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Theater-Besetzung in Albanien : „Das ist Diebstahl an der Öffentlichkeit“

  • -Aktualisiert am

Auf diesem Platz sollen bald sechs Hochhäuser stehen. Bild: Picture-Alliance

Die Bewegung „Allianz zum Schutz des Theaters“ hält seit Mittwoch das albanische Nationaltheater in Tirana besetzt. Ein Gespräch mit dem Aktivisten Besjan Pesha über die aktuelle Lage und die Gründe für den Protest.

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          Nach Studentenprotesten und monatelangen Demonstrationen gegen die sozialistische Regierung sind in der albanischen Hauptstadt Tirana wieder Polizei und Zivilisten aneinandergeraten. Es geht um den Abriss des 1939 erbauten Nationaltheaters auf dem nach dem albanischen Nationalhelden benannten Skanderbeg-Platz. Die Bewegung „Allianz zum Schutz des Theaters“ hält seit Mittwoch das Theater in Tirana besetzt. Das historische Gebäude soll abgerissen und durch sechs Hochhäuser ersetzt werden. Der Deal verpflichtet eine private Firma, die das Projekt übernimmt, jedoch auch, auf dem Platz ein neues Nationaltheater zu errichten. Die Veräußerung des 8500 Quadratmeter großen Grundstücks ist äußerst umstritten. Die albanische Regierung und Erion Veliaj, der Bürgermeister von Tirana, erklärten, alles geschehe im Dienste der Bevölkerung. Die Theater-Bewegung wirft der Regierung kriminelle Machenschaften vor und hat ein Manifest herausgegeben, das zu internationaler Unterstützung aufruft.

          Herr Pesha, Schauspieler, Schriftsteller und Bürger haben sich zusammengetan und ein Jahr lang täglich gegen den Abriss des Gebäudes demonstriert. Momentan hält Ihre Bewegung das Theater besetzt. Wie kam es dazu?

          Wir haben das Theatergebäude besetzt, weil das Kulturministerium mit der Räumung des Inventars begonnen hatte, um den Abriss vorzubereiten. Seit einigen Tagen schon waren wir ununterbrochen vor Ort, einige Aktivisten blieben auch über Nacht. Am Mittwoch dann kam es vor dem Theaterhaus zum Zusammenstoß mit der Polizei, die mit Spezialeinheiten angerückt war. Teilweise verlief das gewalttätig. Wir beschlossen, das Gebäude zu besetzen, um es zu schützen. Die Polizei zog sich erst am Nachmittag zurück, nachdem sie den Vorplatz und die Eingänge des Theaters versperrt, die Versorgung mit Lebensmitteln trotz extremer Hitze verhindert und Strom und Wasser abschalten hatte lassen. Währenddessen gab es überhaupt keine offizielle Kommunikation – als handelte es sich um eine streng geheime Aktion.

          Besjan Pesha: „Wir verlieren ein Stück kulturelles Erbe.“

          Das Nationaltheater ist doch in der Tat in sehr schlechtem Zustand, wäre eine Investition in ein neues Haus nicht sinnvoll?

          Ja, das Theatergebäude ist in einem sehr schlechten Zustand, seit 18 Jahren wurde daran nichts mehr gemacht. Aber es handelt sich hierbei um Diebstahl an der Öffentlichkeit. Das Theater und das Grundstück, auf dem es steht, sind öffentliches Eigentum. Diese 8500 Quadratmeter sollen einem Unternehmen geschenkt werden – mit der Begründung, es gäbe kein Geld für einen Umbau oder eine Sanierung. Unseren Berechnungen zufolge wäre das geplante Projekt 240 Millionen Euro wert. Ein Neubau des Theaters würde zehn Millionen Euro, eine Sanierung des Gebäudes gerade einmal um die zwei Millionen Euro kosten. Doch an einem Erhalt des Theatergebäudes ist die Regierung nicht interessiert. Sie wollen Hochhäuser bauen und verfolgen damit rein wirtschaftliche Interessen. Während Privatunternehmer und die politische Elite Millionen daran verdienen, verlieren die Bürger ihren öffentlichen Raum und ein Teil ihres kulturellen Erbes. 

          War das Gebäude nicht denkmalgeschützt?

          Ja, bis vor drei Jahren was es das, so wie viele andere Gebäude auf dem Skanderbeg-Platz. Der Denkmalschutz wurde aber mit der Begründung aufgehoben, es hätte keinen besonderen schützenswerten kulturellen Wert für Albanien. Doch viele Architekten und NGOs, darunter Europa Nostra, haben sich zu Wort gemeldet und zum Schutz und zur Erhaltung des Gebäudes aufgerufen.

          Einer der Schauspieler stellt sich vor dem Nationaltheater den albanischen Polizeikräften entgegen.

          Auch die Europäische Kommission hatte sich im vergangen Jahr eingeschaltet. Konnte dies etwas bewirken?

          Die Europäische Kommission hat damals zwar reagiert, sich aber vor allem über die Nichteinhaltung der Wettbewerbsregeln beschwert. Denn als das „Sondergesetz“ zur Veräußerung des Grundstücks verabschiedet wurde, wurde das Projekt ohne Ausschreibung an ein albanisches Unternehmen übergeben. Nach den Beschwerden der Kommission wurde dann ein Wettbewerb eröffnet, allerdings unter fragwürdigen Bedingungen. Der Wettbewerb endet in eineinhalb Monaten, aber es ist schon jetzt klar, wie es ausgehen wird.

          Was erhoffen Sie sich von der weiteren Besetzung?

          Mit der Besetzung wollen wir zunächst erreichen, dass eine Entscheidung über das Theater soweit hinausgezögert wird, bis das Verfassungsgericht, das erlassene Gesetz prüfen kann. Momentan sind die albanischen Gerichte allerdings nicht handlungsfähig, weil sie im Zuge der laufenden Justizreform aufwändig überprüft werden. Wir fordern außerdem ein lokales Referendum, das den Bürgern ausreichend Zeit gibt, sich zu informieren. Die Bürger sollen selbst darüber entscheiden dürfen, was mit ihrem Nationaltheater und dem öffentlichen Platz, auf dem es steht, geschieht.

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