https://www.faz.net/-gqz-10ahe

Nach der Entscheidung : Schatten über Bayreuth

Die neuen Herrscherinnen auf dem Grünen Hügel: Katharina Wagner (r.), Eva Wagner-Pasquier Bild: AP

Ausgerechnet in dem Moment, da die Bayreuther Festspiele in das Eigentum der öffentlichen Hand übergehen, ist ein Leitungsteam aus dem Kreis der Nachkommen des Gründers eingesetzt worden, dem noch nicht einmal die Mehrheitsmeinung der Familie die Aufgabe zutraut.

          1 Min.

          Die Bayreuther Festspiele werden künftig eine Leiterin haben, die zugesichert hat, dass sie „gegen eine komplette Vergeistigung“ der Musikdramen Richard Wagners sei. Im Gespräch mit der „Süddeutschen Zeitung“ erläuterte Katharina Wagner: „Natürlich kann man bei Wagner viel und hochkompetent philosophieren. Aber man muss auch immer sehen: Was lässt sich davon auf die Bühne bringen? Geistiges Geschwafel passt da nicht hin.“

          Die für den Stiftungsrat maßgeblichen Herren haben gelegentlich angedeutet, dass Nike Wagner für Bayreuth zu intellektuell und beim Kunstfest in Weimar sehr gut aufgehoben sei. Es stimmt aber nicht, dass die Tochter Wieland Wagners auf alle Bühnenbilder verzichten und die festlichen Aufführungen durch Lesungen ersetzen wollte. Hätten die Minister in München und Berlin ästhetischen Sachverstand gezeigt oder konsultiert, hätte das Zerrbild vom verkopften Kulturtouristenschreck Nike Wagner ihnen keinen Eindruck machen können.

          Der Bierzimmerdunst der Intrige

          Die Abkömmlinge Richard Wagners haben von ihrem Recht keinen Gebrauch gemacht, ein Familienmitglied als Festspielleiter vorzuschlagen. Der Stiftungsrat konnte frei entscheiden und hatte die Namen der Bewerber nicht zu berücksichtigen, sondern nur ihre Fähigkeiten und Ideen. Man hat den Rat der Intendantenkommission nicht eingeholt, deren Einberufung die Satzung bei Zweifeln an Bewerbern aus der Familie vorschreibt. Offenkundig glaubten die Politiker, die Sache ohne Eintritt in eine Debatte über die Zukunft der Festspiele nach den für den öffentlichen Dienst verbindlichen Kriterien von Eignung und Leistung entscheiden zu können.

          Mortier über Katharina Wagner : „Ich würde sie gern nach New York einladen“

          In dieser Abwägung hat Katharina Wagner den Vorzug vor Nike Wagner erhalten und Eva Wagner-Pasquier vor Gérard Mortier, dem Intendanten der Pariser Oper und früheren Chef der Salzburger Festspiele. Ausgerechnet in dem Moment, da die Festspiele in das Eigentum der öffentlichen Hand übergehen, ist ein Leitungsteam aus dem Kreis der Nachkommen des Gründers eingesetzt worden, dem noch nicht einmal die Mehrheitsmeinung der Familie die Aufgabe zutraut. Zu Recht wundert sich Mortier darüber, dass eine öffentliche Ausschreibung nicht stattfand. Der Bierzimmerdunst der erfolgreichen Intrige liegt als Schatten auf dem Neuanfang nach 57 Jahren Wolfgang Wagner. Es gilt das Wort Katharina Wagners: „Bayreuth hat sich immer auch durch eine gewisse Provinzialität ausgezeichnet.“

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Wie starb Jimi Hendrix wirklich?

          FAZ Plus Artikel: 50. Todestag : Wie starb Jimi Hendrix wirklich?

          Vor fünfzig Jahren starb Jimi Hendrix nach einem exzessiven Leben. Die Umstände seines Todes sind bis heute mysteriös. Versuch einer Rekonstruktion der letzten Stunden des einflussreichsten Gitarristen der Rockgeschichte.

          Topmeldungen

          „Die Milliardenvermögen dieser Welt beruhen doch auch auf Enteignung“, sagt Janine Wissler.

          Janine Wissler : Die sozialistische Versuchung

          Janine Wissler soll künftig „Die Linke“ führen. Sogar ihre politischen Gegner loben ihr Talent. Da könnte man fast vergessen, dass sie den Umsturz will.
          Vorher-Nachher-Bilder auf Instagram sollen zeigen, dass es nur aufs richtige Posieren ankommt.

          „Same body, different pose“ : Dieser Trend ist kein Empowerment!

          Frauen posten Fotos von sich in zwei verschiedenen Posen, um zu illustrieren, dass alle Körper „normschön“ sein können, wenn man sie nur richtig fotografiert. Das bewirkt viel, aber sicher kein Empowerment.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.