird durch Live-Video noch zusätzlich auf die Leinwand geholt. Dadurch zersplittert die Handlung: Toscas Geliebter, der Maler Cavaradossi ist zwischen zwei Primadonnen zerrissen statt zwischen Kunst und politischer Rebellion; eine schwierige Aufgabe für den hervorragenden Sängerdarsteller Joseph Calleja. Unlösbar erscheint die Zersplitterung für die Sopranistin Angel Blue als Tosca. Man hätte ihrer gut fokussierten, schlanken Stimme gern volle Aufmerksamkeit gewidmet und die musikalische Entwicklung der dramatischen Partie mitvollzogen. Dass sie die Arie „Vissi d’arte“ im Liegen singt, singen kann, spricht eher für sie als für die Regie. So blendend es sein mag, eine Malfitano zu „präsentieren“ (ihr Partner von damals, Plácido Domingo, ist eine weitere Zitat-Scherbe auf der Leinwand), so ziellos, ja vergeblich erscheint dieser Coup am Ende.

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