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Zum Tod von Jutta Lampe : Die eine bei all den anderen

Trotz allem, ein glücklicher Tag: Jutta Lampe als Winnie in Edith Clevers Inszenierung von Becketts „Glückliche Tage“ aus dem Jahr 2002 am Berliner Ensemble Bild: Ruth Walz

Eine zum Staunen verführende Erscheinung: Sie wurde von Peter Stein entdeckt und entwickelte sich zu einer der größten Theaterschauspielerinnen Deutschlands. Nun ist Jutta Lampe in Berlin gestorben.

          3 Min.

          Ja, es werden die glücklichsten Theatertage gewesen sein: Jene Tage, an denen man Jutta Lampe auf einer Bühne sah. Als Winnie in Becketts innigem Abschiedsspiel, inszeniert von ihrer Bühnenschwester Edith Clever, 2002 in Berlin. Da saß sie im Sandhügel, mit Lippenstift und Handspiegel, den Oberkörper von einem blauen Tuch eingehüllt, saß dort und schaute mit ihren liebreizenden, alle Düsterkeit wegtäuschenden Augen ins Publikum. Und sagte den einen, Trauer und Abschied sanft verschiebenden Satz: „Oh, dies ist wieder ein glücklicher Tag, dies wird wieder ein glücklicher Tag gewesen sein. Trotz allem.“ Mit ihrem mädchenhaften, jedes Alter zärtlich zurückweisendem Gesicht, der leicht vorgewölbten Stirn, den vollen Lippen und dem wachträumenden Blick war Jutta Lampe stets mehr als eine nur auftretende Schauspielerin, sie war eine zum Staunen verführende Erscheinung.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Entdeckt worden war sie vom jungen Peter Stein, der sie in Bremen als Boulevardschauspielerin sah und zu sich holte. In seiner legendären Inszenierung von Schillers „Kabale und Liebe“ stand sie erstmals neben ihren späteren Schauspiel-Geschwistern Bruno Ganz und Edith Clever auf der Bühne. Später ging sie als Teil der sogenannten „Tasso Truppe“ mit Stein nach Zürich, wo sie eine Kampfspielzeit lang verbrachte und im sogenannten „Züricher Papier“ das Theater „als Mittel der Emanzipation“ anrief. Dann gehörte sie zu den Gründerinnen der legendären Berliner Schaubühne und war fortan in ihrem innersten Kreis zu Hause. Ihre Auftritte als Solveig in Steins „Peer Gynt“, als Natalie in seinem „Homburg“ oder als Mascha in seinen „Drei Schwestern“ gehören zu den überstrahlenden Momenten des vergangenen Theaterjahrhunderts. In Grübers „Hamlet“ gab sie eine Ophelia wie in Trance und seufzte später in seinem „Amphitryon“ ein unvergessliches „Ach“. Und auch im Traumtheater von Robert Wilson hatte sie als Orlando einen einzigartigen Aufritt. Nie verspielte eine sanfter jede Schwere, jeden Schmerz mit jener betörenden, von Ferne fast singenden Stimme.

          Hüterin der strengen Form

          So leicht und anmutig Lampes Erscheinung wirkte, so entschieden und genau war ihr Stil, der nie durch äußere Zeichnung oder Überzeichnung auffiel. Einen Höhepunkt erreichte er in Steins „Orestie“, wo Jutta Lampe als Zartheit und Strenge klug ausgleichende Athene auftrat und den Mächten der Zerstörung Einhalt gebot. Vor kurzem konnte man das noch einmal im verdienstvollen Archiv-Stream der Berliner Schaubühne verfolgen. Und sie dort auch als keifend kindliche M in Botho Strauß’ „Kalldewey Farce“ bewundern. In vielen seiner Stücke trat sie auf, als neurotische Anita von Schastorf im Mauerfall-Stück „Schlusschor“ etwa oder als doppelgesichtige Lilly Groth im „Gleichgewicht“ und schließlich als Agathe in den „Ähnlichen“.

          In seiner Laudatio zum Joana-Maria-Gorvin-Preis beschrieb Strauß sie, die er als Junge noch vor allen anderen auf einer Bühne in Wiesbaden gesehen hatte, in all ihren Facetten: „effektsichere Komödiantin und Hüterin der strengen Form, gläsern zerbrechlich und expressiv sentimental, hier die Deviante, Verwundete, Abgeirrte, dort die extravagante Kunstfigur, artifiziell gerüstet bis in die Fingerspitzen. In Mythen-Begriffen würde man sagen: eine Schaum- und Kopfgeburt, gleichermaßen aus Vernunft und Sinnlichkeit entsprungen.“ Sein Stück „Die eine und die andere“, 2005 von Luc Bondy inszeniert, hat er für sie und ihre bis zuletzt eng vertraute Schauspielschwester Edith Clever geschrieben.

          Mit Jutta Lampe tritt eine der größten Schauspielkünstlerinnen Nachkriegsdeutschlands von der Bühne. Eine unbedingte Theaternatur, die im Film – etwa bei Margarethe von Trotta – nur eine zweite Ersatzheimat fand. Ihr Spiel war umfassend und in den Bann ziehend, ihre Gesten kostbar und nie verschwenderisch eingesetzt. In Tschechows „Kirschgarten“, einer der letzten Berliner Inszenierung von Peter Stein 1989, war sie eine jedes Schicksal verlächelnde und jeden Verlustschmerz in Seelenklang verwandelnde Ranjewska. Ihr Lächeln behielt sie, die (wahrscheinlich) 1937 in Kiel geboren wurde und mit acht Jahren im Ballett das erste Mal auf der Bühne stand, Zeit ihres Schauspiellebens. Es war ein Lächeln, das nichts verdeckte, keine falsche Kehrseite von Traurigkeit war, sondern das offen und froh vom größten Gut des Menschseins zeugte: seiner Verwandlungskraft. In der Nacht auf den 3. Dezember ist Jutta Lampe, der ein böser Geist zuletzt die Erinnerung stahl, aber nicht ihren Anmut nehmen konnte, in Berlin gestorben.

          Die glückliche Stimme – eine Hörempfehlung

          Jutta Lampe liest „Venus und Adonis“ von Shakespeare. Zu hören sind die Lesungen vom 7. bis zum 9. Dezember jeweils von 22 bis 22.35 Uhr im Programm von NDR Kultur. Die Folgen finden Sie nach der Ausstrahlung für sieben Tage auch hier. https://www.ndr.de/ndrkultur/sendungen/am_abend_vorgelesen/Jutta-Lampe-liest-William-Shakespeares-Venus-und-Adonis,shakespeare258.html

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