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Hans-Thies Lehmann ist tot : Traditionen sind zum Abschütteln da

Der Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann (1944 bis 2022) Bild: Heinrich-Böll-Stiftung/Youtube

Er war der Übervater des postdramatischen Theaters und prägte zahlreiche Künstler und Kollektive. Jetzt ist der Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann in Athen gestorben.

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          Vielen Theaterzuschauern, die in den vergangenen zwanzig Jahren über Stückentwicklungen gestaunt oder geflucht haben, die durch Textflächen gestolpert sind, die Figuren vermisst und Charaktere entbehrt haben, dürfte sein Name unbekannt sein. Aber wenn Theaterleute versucht haben, neue, andere Wege zu beschreiten und dabei das Stichwort vom postdramatischen Theater eine Rolle spielte, war Hans-Thies Lehmann oft mitten unter ihnen. Nicht als Erlöser, sondern als Anreger, Analytiker, als Vordenker mit Praxisbezug. Er war der Übervater des postdramatischen Theaters. Seine große Bedeutung beruhte darauf, dass ihm gelungen war, was den meisten seiner Kollegen verwehrt bleibt: Seine Theorien, die er als Theaterwissenschaftler zuerst in Gießen und danach in Frankfurt entwickelte, haben den Weg in die Praxis gefunden. Denn Hans-Thies Lehmann hatte nicht nur Erfahrungen, Beobachtungen, Theorien, er hatte Schüler.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Als Lehmann, der 1944 im hessischen Ehringshausen geboren wurde, so jung war wie später seine Studenten, nämlich Mitte Zwanzig, inszenierte Peter Zadek Shakespeares „Maß für Maß“ und Peter Stein Goethes „Tasso“, beides in Bremen unter der Intendanz von Kurt Hübner. Was damals als unerhörte Klassikerzertrümmerung verflucht und gefeiert wurde, war aber immer noch unauflöslich mit den Dramen selbst verbunden, die Texte genau lesend, sie ernstnehmend, sich ihnen stellend. Und dabei die Gefahr des eigenen Scheiterns an den Klassikern und der Tradition durchaus in Kauf nehmend.

          Mit Raubtierneugierde unterwegs

          Mit Hans-Thies Lehmann dagegen hatte das postdramatische Theater einen Traditionenabschüttler gefunden, der den um sich greifenden Überdruss am klassischen Theaterkanon nicht nur theoretisch begründen und legitimieren konnte, sondern dabei zu­gleich selbst einen Forderungskatalog formulierte. Studiert hatte er bei Peter Szondi und promoviert über Brecht. Am Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaft, das er zusammen mit dem 2019 verstorbenen Andrzej Wirth 1982 gegründet hatte, wurde er zur prägenden Figur. Seine Monographie „Postdramatisches The­ater“ ist in mehr als zwanzig Sprachen erschienen und gilt nach wie vor als Standardwerk. Veröffentlicht wurde das Buch, das die Bedeutung der Texte und ihrer Verfasser für das Theater grundsätzlich relativieren wollte, 1999 ironischerweise im Frankfurter Verlag der Autoren.

          Lehmann, der sich früh und mit Erfolg für das dramatische Werk Heiner Müllers einsetzte und zahlreiche Theaterkünstler und -kollektive wie René Pollesch, Rimini Protokoll, Gob Squad und She She Pop beeinflusst hat, setzte auf das Prozesshafte der Theaterarbeit, auf Formen der sozialen Praxis, auf eine Ästhetik der Kommunikation, die dem Illusionismus eine Absage erteilt und den Zuschauer miteinbeziehen soll, unter dem Deckmantel forcierter Selbstreflexion indes nicht selten in schlichte Selbstbespiegelung abgleitet.

          Lehmann wollte aber kein Theater, das sich selbst genügte, sondern im Gegenteil eines, das mit Raubtierneugier über seine Nachbargenres herfällt. Für sein Fach, die Theaterwissenschaften, forderte er weniger Philologie, weniger Theatergeschichte und mehr Film- und Medienwissenschaften. In Gießen, wo eine Probebühne zur elementaren Ausstattung des Instituts gehört, wurden so unterschiedliche Gastdozenten wie George Tabori, Robert Wilson oder Marina Abramović eingeladen. Als Lehmann 2014 seine große Studie über „Tragödie und dramatisches Theater“ veröffentlichte, hatte er der Frankfurter Universität, wo er von 1988 bis 2010 lehrte, bereits den Rücken gekehrt. Seit einigen Jahren lebte er mit seiner Frau, der griechischen Theaterkritikerin Helene Varopoulou, in Athen. Jetzt ist Hans-Thies Lehmann dort im Alter von 77 Jahren gestorben.

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