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Eine neue Beethoven-Oper : Sie war der Typ Frau, den Männer mögen

Mir ist schon als Kind klargeworden, dass Beethoven einer der allergrößten Komponisten war. Etwa wie bei Raffael in der bildenden Kunst gibt es ein Vorher und ein Nachher. So wie bei Raffael die Farbe zu atmen und zu leuchten beginnt, arbeitet Beethoven mit der musikalischen Struktur. Komponisten sind vorzügliche Manipulatoren, wir können die Zeit verkürzen und verlängern, Beethoven tut das virtuos.

Goethe, der Beethoven in der Zeit um 1812 begegnete, beschrieb ihn als „ungebändigten“ Menschen. In Ihrer Oper ist er nur durch seine Musik anwesend. Wie sehen Sie ihn als Mensch?

Ich glaube, er hatte Glück, weil er im richtigen Moment nach Wien kam, das von Mozarts Tod schockiert war. Wien hatte ein schlechtes Gewissen gegenüber Mozarts Erbe und war für diesen starken musikalischen Akteur ein fruchtbarer Boden. Er war freilich auch Choleriker. Und er ersehnte die Ruhe einer Familie, einer Ehe, die Harmonie zwischen liebenden Partnern, was sich nie erfüllte. Auch deswegen wurde er ein immer schwierigerer Mensch. Er begriff das selbst. Dieses Drama ist in seiner Musik präsent. Er ist ehrlich in dem, was er schreibt. Umgekehrt wurde Beethoven auch fälschlicherweise dämonisiert. Oft vergisst man, was für ein liebender Mann er war.

Untertanin des russischen Zaren: In Estland unterschrieb Minona von Stackelberg ein Gesuch an Nikolai I.

Die historische Minona hat in ihrem Leben eine große Wandlung durchgemacht, als Kind war sie vital, musikalisch begabt, sie rebelliert gegen die streng pietistische Entsagung von Stackelberg, macht sich diese jedoch später selbst zu eigen, wie Sie in Ihrer Oper vergegenwärtigen?

Stackelbergs Erziehungsideologie verlangte, den Willen des Kindes zu brechen. Ich glaube, das ist ihm bei Minona teilweise gelungen. Ihr Leben wurde zur Gegenerzählung zu Fidelio, dem Hohelied auf die eheliche Liebe, sie wurde eine Art Anti-Leonore. Allerdings hatte Minona nach dem Tod des Vaters noch vergleichsweise gute Jahre in Wien. Sie bekam dort die Stelle einer Gesellschaftsdame in einer Familie. Damen durften ja nicht allein ins Theater oder ins Konzert gehen. So fand sie einen Platz in der Gesellschaft, nahm am Musikleben teil. Sie wurde auch sehr alt. Das spricht für einen starken Lebenswillen. Aber natürlich hat sie ihr Leben in Hinterzimmern zugebracht. Sie war in Wien sicher ein skurriler Vogel, eine wunderliche alte Dame, die mit einem komischen baltischen Akzent sprach.

Stackelberg war wie Beethoven idealistisch und rigoros, wenn auch in ganz anderer Weise als Beethoven. Doch in jungen Jahren hatte er offenbar etwas, was Josephine begeistern konnte?

Er unterrichtete ihre Kinder aus erster Ehe. Seine Bildung, sein Interesse an Erziehung, an der Antike, das hat sie verbunden, darüber haben sie tagelang miteinander geredet und gelesen. Doch allmählich zeigte sich das wahre Gesicht von Stackelberg. Josephine ist erst begeistert, sie haben eine Affäre, aber kaum ist sie schwanger und verheiratet, beginnt ihr Widerwille. Das muss eine große Erniedrigung für ihn gewesen sein. Er hat sich sehr darum bemüht, sie an seiner Seite haben zu können. Die Ehe war standesgemäß – was mit Beethoven nicht der Fall gewesen wäre, sie hätte alles verloren, wäre völlig von ihm abhängig gewesen. Doch Josephines Mutter war gegen die Ehe. Aber sie musste Stackelberg schnell heiraten, weil sie schwanger war.

In Ihrer estnischen Heimat ist Stackelberg aber doch fast so berühmt wie Beethoven?

Er hat dort die ersten Schulen für die estnischen Bauernkinder gegründet. Für die Esten ist er sehr wichtig, er bildet die Vorgeschichte zu dem nationalen Erwachen sechzig, siebzig Jahre später. Stackelberg war gewissermaßen der erste Beweger. Durch ihn kamen die analphabetischen Bauern plötzlich in die Schulen. Den Anstoß dazu gaben die Pietisten und die Herrnhuter, die fanden, dass alle Menschen gleich sind, dass Bauern und Adlige in der Schule zusammensitzen und lernen können. Dass die Brunsviks ihn nicht recht wollten, hat ihn wahrscheinlich sehr gekränkt. Irgendwann ist er völlig verbittert. Das bezeugen auch die Briefe und Erinnerungen des ehemaligen Schülers und späteren Freundes und Kollegen von Christoph von Stackelberg, die ich in Tartu fand. Diese detaillierten und dabei ausgesprochen freundschaftlichen Aufzeichnungen vermitteln das trostlose Bild eines Menschen, der sich durch seine pietistische Strenge von seiner Familie entfremdet hatte, aber auch in Reval, wie Tallinn damals hieß, völlig vereinsamt war.

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