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Nahost-Oper und „Tosca“ in Aix : Die ganze Komik des Konflikts

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Das Sänger-Quartett des Abends ist nicht hoch genug zu loben: Tomasz Kumięga (Premierminister), Gan-ya Ben-gur Akselrod (Nourit), Benjamin Alunni (Sänger) und David Salsbery Fry (Sicherheitschef). Zur elektrisierenden Premiere tragen die Musiker des luxemburgischen Ensembles United Instruments Lucilin bei. Streichtrio, Klarinette, Akkordeon, Kontrabass und Perkussion grundieren den Gesang; die musikalische Gesamtleitung liegt bei der energievollen Dirigentin Elena Schwarz. Gehalten werden die Musiker von der konzentrierten Regie des Textautors Levy. Die Gestaltung der Bühne hat Stil; das Kostümbild (Anouk Schiltz) trägt dem fließenden Wechsel zwischen Realität und Fantasy Rechnung. Der Security-Mann wird mit liebevoller Ironie angesehen: Seine angespitzten Ohren erweisen Commander Spock aus dem Raumschiff Enterprise die Reverenz.

Zeitgenössische Musik als „Quelle der Überraschung und des Entzückens“

Mit einiger Vorsicht kann man bei diesem neuen Werk von einem sinnvollen, die Mittel der lyrischen Kunst einsetzenden Lösungsbeitrag zum krisenhaften Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern sprechen. Mit „The Sleeping Thousand“ – man sollte es in Deutschland unbedingt nachspielen – hat der Intendant Pierre Audi für die erste von ihm verantwortete Saison in Aix (bis 22. Juli) einen großartigen Einstand gefeiert. Im Interview mit „Le Monde“ am 4. Juli bekennt Audi, seit seinen Anfängen am Londoner Almeida-Theater gehöre die zeitgenössische Musik zu seiner DNA: „Auf dem Papier macht sie immer Angst, aber ich habe oft festgestellt, dass sie Quelle der Überraschung und des Entzückens sein kann.“

Ein erfahrener Theaterdirektor wie Audi – er leitete dreißig Jahre die Nationaloper Amsterdam – weiß selbstverständlich, dass die Avantgarde eingepasst sein will in ein ausgewogenes Gesamtkonzept. Doch sehr eindeutig gibt er die Linie vor: „Das Publikum sollte sich darauf einstellen, dass das Festival ein Ereignis ist und nicht die Verlängerung eines Abendessens auf einer Landhaus-Terrasse.“

Ein Komponist, der gleichwohl für seine schmackhaften Melodien geliebt wird, ist Giacomo Puccini. Seine Oper „Tosca“ (1900) wurde jetzt in Aix erstmals seit der Gründung der Festspiele 1948 aufgeführt. Beim Orchesterklang (Orchestre de Lyon, Daniele Rustioni) vermisste man ein spezielles Puccini-Fluidum. Lag es an der Akustik im Théâtre de l’Archevêché oder am dekonstruktivistischen Regiekonzept? Der Regisseur Christophe Honoré, ein Cineast, erzählt die Geschichte einer Primadonna, die von vergangenen Triumphen als Tosca träumt und von ihren Fans verehrt wird wie die Madonna selbst. Sie begleitet die Proben zu einer aktuellen Aufführung, kommentiert, liebt und leidet mit und wird dadurch zur eigentlichen Rivalin der jungen, „echten“ Tosca.

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Catherine Malfitano, Opernstar der achtziger Jahre, spielt durchgängig die Primadonna und wird durch Live-Video noch zusätzlich auf die Leinwand geholt. Dadurch zersplittert die Handlung: Toscas Geliebter, der Maler Cavaradossi ist zwischen zwei Primadonnen zerrissen statt zwischen Kunst und politischer Rebellion; eine schwierige Aufgabe für den hervorragenden Sängerdarsteller Joseph Calleja. Unlösbar erscheint die Zersplitterung für die Sopranistin Angel Blue als Tosca. Man hätte ihrer gut fokussierten, schlanken Stimme gern volle Aufmerksamkeit gewidmet und die musikalische Entwicklung der dramatischen Partie mitvollzogen. Dass sie die Arie „Vissi d’arte“ im Liegen singt, singen kann, spricht eher für sie als für die Regie. So blendend es sein mag, eine Malfitano zu „präsentieren“ (ihr Partner von damals, Plácido Domingo, ist eine weitere Zitat-Scherbe auf der Leinwand), so ziellos, ja vergeblich erscheint dieser Coup am Ende.

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