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Salzburger Festspiele : Gut gesponserte Kapitalismuskritik

Gastarbeit kann Folter sein: Die Aktualisierung von Nonos „Intolleranza 1960“. Bild: dpa

Bei den Salzburger Festspielen überzeugt Morton Feldmans Oper „Neither“ als eine zum Psychoterror gesteigerte Irritation. Jan Lauwers hingegen ertränkt Luigi Nonos „Intolleranza 1960“ in linkem Kitsch.

          3 Min.

          Es gibt Fortschritte der Freundlichkeit in Salzburg, zumindest äußerlich. Noch zu den Pfingstfestspielen war der Ton der Durchsagen für die Corona-Maßregeln im Saal so barsch wie von einer Frühsporttrainerin im kulturrevolutionären Umerziehungslager. Nach ihrem „Enjoy the performance!“ konnte man gar nicht anders, als mit strammen Gesäßbacken folgsam und freudig zu sein.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Jetzt hat, äußerst gewinnend, die Festspielleitung selbst die Durchsagen eingesprochen: Helga Rabl-Stadler auf Deutsch, Markus Hinterhäuser auf Englisch. „Außerdem ersuchen wir Sie, den Ihnen zugewiesenen Platz nicht zu wechseln“ – das klingt nach einer Verhandlungsgrundlage. Denn welchen Sinn sollte es haben, streng auf Einhaltung der Sitzplatzzu­weisung zu pochen, wenn man Vorstellungspausen mit Publikumsbewegung gestattet, die jede Infektionskettenverfolgung unmöglich machen?

          Wie Beethoven, Wagner und Sibelius

          Die Wirklichkeit sieht allerdings anders aus. Als ein Mann in der Kollegienkirche beim Morton-Feldman-Konzert des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien den ihm zugewiesenen Platz nicht annehmen kann, weil er für ihn zu eng ist und er Schmerzen beim Sitzen bekommt, bietet er an, sich hinter das Publikum an den Pfeiler zu stellen. Freundliche Frauen des Saalpersonals versuchen, eine Lösung zu finden, bis ihr Vorgesetzter den Gast einfach aus der Kirche hinauswirft. Dass „der Mensch dem Menschen ein Helfer“ sei, wie es in Bertolt Brechts „An die Nachgeborenen“ am Ende von Luigi Nonos „Intolleranza 1960“ heißt, ist zu ihm noch nicht vorgedrungen. Corona hat Umgangsformen und Empathiegrade verändert. Ein hässliches Vorspiel zu einem packenden Konzert.

          Das Minguet Quartett spielt gemeinsam mit dem Orchester Feldmans „String Quartet and Orchestra“. Roland Kluttig, einer der wenigen Dirigenten weltweit, der neueste Musik genauso versiert aufführen kann wie Beethoven, Wagner und Sibelius, entwickelt daraus eine delikat abgemischte Studie in Silbergrau mit flanellener Textur, über die Matthias Diener, der Cellist des Quartetts, seidig glänzende Oktavflageoletts zieht.

          Ein Ventil des Schmerzes

          „Neither“ hingegen, Feldmans unkonventioneller Gattungsbeitrag zur Oper nach einer Textvorlage von Samuel Beckett, wird zur Beschreibung einer Beklemmung. Pendelnde Wechselnoten im Orchester zu den starr gejammerten Tonwiederholungen des Solosoprans nehmen bildhaft das „vor und zurück, gelockt und abgewiesen“ des Textes auf – nicht als Tändelei, sondern als zum Psychoterror gesteigerte Irritation. Feldmans Farbkombinationen aus brummenden Celli und hoher Soloflöte könnten direkt aus der „Grande messe des morts“ von Hector Berlioz kommen. Sarah Aristidou singt beim Ausbruch in weite Melismen so ausdrucksstark, als sei ihr Gesang direktes Ventil des Schmerzes. Sie steigert ihre Gestaltungskraft bis zum Höhepunkt: dem Abreißen der Stimme vor dem Verstummen. Wo das Erhabene einst als das galt, was den Menschen einschüchtern und vernichten, durch Kunst jedoch gefasst werden kann, hebt Aristidou die Erhabenheit durch Kunst auf als Andeutung einer Kapitulation der Singenden vor Größerem – vor dem, was die Fassbarkeit durch Kunst übersteigt.

          So unmittelbar berührend diese Auseinandersetzung mit Feldman ist, so öde wird der Versuch einer Aktualisierung von Luigi Nonos szenischer Aktion „Intolleranza 1960“ in der Felsenreitschule. Ingo Metzmacher am Pult der Wiener Philharmoniker gibt sich gemeinsam mit der Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor, bewundernswert einstudiert von Huw Rhys James, alle erdenkliche Mühe, die aufrüttelnde Kraft, die Nonos Musik vor sechzig Jahren gehabt haben dürfte, wachzurufen. Natürlich sind die harschen Blechbläserakkorde mit Schlagwerk Signaturen der Unbarmherzigkeit, denen die feinen Streichergespinste die Zartheit und Versehrbarkeit utopischer Formen des Menschlichen entgegensetzen. Aber was der Regisseur Jan Lauwers und der Choreograf Paul Blackman aus Nonos Vorlage machen, versackt in Lächerlichkeit.

          Von intellektueller Brillanz weit entfernt

          Die Geschichte eines Gastarbeiters, der Ausgrenzung, Folter, erneute Flucht und den Untergang in einer Naturkatastrophe erlebt, hätte ja die Vorlage für eine intelligente Aktualisierung bieten können. Stattdessen sieht man eine ermüdende Zappel- und Wimmelchoreografie aus aktionistischen Posen des Fliehens und Folterns. Das, was Brecht von aufklärerischem Theater verlangte, nämlich, „die Vorgänge hinter den Vorgängen“ zu zeigen, unterbleibt hier völlig. Lauwers fällt weit hinter den Stand der Kunst und der Erkenntnis zurück. Über die weltweite Menschenschinderei hat uns der Film „Workingman’s Death“ von Michael Glawogger viel schockierender aufgeklärt.

          Und wer etwas über Ausbeutung in unserem eigenen Land erfahren will, über totalitäre, an Folter grenzende Methoden der Mitarbeiteroptimierung, über „Potenzanalyse“ und „Talenteinschätzung“ im Human-Ressources-Management, über den Durchbau der Unternehmensloyalität bis in die Innerlichkeit der Mitarbeiter und die Funktionalisierung der Empfindsamkeit, der schaue sich Carmen Losmanns Film „Work Hard – Play Hard“ an. Von dieser analytischen Präzision oder etwa der intellektuellen Brillanz eines Frédéric Beigbeder in dessen Roman „99 Francs“ ist Lauwers weit entfernt.

          Man kann den Tenor Sean Panikkar als ebenso kraftvollen wie zarten Flüchtling, kann Sarah Maria Sun als erdig warme und eigensüchtig böse Gefährtin und Anna Maria Chiuri als Frau, deren Gesang zum Vorschein einer besseren Welt wird, bewundern. Die Inszenierung selbst ist denkfauler, aktionistischer linker Kitsch. Die Kapitalismuskritik der Salzburger Festspiele wird uns übrigens präsentiert mit freundlicher Unterstützung von Audi, Siemens, Kühne Foundation, BWT und Rolex. Sportliche Luxuslimousinen des Hauptsponsors in leuchtendem Rot, der einstigen Farbe der Arbeiterbewegung, warten nach der Vorstellung, höchst ansehnlich aufgereiht, in der Hofstallgasse.

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