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Neuinszenierung : Wie die Börse tanzt und fällt

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Die Geschichte der Lehmans ist freilich auch eine Geschichte von Assimilierung und Glaubensverlust. Bild: EPA

Aufstieg und Fall der Lehman Brothers: Sam Mendes und Ben Power inszenieren die Hybris der Geldmacher am National Theatre in der famosen Neuauflage von Massinis Trilogie.

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          Zwei Jahre nach dem Kollaps der Lehman Bank, der 2008 eine verheerende Kettenreaktion im internationalen Finanzwesen auslöste, kamen Kunstwerke und Memorabilien aus der Insolvenzmasse zur Versteigerung. Eine die Nemesis erfassende Bilderfolge zeigt, wie das blitzblanke Edelstahlschild der Londoner Niederlassung von Lehman Brothers ins Auktionshaus getragen wird. In Stefano Massinis „The Lehman Trilogy“, der fabelähnlichen Dramatisierung des Aufstiegs und Falls der Lehman-Dynastie, bekommt das Firmenschild leitmotivischen Charakter. Seine verschiedenen Inkarnationen markieren die Stationen in der Entwicklung des Unternehmens von den bescheidenen Ursprüngen im Gemischtwarenladen in Montgomery, Alabama, über den Rohstoffhandel zum Finanzriesen an der Wall Street.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Am Anfang, als Henry, der älteste von drei Söhnen eines Viehhändlers, die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts aus dem unterfränkischen Rimpar in „die magische Spieldose“ Amerika emigriert sind, seinen Tuchhandel eröffnet, steht sein Name an der Glastür geschrieben. Eines Tages, verspricht er sich, werde es ein schönes Schild geben, so groß wie das Gebäude. Als die Brüder Emanuel und Mayer der Reihe nach dazukommen, wird Henrys Name an der Glastür durch ein selbstgemaltes Schild ersetzt, auf dem in gelben Lettern auf schwarzem Hintergrund der neue Firmenname, Lehman Brothers, über der Firmenbezeichnung „Stoffe und Anzüge“ prangt. Und so geht es über die Wandlungen des Unternehmens immer weiter, bis eines Tages in New York ein Schild angebracht wird, auf dem steht: Lehman Corporation.

          An Details wie diesen macht Massini sein rund hundertsechzig Jahre überspannendes Panorama fest, das Sam Mendes jetzt, fünf Jahre nach der Pariser Uraufführung, am Londoner National Theatre grandios in Szene gesetzt hat in einer von Ben Power auf knapp dreieinhalb Stunden gestrafften und dem Regiekonzept angepassten Bearbeitung der ausgiebigen Vorlage. Massini lässt die Persönlichkeiten, das familiäre Beziehungsgeflecht und den Generationenkonflikt stärker hervortreten als die wirtschaftlichen Mechanismen, die zunächst zum Erfolg und schließlich in die Krise führen. Hier und da ergänzt er die tatsächlichen Begebenheiten durch Erfundenes.

          Die Geschichte der Lehmans ist eine Geschichte von Assimilierung

          Dabei schrammt er oft haarscharf am Klischee vorbei, etwa bei dem das Hasardspiel der Spekulanten verkörpernden Seiltänzer. Fünfzig Jahre lang balanciert der Mann jeden Tag auf seinem Draht zwischen zwei Straßenlaternen an der Wall Street gespannten Draht, ohne abzustürzen. Er geht auf Luft, wie die Banker, die mit virtuellen Werten handeln. Am Tag des Börsenkrachs von 1929 fällt der Seiltänzer zum ersten Mal herunter. Die Lehman Bank wackelt, findet aber das Gleichgewicht wieder. Bis zum endgültigen Absturz, dem letzten Teil der Trilogie, ist der letzte Lehman der Firma längst gestorben.

          Wie Es Devlins Bühnenbild mit dem bei Bedarf rotierenden Glasbüro an der Spitze des Bankhochhauses spiegelt die Familiensaga das Emporkommen der Einwanderer- und Pioniernation Amerika. Die Motivationen der Protagonisten werden als die Triebfedern des Kapitalismus dargestellt. Ein ums andere Mal führen die Familienmitglieder vor, wie sie in ihrem unermüdlichen Expansionsdrang Marktlücken ausfindig machen und in vor allem in Notsituationen kreative Geschäftsmodelle entwickeln – ganz nach der Devise von Emanuels nerdigen Sohn Philip, dass man, um Geld zu machen, bloß die einfachen Dinge entdecken müsse, bevor sie wirklich einfach seien.

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