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Scala: Verdis „Giovanna d’Arco“ : Krieg im Schlafzimmer

  • -Aktualisiert am

Steht unbestritten im Mittelpunkt des Abends: Anna Netrebko als Giovanna in Verdis siebter Oper. Bild: AFP

Eigentlich steht Giuseppe Verdis siebte Oper im Ruf, missglückt zu sein. Jetzt triumphiert Anna Netrebko in „Giovanna d’Arco“ an der Mailänder Scala. Es regnet Blumen.

          Die Wiege der Oper, wohl auch ihr Kindergarten, ihre Haupt- und Realschule, all das stand früher in Italien. Das ist zwar lange her. Doch einmal im Jahr werden die Uhren zurückgestellt, und das Teatro alla Scala in Mailand erinnert die Nation an diese guten alten Zeiten, mit Krawall, Pomp und Umständen.

          Stichtag ist der siebte Dezember, Namenstag des heiligen Ambrosius, der mit einem großen Stadtfest gefeiert wird, weshalb auch das ehrwürdige Musiktheater, blutroter Samt, blondes Gold, rund 2000 Plätze, Baujahr 1778, seine Saison just an diesem Tag zu eröffnen pflegt, mit der traditionellen „Inaugurazione“. Die höchsten Repräsentanten des Staates halten Einzug in die mit frischen Blumen gekränzte Königsloge, diesmal: Ministerpräsident Matteo Renzi nebst Gattin. Die Nationalhymne wird im Stehen gemeinsam gesungen, begleitet vom vollen Orchester unter dem neuen Scala-Musikchef Riccardo Chailly: „Il canto d’Italiani“, Humtata-Ausgeburt des Risorgimento, Jahrgang 1847. Auch sind 700 operettenreif Uniformierte unterschiedlicher Dienstgrade im Einsatz, um das Teatro samt illustrem Inhalt abzuschirmen vor der Wut der niederen Volksmassen, die man aber diesmal, anders als sonst, mehr ahnt, als dass man sie sehen könnte. Zu wenige protestieren. Zu weiträumig gerieten die Absperrungen. Außerdem wird die komplette Oper samt Anna Netrebko diesmal live und gratis in die angrenzenden Arkaden und sogar von Arte übertragen, damit jeder etwas davon hat.

          Eine etwas übergeschnappte Primadonna

          Auf dem Spielplan, zum ersten Mal seit 150 Jahren: „Giovanna d’Arco“, eine Risorgimento-Oper von Giuseppe Verdi, mit vielen herrlich flammenden Chören. Die heilige Johanna rettet I Franchi vor den Invasoren und opfert sich fürs Vaterland. Viva! Als alles vorbei ist, beim Verbeugen, schüttet die Claque aus den äußersten Logen des sechsten Ranges bunte Blumen in Hülle und Fülle aus über der Netrebko, die sich, im kurzen Hemd und barfüßig, unter dem Bombardement vergnügt wegduckt und hüpft, lacht, winkt und ihre Kollegen umärmelt: links den stimmlich etwas stählernen, äußerlich aber totalvergoldeten Tenor Francesco Meli, der als Carlo VII in ein Kostüm à la C-3PO gesteckt wurde; rechts den Bariton Devid Cecconi, der achtbar eingesprungen war für Carlos Àlvarez, in der Partie von Johannas rechtschaffenem Vater.

          Teufel noch eins! Giovanna kämpft gegen das Böse. Bilderstrecke

          So ein Feuer, so eine Liebe, so einen Enthusiasmus des Publikums würde man sich einmal wünschen an einem der kalten Schwimmbad-Opernhäuser hierzulande! Allenfalls beim Karneval gibt es ähnliche Konfettiparaden, ziehen die Kinder vergnügt den Kopf ein unter dem Bonbon-Bombardement. Nun ist Giuseppe Verdis siebte Oper allerdings wirklich eine Karnevalsoper, uraufgeführt am 15. Februar 1845, kurz vor der Fastenzeit. Nur dass sich die Jungfrau von Orléans, von der Friedrich Schiller in seinem Trauerspiel berichtet, in Temistocle Soleras Libretto in Sonnambula verwandelt hat: eine dieser etwas übergeschnappten Belcanto-Primadonnen, eine empfindsame Seele, die wunderlich lange und endlos langsame Kantilenenbögen singt, welche zu den Kriegschören in krassem Gegensatz stehen. Die auch an sich und ihrer Mission zweifelt, die sich, nach Weiberart, recht weltlich in ihren güldenen Carlo-Tenor verliebt und die dann als Einzige auf der Bühne die Engel im Himmel, aber auch die Dämonen in der Unterwelt singen hört. Natürlich, das Publikum hört mit: bei den Engeln Harfenpling, avantgardistisch gemischt mit Harmoniumseufzern. Bei den Teufeln, die „Tu sei bella“ rufen, grausige Kakophonien.

          Das gehört sich so

          Ihrer Brüche und Widersprüche wegen steht „Giovanna d’Arco“ in dem Ruf, eine der missglückten Opern Giuseppe Verdis zu sein. Mit der dramaturgischen Stringenz von „Traviata“ oder „Rigoletto“ ist sie auch sicher nicht vergleichbar. Trotzdem gibt es eine Fülle großartiger Musiknummern, und man begreift, warum Anna Netrebko, die der Partie der Johanna, auf ihrem Weg vom leichten Belcanto- zum dunkleren dramatischen Fach, vor zwei Jahren schon einmal in Salzburg begegnet war, diese Oper besonders liebt. Giovanna d’Arco ist eine differenzierte Figur: Sie scheitert zunächst als Retterin des Vaterlandes, der amore wegen. Sehr italienisch! Und sie gewinnt am Ende die Schlacht, weil sie verzichtet und der Liebe keusch entsagt. Sehr deutsch!

          Das Regieteam Patrice Caurier und Moshe Leiser hat die Handlung vom fünfzehnten Jahrhundert in das neunzehnte verlegt, also in die Verdi-Zeit. Die Idee ist vielleicht nicht neu, aber die Rechnung geht sehr gut auf, denn Caurier und Leiser trauen sich und uns, dem patriotischen Anlass huldigend, auch musicalreife Vereinfachungen und Kitschbilder zu. Das Schlachtfeld befindet sich von Anfang an im Schlafzimmer. Johanna liegt im Bett, sie schläft, sie träumt. Es erscheinen blutrote Menetekel an den Wänden, die allmählich transparent werden, die Holzverschalung klappt auf, der Krieg dringt ins Zimmer ein, mit breughelschem Detailrealismus, in bunten Wimmelszenen. Am Ende des zweiten Aktes, als Johanna fast dem Charme des Tenors erliegt, wird sie von eklen schalentierrötlichen Gummiteufeln überrannt. Zu Beginn des dritten Aktes wächst die komplette Kathedrale von Reims aus dem Bühnenboden, sieht aus wie Notre-Dame, die Kirchenfenster glühen, der Heiland persönlich tritt auf und schleppt das Kreuz herbei, das sich später in einen Scheiterhaufen wandelt, und in Rauch und Feuer versinkt die Kathedrale wieder, mit Stumpf und mit Stiel.

          Kurzum: Es fehlt an nichts. Die Netrebko, mit ihren orgelnden Tiefe, ihrer strahlenden Höhe und der berückenden Messa-di-voce-Kunst, steht unbestritten im Mittelpunkt des Abends. Dass daneben die Männerstimmen verblassen, das gehört sich auch so. Chailly trägt freilich alle Sänger auf Händen, er hat sich Chor und Orchester der Mailänder Scala innerhalb kürzester Frist umgeformt zu einem perfekten Instrument im Dienste der musikalischen Wahrheit. Man muss es wohl so pathetisch sagen: Er ist in Mailand wieder zu Hause angekommen, bei der Oper. Das ist ein großes Glück.

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