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Eine neue Beethoven-Oper : Sie war der Typ Frau, den Männer mögen

Ja, nicht nur Beethoven, sondern auch Josephines Mann Christoph von Stackelberg, übrigens ein mit Pestalozzi verbundener Reformpädagoge, war Privatlehrer in der Familie von Josephine Brunsvik. Daher erscheint es glaubwürdig, dass Josephine mit Beethoven ins Bett ging. Es gibt ein Muster in ihrem Leben. Sie lässt sich begeistern von interessanten, idealistischen Männern, verliebt sich und verliert die Kontrolle über ihr Leben zwischen den Idealen und dem Alltag mit den Standespflichten. Viele Indizien sprechen dafür, dass Josephine im Juli 1812 in Prag war. Sie bemühte sich damals darum, vom Kaiser die Genehmigung zur Scheidung von Stackelberg zu bekommen. Der Kaiser war gerade in den böhmischen Bädern mit seiner Entourage, und für Josephine, die mit dem Kaiser befreundet war, lag es nahe, nach Prag zu gehen, um ihn zu treffen. Und dann fällt auf, dass Josephine sofort nach der Prag-Episode zu Stackelberg zurückkehrt, um die Ehe doch noch zu retten – nachdem sie sich gerade um eine kaiserliche Erlaubnis für die Scheidung bemüht hatte! Sie versuchte wahrscheinlich, platt gesagt, schnellstmöglich mit Stackelberg ins Bett zu gehen, auch um des Kindes willen ... Und genau vierzig Wochen nach dem Brief beziehungsweise dem Treffen mit der „Unsterblichen Geliebten“ wird Minona geboren. Mir scheint, auch Josephine wollte, dass die genaue Vaterschaft für immer ein Geheimnis bleibt, auch für Minona. Sie wiederholt dieses Muster übrigens noch einmal im Leben. Sie bekommt später noch ein Kind von einem Mathematiklehrer, wieder einem Privatlehrer ihrer Kinder, in aller Heimlichkeit.

Was haben Sie in Ihrer estnischen Heimat über dieses Familiendrama in Erfahrung bringen können?

Ich habe in Tartu Dokumente über Christoph von Stackelberg gefunden, der als Gründer des Schulsystems für Estland sehr wichtig ist. Ich fand dramatische Zeugnisse, etwa Pfändungsurkunden der Familie Brunsvik gegenüber Christoph von Stackelberg. Sein immer katastrophalerer Geldmangel war auch ein Grund für seine Ehekatastrophe. Er war in dieser Hinsicht wie ein schwarzes Loch. Dabei gibt es keine Indizien für Spielschulden oder Alkoholismus. Aber er machte mit seinem eigenen Geld viel Aufbauarbeit für ein Schulsystem.

Wie war das Verhältnis von Minona zu ihrem Ziehvater oder Vater?

Stackelberg und Josephine blieben verheiratet, lebten aber schon in Wien getrennt. Schließlich wurde ihr Konflikt so groß, dass er ihr seine Kinder mit Polizeigewalt wegnahm und sie nach Estland brachte, wo sie bis zu seinem Tod ganz in seiner Macht blieben. Er wollte offenbar noch etwas Großes im Leben machen, dafür bot ihm Estland die besten Möglichkeiten. Im Archiv in Tartu fand ich Erinnerungen eines Schülers von Stackelberg. Darin steht, dass die Schwestern Marie und Minona dort total isoliert von der Gesellschaft waren, praktisch nur in Privatstunden und beim Klavierspiel lebten. Sie waren wie zwei Blumen, die nie blühen konnten. Dieses Bild vom Familienleben wurde für meine Oper wichtig.

Sein Eheideal erfüllte sich nur im „Fidelio“: Ludwig van Beethoven im Jahr 1814

In was für einer musikalischen Sprache haben Sie Ihre Oper geschrieben?

Ich habe natürlich eine eigene Sprache, weder ahme ich Beethovens Musik nach, noch kommentiere ich sie. Dennoch spielt sie in der Oper eine Rolle, insbesondere die Partitur von Fidelio. Außerdem gibt es in der Orchestrierung Anklänge an Beethoven sowie bei der Motivik, die wie bei Beethoven im Gewebe meines Stücks zentral ist.

Sie lassen sogar die Figur der Leonore auftreten – als Gegenbild zu Minona oder als schöne Illusion?

Für mich ist Leonore ein Josephine-Bild, ihre idealisierte Version. Sie verkörpert die Liebende, sie ist eine Lichtgestalt, die im Leben immer das Helle sieht statt das Dunkle. Sie ist allerdings kämpferischer, als Josephine es war. Auch andere Frauen sind in der Figur enthalten, kein Künstler zieht da genaue Grenzen. Aber Josephine steht im Zentrum.

Welche Rolle spielt Beethoven für Sie als Komponist?

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