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Neue Opernbaustelle : Was wir uns hier in Düsseldorf vorstellen

Wie lange werden sich diese Türen noch öffnen? Das von Paul Bonatz aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs wiedererrichtete Düsseldorfer Opernhaus an der Heinrich-Heine-Allee. Bild: www.archipicture.eu

Am alten Ort oder an anderem Ort, auf jeden Fall ein Wahrzeichen: Für die Deutsche Oper am Rhein soll ein Neubau errichtet werden.

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          Düsseldorf will eine neue Oper bauen. Die Deutsche Oper am Rhein bespielt an der Heinrich-Heine-Allee ein 1875 errichtetes Gebäude, das im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstört und nach Plänen von Paul Bonatz unter Verzicht auf die historistischen Fassaden wiedererrichtet wurde. Im März 2019 gab der Stadtrat eine Studie zur Zukunft der Oper in Auftrag, die neben einer Sanierung auch die Möglichkeit eines Neubaus prüfen sollte. Oberbürgermeister Stephan Keller von der CDU, der nach der Kommunalwahl im September 2020 den Sozialdemokraten Thomas Geisel ablöste, unterrichtete am 11. März die Presse über die Ergebnisse der Studie und stellte dabei den Neubau als die nach „fachlicher Meinung“ eindeutig vorzuziehende Variante hin. Im Stadtrat, in dem die CDU und die Grünen die regierende Koalition bilden, zeichnet sich nach Einschätzung des Oberbürgermeisters eine Mehrheit für die Neubaulösung ab, für die Kulturdezernent Hans-Georg Lohe (CDU) und Intendant Christoph Meyer alle gängigen Schlagworte der Kulturtourismuswerbung mobilisierten, von der „großen Chance“ über den „magischen Ort“ bis zum „neuen Wahrzeichen der Stadt“.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Im Dezember soll der Rat eine Grundsatzentscheidung fällen und gegebenenfalls auch schon einen Standort auswählen. Keine Präferenz gab Keller in der Frage zu erkennen, ob die neue Oper am alten Ort gegenüber der Kunstsammlung NRW oder an anderer Stelle errichtet werden soll. Allerdings bekannte sich der Oberbürgermeister zur Innenstadt. Der gelegentlich vorgeschlagene Hafen würde damit ausscheiden, und der Radius der Grundstückssuche wäre von vornherein enger gezogen als etwa beim Konzertsaal in München. Einen Bürgerentscheid über den Standort schloss Keller nicht aus, er gab aber zu verstehen, dass der Stadtrat, der sich über die den Bürgern vorzulegende Frage verständigen müsste, die Sache auch gleich selbst entscheiden könnte.

          Fachliche Gründe zweierlei Art brachte Keller für einen Neubau in Anschlag: die Anforderungen des Opernbetriebs und die Kostenrisiken. Obwohl der Zuschauerraum beim Wiederaufbau von 800 Sitzplätzen auf 1400 vergrößert wurde, suggerierte Keller mehrfach, dass ein „Stadttheater von 1875“ heute naturgemäß nicht mehr ausreiche. Die Sanierung nimmt sich auf dem Papier zwar billiger aus, mit geschätzten 457 Millionen Euro für eine reine Bestandssanierung oder 612 Millionen bei Ergänzung um eine Probebühne gegenüber 716 Millionen für einen Neubau am selben Ort oder 636 Millionen anderswo (da kein Interimsbau nötig wäre, dafür allerdings zuzüglich des eventuellen Preises für den Grundstückskauf). Aber Keller zieht seine „Lehre“ aus der Kostensteigerung der Sanierung der Oper in Köln, wo er zuletzt Stadtdirektor war. Ein „sanierter Altbau“ ist für ihn indes auch unabhängig vom Geld „nicht das, was wir uns hier in Düsseldorf vorstellen“.

          Es zeigt sich, wie weit weg Krieg und Nachkrieg sind: Von der Bedeutung der 1994 unter Denkmalschutz gestellten Bonatz-Oper für den Wiederaufbau war vor der Presse nicht die Rede. Am 2. Oktober 1946 war im provisorisch wiederhergestellten Opernhaus der Landtag von Nordrhein-Westfalen zu seiner konstituierenden Sitzung zusammengetreten. Die Bomben taugen inzwischen sogar für einen zynischen Scherz: Leider hätten sie die „falsche Seite zerstört“, sagte die Projektleiterin Anna Montag, den Zuschauerraum und nicht das Hinterhaus. 

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