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Nach Konzertabbrüchen : Berieselt

  • -Aktualisiert am

Hat sich über die distanzierte Restaurant-Atmosphäre bei seinem Konzert geärgert: Helge Schneider Bild: dpa

Wenn Helge Schneider keinen Draht mehr zu seinen Fans findet und Nena sich von der Polizei von der Bühne holen lassen will: über Konzertkonsum und Kompromisse.

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          Es gab Konzerte, da war man tatsächlich mit der Band im Gespräch, dank aufeinandergestapelter Freunde, die aus der Menge emporragten und auf deren Winken eine Antwort kam. Oder es erreichte einen in der Menge eine Botschaft der Künstler, ein Drumstick, eine Flasche Wasser zum Abkühlen. Beim Southside-Festival 2018 durfte einer, der sich als Jesus ausgab, ständig auf der Bühne mitgrölen. Bei einem Konzert der Ärzte vor Jahren kollabierten reihenweise Halbwüchsige, weil sie sich bei dreißig Grad an den Wellenbrecher gedrückt (der Band so nah) und stundenlang ekstatisch getanzt hatten. Was auf keinem dieser Konzerte erwartet wurde: Berieselung.

          Jetzt gibt es sie wieder, die ersten größeren Konzerte. Sie gehen von der Prämisse aus, dass auf der einen Seite Künstler auftreten und auf der anderen Fans zuhören, also konsumieren. Da die Menschen sitzend besser zu kontrollieren sind, werden nun gern bestuhlte Konzerte organisiert, eine Mutation des großen Liveacts, die Künstler schon früher unterwanderten, indem sie freundlich dazu aufforderten, stehend in die Hände zu klatschen. Und alle, die schon einmal hinter einer Glaswand in den höheren Rängen standen, wissen: Die Band spricht nicht zur VIP-Lounge, sondern zu den Leuten im Parkett.

          Kommunikationsfeindlich

          Auch Konzerte mit Strandkörben, den kommunikationsfeindlichen Sitzgelegenheiten aus dem Norden, erfreuen sich nun großer Beliebtheit. Für die Besucher ist es ein bisschen wie zu Hause auf dem Sofa. Die Vorhänge so weit zugezogen, dass einem keiner etwas wegschaut, die Füße hochgelegt. Man kann es den Konzertgängern kaum übelnehmen, dass sie dasitzen wie vorm heimischen Fernseher. Ein wenig Mitleid mit den Künstlern darf in Erinnerung an eigene dilettantische Versuche, auf einer Bühne eine Art Verbindung zu einer weit entfernten Handvoll Zuhörer herzustellen („gern nach vorne treten“), dennoch sein.

          Ihr Konzert in Wetzlar am 13. September wurde gerade abgesagt: Nena
          Ihr Konzert in Wetzlar am 13. September wurde gerade abgesagt: Nena : Bild: dpa

          Dass jetzt Popstars und Künstler mit störrischem Verhalten auffallen, dass Konzerte abgebrochen wurden, weil es mit der Verbindung nichts war und werden durfte, ist nicht die Schuld des Publikums, es ist die Schuld der Umstände. Dass Nena sich verantwortungslos verhält, wenn sie ihr Publikum auffordert, maskenlos dicht zusammenzurücken, ganz zu schweigen von der Position, die sie gegenüber den notwendigen Pandemieregeln vertritt, steht außer Frage. Aber ein Konzert, in dem die Fans innerhalb eines von Getränkekisten abgegrenzten Areals angewurzelt stehen, ist eben kein Popkonzert. Und einer wie Helge Schneider, der sein Konzert selbst abbrach, weil ihn die distanzierte Restaurantatmosphäre störte, kann nicht performen, wenn es sich dort oben anfühlt wie auf der Kirchenkanzel.

          Wieso Getestete und Geimpfte sich nicht wieder frei bei einem Open-Air-Konzert bewegen können sollen wie Touristen auf einer dieser Tage gut gefüllten Flanierpassage wie in St. Peter-Ording oder im Fußballstadion, ist eine berechtigte Frage. Um die Diskussion über Doppelstandards wird man in den nächsten Wochen und Monaten nicht herumkommen. Nachtclubbetreiber haben jedenfalls bundesweit entschieden, erst wieder aufzumachen, wenn ihre Besucher sich so verhalten können wie früher. Weil ein DJ ohne die Tanzenden auch nur ein Alleinunterhalter ist.

          Elena Witzeck
          Redakteurin im Feuilleton.

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