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Alexander Wedernikow ist tot : Den Klang der Nachtluft malen

Alexander Alexandrowitsch Wedernikow (1964-2020) Bild: Marco Borggreve

Er war ein Mann von Behutsamkeit und Geschmack. Und er hat die Erneuerung des Bolschoi Theaters in Moskau vorangetrieben. Zum Tod des Dirigenten Alexander Wedernikow.

          2 Min.

          Fuchteln und Peitschen musste Alexander Wedernikow nicht, um Spannung in der Musik zu erzeugen oder sein Publikum zu fesseln. Er war - ähnlich wie es der vierzehn Jahre jüngere Andris Nelsons noch immer ist - ein Dirigent jenseits der Hast und Hysterie. Die große Suggestionskraft, womit er im zweiten Bild von Peter Tschaikowskys Oper „Pique Dame“ das Rauschen der Luft in der Mainacht zu malen verstand, jenen intensiven Moment aus Befreiung und Verführung, da Streicher und Harfe wortlos erzählen, was es auslöst, wenn Lisa das Fenster öffnet, sprach für ihn als Musiker. Er besaß Feingefühl, Geschmack und bewahrte eine professionelle Ruhe während der Aufführung.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Seine sichere Metierkenntnis war durch Herkunft vorgezeichnet und durch seine Ausbildung besiegelt. Als Sohn eines Bassisten des Moskauer Bolschoi Theaters und einer Orgelprofessorin am Konservatorium war Wedernikow am 11. Januar 1964 in Moskau zur Welt gekommen. Das Konservatorium der russischen Hauptstadt, das er 1990 abschloss, gilt bis heute als eine der strengsten Ausbildungsstätten klassischer Musik. Nun können Dirigenten nicht im stillen Kämmerlein üben; sie brauchen Erfahrungen mit lebenden Orchestern. Wedernikow sammelte sie schon während des Studiums, indem er am Moskauer Stanislawski- und am Nemirowitsch-Dantschenko-Musiktheater arbeitete. Recht früh schon machte Wladimir Fedossejew ihn zu seinem Assistenten und zweiten Dirigenten beim Tschaikowsky-Symphonie-Orchester. Das Russische Philharmonische Orchester, das Wedernikow 1995 gründete, leitete er selbst neun Jahre lang.

          Mit ihm als musikalischem Leiter gelang der neuen Führung des Moskauer Bolschoi Theaters von 2001 an die künstlerische Neuausrichtung des Hauses. Wedernikow setzte sich für die lange geschmähte Originalorchestration von Modest Mussorgskis „Boris Godunow“ ein. Er trug neue Regieansätze wie den von Peter Konwitschny in Richard Wagners „Der fliegende Holländer“ oder den von Dmitri Tschernjakow in Peter Tschaikowskys „Jewgeni Onegin“ musikalisch mit und beförderte so den Bruch mit sowjetischen Traditionen, den deren Anhänger als Verunglimpfung anprangerten. Dass er sich bei heftigstem Gegenwind acht Jahre auf dem Posten halten konnte, spricht für seine Widerstandskraft und sein Beharrungsvermögen. Allerdings entfachte er bei aller Noblesse und Behutsamkeit auch nie die Glut, zu der Waleri Gergijew oder Wladimir Jurowski ein Orchester zu treiben verstehen.

          Nach seinem Weggang aus Moskau übernahm Wedernikow 2009 das Symphonieorchester Odense. Bei der Premiere von Dmitri Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ im November 2014 hinterließ er als Gast an der Königlichen Oper Kopenhagen mit seinem Sinn für Lyrik mitten in den Grobheiten dieser Partitur einen so starken Eindruck, dass man ihn 2018 als Kapellmeister an Dänemarks größtes Musiktheater berief. Noch im März 2020 hatte er an der Deutschen Oper Berlin mit den „Hugenotten“ von Giacomo Meyerbeer die letzte Vorstellung vor der ersten pandemiebedingten Schließung aller Kultureinrichtungen dirigiert.

          Am Donnerstag ist Alexander Alexandrowitsch Wedernikow, der noch Anfang Oktober am Michailowski-Theater in Sankt Petersburg eine Aufführung von Pietro Mascagnis „Cavalleria rusticana“ geleitet hatte, an den Folgen einer Covid-19-Infektion gestorben. Er wurde 56 Jahre alt.

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