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Nachruf auf André Previn : Musik aus Limettensorbet, weißer Schokolade und Champagner

Zeitlebens in vielen Rollen zuhause, hier als Dirigent des Philharmonischen Orchesters aus Oslo: André Previn in Luzern, am 1. September 2004. Bild: EPA

Er schrieb Opern und Filmmusik, begleitete Doris Day und Anne Sophie Mutter am Klavier, war klassischer Dirigent und begnadeter Jazz-Pianist. Jetzt ist der vierfache Oscar-Preisträger André Previn mit 89 Jahren gestorben.

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          Mit unglaublicher Lässigkeit, aber zugleich einer Noblesse, die an das Renaissance-Ideal des Höflings erinnerte, streute André Previn in seinem Album „Misty“ von 1965 in sein Arrangement der titelgebenden Jazzballade von Erroll Garner ein paar scharfgeschliffene Sekundakkorde vom Klavier aus ein, die geradewegs aus den „Valses nobles et sentimentales“ von Maurice Ravel hätten stammen können. Bill Evans hatte damals, in den frühen sechziger Jahren, schon Ähnliches getan und den Jazz – in einer sehr „weißen“ Sichtweise – auf die Tradition der europäischen Kunstmusik seit dem späten neunzehnten Jahrhundert bezogen.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Aus den Clubs intellektueller Hedonisten aber trug Previn solche Überlegungen hinaus in eine breitere Welt. Er brachte es in dem wunderhübschen Album „Duet“ 1961 mit Doris Day – das die Intimität von deren Stimme in exquisiter Weise feiert und ganz nebenbei deren exzellente Musikalität in der Phrasierung und der Abstufung des Vibratos dokumentiert – sogar dazu, bitonale Mixturen und funktional freischwebende Akkorde in die Überleitungen einzustreuen, als wären sie Zuckerwürfel. Ja, Previn konnte mit seinem Orchester, etwa auf dem Album „Soft and Swinging“, Musik erschaffen, deren Zutaten aus Limettensorbet, weißer Schokolade und Champagner zu bestehen scheinen und doch nur die komplexe Tonalität in der Musik von Claude Debussy, Edvard Grieg und Sergej Rachmaninow verdichten.

          Ava Gardner wollte ihn verführen

          Dabei hatte Previn, als eine immense auditive Begabung, sich im Jazz das meiste nur von anderen abgelauscht. Seine Ausbildung war eine klassische. Am 6.April 1929 als Andreas Ludwig Priwin in Berlin-Schöneberg in eine jüdische Familie hineingeboren, floh er mit seinen Eltern 1938 vor den Nazis, ging schon in Paris aufs Konservatorium und nahm dann in Los Angeles Kompositionsunterricht. Der Geiger Joseph Szigeti war einer seiner Lehrer, von dem Previn später auch als Arrangeur und Dirigent profitieren sollte. Er konnte bei den Proben den Streichern sehr detaillierte Anweisungen zur Spieltechnik bestimmter Stellen geben.

          einmal.

          Als Previn sechzehn Jahre alt war, hätte ihn die Schauspielerin Ava Gardner beinahe verführt, schreibt Previn selbst in seinen Memoiren „No minor chords: My days in Hollywood“. Als Filmkomponist stieg Previn früh zu höchstem Ruhm auf, weil er für die großen MGM-Musicals die bereits existierenden Partituren anderer Komponisten arrangierte. Für die Arrangements zu „Gigi“, „My Fair Lady“, „Porgy and Bess“ und „Irma la Douce“ erhielt er jeweils den Oscar als bester Filmkomponist.

          Unverkrampfte Weltläufigkeit

          Schon Mitte der sechziger Jahre aber zog sich Previn, als Jazzpianist und Leiter eines eigenen Orchesters weiterhin erfolgreich, aus dem Filmgeschäft zurück. Er wurde zu einem gefragten Gastdirigenten bei den großen Symphonieorchestern in Los Angeles, Boston, Pittburgh, bald darauf auch in London, Wien und Dresden, bis ihn sogar die Salzburger Festspiele einluden. Previn, als zurückgekehrter Emigrant, verkörperte jene unverkrampfte Weltläufigkeit, jene sozial kompatible Eleganz, die von einem anderen heimgekehrten Emigranten, Theodor W. Adorno, gleichzeitig als „Kulturindustrie“ geschmäht worden war.

          Previn ist ein Gesellschaftsmensch gewesen, der stets berühmte Frauen an seiner Seite hatte: Mit Mia Farrow war er ebenso verheiratet wie später mit Anne Sophie Mutter. Für sie schrieb er vor anderthalb Jahrzehnten mehrere, auch konzertante Werke, bei denen es ihn nicht störte, dass die Kritiker sie als „konventionell“ abtaten. Für die Ewigkeit wollte er sowieso nie komponieren, nur „für nächsten Mittwoch“, sagte er

          Seine Adaption des Dramas „Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams war 1998 ein später Schritt auf die Oper zu. Sie ist durchaus gelungen, weil Previn für die Atmosphäre untergründig-aggressiven Triebstaus und luxuriöser Dekadenz einen suggestiven Ton findet. Dass Stella Kowalski mit Vokalisen lockender Lust ihren brutalen Ehemann vor der feintuerischen Schwester Blanche DuBois anstelle eines diskursiven Arguments verteidigt, ist eine Dimension, die nur die Musik dem genialen Stück von Williams hinzufügen konnte.

          Am Donnerstag ist André Previn, einen reichlichen Monat vor seinem neunzigsten Geburtstag, in New York gestorben.

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