https://www.faz.net/-gqz-9qyj0

Clara Schumann auf CD : Kannst du das Lied verstehn?

Clara Schumann am Klavier, fotografiert in den 1860er Jahren. Bild: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt

Vor zweihundert Jahren wurde Clara Schumann geboren. Neue CDs stellen sie als Komponistin und als Pianistin vor. Ihre Musik erzählt vom Glück des Schwebens ebenso wie von der Beklemmung des Unsicherseins.

          Mit einem zarten Schwebeklang von fast schon impressionistischem Zauber, einer Überlagerung von Dominante und Subdominante, bezogen auf As-Dur, beginnt Clara Schumann im Klavier ihre Vertonung von Emanuel Geibels Gedicht „Die stille Lotusblume“. Es ist das letzte ihrer sechs Lieder op. 13, von ihrem Mann Robert 1844 zum Druck gegeben, der dänischen Königin Caroline Amalie gewidmet. Sie hat in diesem Lied den beglückenden Reiz einer Harmonik entdeckt, die den Grund verloren hat. Auch der Rhythmus des Gesangs – eine Triole, dann vier normale Achtel – schwankt und schwebt. Der Dialog des Textes zwischen Schwan und Blume, beide getragen vom Wasser, wird durch Harmonik und Rhythmus psychophysisch als sanfter Schwimmvorgang erlebbar. Und kühner noch als die Eröffnung ist der Schluss: „O Blume, weiße Blume, kannst du das Lied verstehn?“, singt der Schwan. Die Frage bleibt ohne Antwort, das Lied kehrt nicht zum Grundton zurück, sondern verharrt in der dissonanten Schwebe eines Dominantseptakkords über Es – wohlgemerkt, als Schlusslied einer ganzen Sammlung! Dazu gehörte 1844 schon ein gewisser Mut.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Aber über die Innovationsleistung hinaus ist dieses Lied – kostbar wie Blütenstaub – auch ein Werk berührender, gekonnt verdichteter Kunst. Sämtliche Lieder von Clara Schumann – die reifen Sammlungen op. 12, 13 und 23, daneben auch frühe Entwürfe zu einigen von ihnen und viele Jugendlieder, die sie zum Teil schon als Zehnjährige komponiert hat, sind jetzt erstmals auf einer CD mit der Sopranistin Miriam Alexandra, dem Tenor Peter Gijsbertsen und dem Pianisten Jozef De Beenhouwer erschienen (Musikproduktion Dabringhaus und Grimm). Interpretatorisch ragen besonders die erwähnten Lieder op. 13 heraus, weil Gijsbertsen mit seinem strengen, behutsamen Tenor genau den richtigen Ton für diese hochempfindliche Lyrik trifft.

          Der zweihundertste Geburtstag von Clara Schumann am 13. September bringt Erfreuliches auf dem Plattenmarkt hervor, wozu auch die CD „Romance“ der Pianistin Isata Kanneh-Mason gehört, die für Decca das Klavierkonzert, die drei Romanzen op. 11 für Klavier solo und die Romanzen op. 22 für Violine und Klavier sowie einiges mehr aufgenommen hat. Das Klavierkonzert (mit dem Royal Liverpool Philharmonic Orchestra unter Leitung von Holly Mason), ein Werk der Sechzehnjährigen, bewegt sich bei aller technischen Virtuosität noch sehr folgsam in den abgezirkelten Bahnen einer Harmonik der Großmeister des stile brillante wie Johann Nepomuk Hummel und Friedrich Kalkbrenner. Allerdings hat der Schlusssatz, alla polacca, etwas Mutig-Munteres, in den regenbogenbunten Kaskaden des zweiten Themas eine kapriziöse Dreistigkeit, die einen wachen Kopf mit eigenen Ansichten und ein Herz mit großer Sympathie für Frédéric Chopin verrät. Wunderbar an dieser CD ist der verhaltene Ton, mit dem sich Kanneh-Mason und die Geigerin Elena Urioste den innigen Romanzen op. 22 nähern. Das ist Musik der Zweisamkeit und des Flüsterns, aber auch einer harmonischen Unsicherheit, die nicht – wie im Lied „Die stille Lotosblume“ – für das Glück des Schwebens, sondern für Beklemmung steht, die sich erst im letzten Stück gänzlich löst.

          Nun ist Clara Schumann zwar auch Komponistin, aber vor allem Pianistin und erste Interpretin der Musik ihres Mannes Robert Schumann gewesen. Wie erinnert man an eine Pianistin, von der es keine Tonaufnahmen mehr gibt? Ragna Schirmer, Trägerin des Zwickauer Robert-Schumann-Preises und Expertin für Clara Schumanns Klavierrepertoire, hat auf ihrem Doppelalbum „Madame Schumann“ (Berlin Classics) eine besonders schöne Form dafür gefunden. Sie spielt auf der zweiten der CDs – die erste enthält Kammermusik von Clara und Robert Schumann sowie Musik von Fanny Hensel – das Programm von Clara Schumanns letztem Klavierabend in Südengland, am 15. Februar 1872 in St Leonards-on-Sea. Robert Schumanns „Kinderszenen“ op. 15 stehen im Zentrum, gerahmt von Beethovens fordernder „Waldsteinsonate“, Miniaturen des achtzehnten Jahrhunderts sowie Musik von Frédéric Chopin und Felix Mendelssohn Bartholdy.

          Man erkennt, wie Clara Schumann als Interpretin an der Herausbildung eines Kanons der Klaviermusik mitarbeitete. Aber besonders reizvoll ist, dass Schirmer zwischen den Stücken von Chopin freie Überleitungen spielt, wie es auch Clara Schumann in ihren Konzerten zu tun pflegte. Durch Schirmers phantasievolles, lebhaftes, erfrischend risikofreudiges Spiel verschafft einem diese CD zumindest die Illusion, eine Interpretin könnte nach 147 Jahren noch einmal reale Gegenwart werden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klimapaket der Regierung : Worauf sich die Koalition geeinigt hat

          Die Spitzen der Koalition haben sich auf eine Klimastrategie geeinigt. Künftig müssen für CO2-Ausstoß Zertifikate gekauft werden, der Plan einer CO2-Steuer ist dafür vom Tisch. Für Bürger sollen im Gegenzug einige Entlastungen kommen.
          Millionen Zuschauer wollen die Fußball-Nationalmannschaft spielen sehen. Doch auf welchem Sender können sie das künftig?

          Telekom kauft alle Live-Rechte : Fußball-EM 2024 erstmals ohne ARD und ZDF

          Die Telekom hat sich die Live-Rechte an allen 51 Spielen der Fußball-Europameisterschaft in Deutschland im Jahr 2024 gesichert. Das hat die F.A.Z. exklusiv erfahren. Damit gehen die Öffentlich-Rechtlichen Sender ARD und ZDF erstmals leer aus.

          Verfassungsschutz bei Youtube : Humor gegen Dschihadismus

          Nordrhein-Westfalens Verfassungsschutz will den Salafismus dort bekämpfen, wo er bisher freie Hand hatte: in der Youtube-Welt der Jugend. Ein Satire- und ein Informationsformat klären über das Thema auf.
          In einem Bierzelt wie diesem kam es auf der Münchner Wiesn zum sexuellen Übergriff.

          Übergriff auf dem Oktoberfest : Wiesn-Grabscher zu Geldstrafe verurteilt

          Im vergangenen Jahr kam es auf dem Münchner Oktoberfest zu einem sexuellen Übergriff, bei dem ein Mann einer Frau an Brust und Gesäß griff. Kurz vor Beginn des diesjährigen Fest ist nun das Strafmaß verkündet worden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.