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Eine neue Beethoven-Oper : Sie war der Typ Frau, den Männer mögen

Ließ sich von idealistischen Männern hinreißen: Josephine Brunsvik-Stackelberg (1779 bis 1821) Bild: Archiv

Der Komponist Jüri Reinvere hat eine Oper über Beethovens unsterbliche Geliebte, ihren Ehemann und ihre, möglicherweise auch Beethovens Tochter Minona geschrieben. Das Musikdrama mit dem Titel „Minona“ wird in Regensburg uraufgeführt.

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          Herr Reinvere, am 25. Januar wird am Theater Regensburg Ihre neue Beethoven-Oper „Minona“ uraufgeführt. Die Heldinnen sind die „Unsterbliche Geliebte“ des Komponisten, vermutlich Josephine Brunsvik-Stackelberg, und ihre Tochter Minona, deren natürlicher Vater möglicherweise Beethoven war. Wie kamen Sie zu diesem Sujet?

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Mich hat das Thema der unsterblichen Geliebten in Beethovens Leben immer fasziniert. Es ist wie eine Wasserscheide, die sich auch prägnant in seiner Musik abzeichnet. Ich hatte mich in das Thema eingegraben, alle Bücher, derer ich habhaft werden konnte, gelesen und versucht, mir meinen Reim darauf zu machen. Ich kannte Harry Goldschmidts Buch „Um die Unsterbliche Geliebte“, das wichtigste über die Bedeutung von Josephine Brunsvik-Stackelberg und auch zum Thema ihrer Tochter Minona. Goldschmidt macht ganz kriminologisch klar, dass Josephine die wahrscheinlichste Adressatin von Beethovens berühmtem Brief ist. Man wusste, dass Beethoven zum Zeitpunkt der Niederschrift in Prag war, sein Brief ist auf einen Montag im Juli datiert, später ließ sich auch durch das Wasserzeichen des Papiers klären, dass es im Jahr 1812 war.

          Was war Josephine Brunsvik-Stackelberg für eine Frau, was hat Beethoven, was hat Sie an ihr fasziniert?

          Josephine war lange gar nicht bekannt in der Beethoven-Forschung. Sie wurde erst zu einer prominenten Figur, als in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts plötzlich vierzehn leidenschaftliche Liebesbriefe an sie auftauchten. Beethoven hat das gut versteckt, was sie für ihn war. Bezeichnenderweise hat er nur die sechs Variationen über „Ich denke dein“ WoO 74 für Klavier offiziell Josephine gewidmet, obendrein gemeinsam mit ihrer Schwester Therese. Aber je mehr das Thema Josephine erforscht wurde, desto deutlicher wurde, dass sie in Beethovens Musik immer präsent ist, etwa durch die Rhythmik Jo-se-phii-ne, Jo-se-phii-ne, wie im Anfangsmotiv des Andante favori WoO 57. Das wiederholt sich in Beethovens Musik ständig. Es ist wie ein Code, vielleicht wollte er ihr nahe sein. Josephines sanfte, aber auch kraftvolle Psyche scheint mir stark präsent in Beethovens Werk. Sie war seine zentrale Liebe, sein Frauen-Idol. Ich stelle sie mir als eine ungeheuer attraktive, energievolle, anregende, aber auch sanfte Frau vor, die das Leben liebte und Beethoven stark berührt hat. Sie war der Typ Frau, den Männer mögen: gebildet, begeisterungsfähig, aber sie belastete die Männer nicht mit Forderungen. Und dann entdeckte ich, dass sie mit einem Mann aus meiner Heimat, sogar aus meiner Geburtsstadt Tallinn verheiratet war, Baron von Stackelberg.

          Der Künstler als Rechercheur: Jüri Reinvere

          Sie haben auch das Libretto selbst verfasst. Auf welches Archivmaterial oder welche Briefe haben Sie sich dabei bezogen?

          Ich bin Künstler, meine Oper versucht nicht zu beweisen, dass Minona Beethovens Tochter war. Doch ich wollte mich von den historischen Tatsachen nicht zu weit entfernen. Ich habe das Beethoven-Haus in Bonn und viel wissenschaftliche Literatur konsultiert. Die zentrale Idee der Oper ist, dass Minona von der hochintensiven Liebesgeschichte ihrer Mutter mit Beethoven beeinflusst, ja determiniert war. Tatsächlich interessierte sie sich in der Zeit um Beethovens hundertsten Geburtstag für die Geschichte um ihn und ihre Mutter. Sie bekam jene Liebesbriefe in die Hände, die wir erst seit gut sechzig Jahren kennen, weil sie Minona gestohlen und nach Amerika verkauft wurden. Das spielt in der Oper eine Rolle.

          Das Thema Ihrer Oper ist auch das Drama von Kindern, deren Eltern hohe idealistische Ansprüche haben und dann ihr Leben nicht in den Griff bekommen?

          Ja, nicht nur Beethoven, sondern auch Josephines Mann Christoph von Stackelberg, übrigens ein mit Pestalozzi verbundener Reformpädagoge, war Privatlehrer in der Familie von Josephine Brunsvik. Daher erscheint es glaubwürdig, dass Josephine mit Beethoven ins Bett ging. Es gibt ein Muster in ihrem Leben. Sie lässt sich begeistern von interessanten, idealistischen Männern, verliebt sich und verliert die Kontrolle über ihr Leben zwischen den Idealen und dem Alltag mit den Standespflichten. Viele Indizien sprechen dafür, dass Josephine im Juli 1812 in Prag war. Sie bemühte sich damals darum, vom Kaiser die Genehmigung zur Scheidung von Stackelberg zu bekommen. Der Kaiser war gerade in den böhmischen Bädern mit seiner Entourage, und für Josephine, die mit dem Kaiser befreundet war, lag es nahe, nach Prag zu gehen, um ihn zu treffen. Und dann fällt auf, dass Josephine sofort nach der Prag-Episode zu Stackelberg zurückkehrt, um die Ehe doch noch zu retten – nachdem sie sich gerade um eine kaiserliche Erlaubnis für die Scheidung bemüht hatte! Sie versuchte wahrscheinlich, platt gesagt, schnellstmöglich mit Stackelberg ins Bett zu gehen, auch um des Kindes willen ... Und genau vierzig Wochen nach dem Brief beziehungsweise dem Treffen mit der „Unsterblichen Geliebten“ wird Minona geboren. Mir scheint, auch Josephine wollte, dass die genaue Vaterschaft für immer ein Geheimnis bleibt, auch für Minona. Sie wiederholt dieses Muster übrigens noch einmal im Leben. Sie bekommt später noch ein Kind von einem Mathematiklehrer, wieder einem Privatlehrer ihrer Kinder, in aller Heimlichkeit.

          Was haben Sie in Ihrer estnischen Heimat über dieses Familiendrama in Erfahrung bringen können?

          Ich habe in Tartu Dokumente über Christoph von Stackelberg gefunden, der als Gründer des Schulsystems für Estland sehr wichtig ist. Ich fand dramatische Zeugnisse, etwa Pfändungsurkunden der Familie Brunsvik gegenüber Christoph von Stackelberg. Sein immer katastrophalerer Geldmangel war auch ein Grund für seine Ehekatastrophe. Er war in dieser Hinsicht wie ein schwarzes Loch. Dabei gibt es keine Indizien für Spielschulden oder Alkoholismus. Aber er machte mit seinem eigenen Geld viel Aufbauarbeit für ein Schulsystem.

          Wie war das Verhältnis von Minona zu ihrem Ziehvater oder Vater?

          Stackelberg und Josephine blieben verheiratet, lebten aber schon in Wien getrennt. Schließlich wurde ihr Konflikt so groß, dass er ihr seine Kinder mit Polizeigewalt wegnahm und sie nach Estland brachte, wo sie bis zu seinem Tod ganz in seiner Macht blieben. Er wollte offenbar noch etwas Großes im Leben machen, dafür bot ihm Estland die besten Möglichkeiten. Im Archiv in Tartu fand ich Erinnerungen eines Schülers von Stackelberg. Darin steht, dass die Schwestern Marie und Minona dort total isoliert von der Gesellschaft waren, praktisch nur in Privatstunden und beim Klavierspiel lebten. Sie waren wie zwei Blumen, die nie blühen konnten. Dieses Bild vom Familienleben wurde für meine Oper wichtig.

          Sein Eheideal erfüllte sich nur im „Fidelio“: Ludwig van Beethoven im Jahr 1814

          In was für einer musikalischen Sprache haben Sie Ihre Oper geschrieben?

          Ich habe natürlich eine eigene Sprache, weder ahme ich Beethovens Musik nach, noch kommentiere ich sie. Dennoch spielt sie in der Oper eine Rolle, insbesondere die Partitur von Fidelio. Außerdem gibt es in der Orchestrierung Anklänge an Beethoven sowie bei der Motivik, die wie bei Beethoven im Gewebe meines Stücks zentral ist.

          Sie lassen sogar die Figur der Leonore auftreten – als Gegenbild zu Minona oder als schöne Illusion?

          Für mich ist Leonore ein Josephine-Bild, ihre idealisierte Version. Sie verkörpert die Liebende, sie ist eine Lichtgestalt, die im Leben immer das Helle sieht statt das Dunkle. Sie ist allerdings kämpferischer, als Josephine es war. Auch andere Frauen sind in der Figur enthalten, kein Künstler zieht da genaue Grenzen. Aber Josephine steht im Zentrum.

          Welche Rolle spielt Beethoven für Sie als Komponist?

          Mir ist schon als Kind klargeworden, dass Beethoven einer der allergrößten Komponisten war. Etwa wie bei Raffael in der bildenden Kunst gibt es ein Vorher und ein Nachher. So wie bei Raffael die Farbe zu atmen und zu leuchten beginnt, arbeitet Beethoven mit der musikalischen Struktur. Komponisten sind vorzügliche Manipulatoren, wir können die Zeit verkürzen und verlängern, Beethoven tut das virtuos.

          Goethe, der Beethoven in der Zeit um 1812 begegnete, beschrieb ihn als „ungebändigten“ Menschen. In Ihrer Oper ist er nur durch seine Musik anwesend. Wie sehen Sie ihn als Mensch?

          Ich glaube, er hatte Glück, weil er im richtigen Moment nach Wien kam, das von Mozarts Tod schockiert war. Wien hatte ein schlechtes Gewissen gegenüber Mozarts Erbe und war für diesen starken musikalischen Akteur ein fruchtbarer Boden. Er war freilich auch Choleriker. Und er ersehnte die Ruhe einer Familie, einer Ehe, die Harmonie zwischen liebenden Partnern, was sich nie erfüllte. Auch deswegen wurde er ein immer schwierigerer Mensch. Er begriff das selbst. Dieses Drama ist in seiner Musik präsent. Er ist ehrlich in dem, was er schreibt. Umgekehrt wurde Beethoven auch fälschlicherweise dämonisiert. Oft vergisst man, was für ein liebender Mann er war.

          Untertanin des russischen Zaren: In Estland unterschrieb Minona von Stackelberg ein Gesuch an Nikolai I.

          Die historische Minona hat in ihrem Leben eine große Wandlung durchgemacht, als Kind war sie vital, musikalisch begabt, sie rebelliert gegen die streng pietistische Entsagung von Stackelberg, macht sich diese jedoch später selbst zu eigen, wie Sie in Ihrer Oper vergegenwärtigen?

          Stackelbergs Erziehungsideologie verlangte, den Willen des Kindes zu brechen. Ich glaube, das ist ihm bei Minona teilweise gelungen. Ihr Leben wurde zur Gegenerzählung zu Fidelio, dem Hohelied auf die eheliche Liebe, sie wurde eine Art Anti-Leonore. Allerdings hatte Minona nach dem Tod des Vaters noch vergleichsweise gute Jahre in Wien. Sie bekam dort die Stelle einer Gesellschaftsdame in einer Familie. Damen durften ja nicht allein ins Theater oder ins Konzert gehen. So fand sie einen Platz in der Gesellschaft, nahm am Musikleben teil. Sie wurde auch sehr alt. Das spricht für einen starken Lebenswillen. Aber natürlich hat sie ihr Leben in Hinterzimmern zugebracht. Sie war in Wien sicher ein skurriler Vogel, eine wunderliche alte Dame, die mit einem komischen baltischen Akzent sprach.

          Stackelberg war wie Beethoven idealistisch und rigoros, wenn auch in ganz anderer Weise als Beethoven. Doch in jungen Jahren hatte er offenbar etwas, was Josephine begeistern konnte?

          Er unterrichtete ihre Kinder aus erster Ehe. Seine Bildung, sein Interesse an Erziehung, an der Antike, das hat sie verbunden, darüber haben sie tagelang miteinander geredet und gelesen. Doch allmählich zeigte sich das wahre Gesicht von Stackelberg. Josephine ist erst begeistert, sie haben eine Affäre, aber kaum ist sie schwanger und verheiratet, beginnt ihr Widerwille. Das muss eine große Erniedrigung für ihn gewesen sein. Er hat sich sehr darum bemüht, sie an seiner Seite haben zu können. Die Ehe war standesgemäß – was mit Beethoven nicht der Fall gewesen wäre, sie hätte alles verloren, wäre völlig von ihm abhängig gewesen. Doch Josephines Mutter war gegen die Ehe. Aber sie musste Stackelberg schnell heiraten, weil sie schwanger war.

          In Ihrer estnischen Heimat ist Stackelberg aber doch fast so berühmt wie Beethoven?

          Er hat dort die ersten Schulen für die estnischen Bauernkinder gegründet. Für die Esten ist er sehr wichtig, er bildet die Vorgeschichte zu dem nationalen Erwachen sechzig, siebzig Jahre später. Stackelberg war gewissermaßen der erste Beweger. Durch ihn kamen die analphabetischen Bauern plötzlich in die Schulen. Den Anstoß dazu gaben die Pietisten und die Herrnhuter, die fanden, dass alle Menschen gleich sind, dass Bauern und Adlige in der Schule zusammensitzen und lernen können. Dass die Brunsviks ihn nicht recht wollten, hat ihn wahrscheinlich sehr gekränkt. Irgendwann ist er völlig verbittert. Das bezeugen auch die Briefe und Erinnerungen des ehemaligen Schülers und späteren Freundes und Kollegen von Christoph von Stackelberg, die ich in Tartu fand. Diese detaillierten und dabei ausgesprochen freundschaftlichen Aufzeichnungen vermitteln das trostlose Bild eines Menschen, der sich durch seine pietistische Strenge von seiner Familie entfremdet hatte, aber auch in Reval, wie Tallinn damals hieß, völlig vereinsamt war.

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