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„Nabucco“ in Hamburg : Mein Vaterland, so schön und verloren

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Singen im Uno-Sitzungssaal: Abigaille (Oksana Dyka, links) und Nabucco (Dimitri Platanias) Bild: AFP

Abbildung der Wahrheit bis an und über alle Schmerzgrenze: Kirill Serebrennikow inszeniert in Hamburg Giuseppe Verdis Oper „Nabucco“ aus dem Hausarrest heraus.

          Ort des Geschehens: der Plenarsaal der Vereinten Nationen in New York. Sicherheitsbeamte suchen den runden Tisch nach Wanzen ab. Erst danach machen sich Putzfrauen an die Arbeit. Einer der Beamten setzt per Fernbedienung ein Laufband in Bewegung, auf dem die alsbald sich einfindenden Abgeordneten und Gesandten in einer Endlosschleife und in roter Schrift lesen sollen (oder sollten), welch katastrophale Ausmaße die globale Erwärmung angenommen hat, dass Abermillionen Menschen auf der Flucht vor Kriegen sind und dass der „Herr spricht: Siehe, ich gebe diese Stadt in die Hand Nebukadnezars, des Königs zu Babel, und er wird sie mit Feuer vernichten und verbrennen“.

          Keine aktuelle Nachricht, sondern eine Prophezeiung, Jeremia 32, Vers 28, mit der in Giuseppe Verdis „Nabucco“ das Unheilsgeschehen angekündigt wird: die Usurpation Jerusalems durch den babylonischen König und die Vertreibung der Hebräer, die im Exil jenen berühmten Gefangenen-Chor – „Va pensiero sull’ali dorate“ – anstimmen, der in Italien schon während der Uraufführung von Verdis dritter Oper, der ersten erfolgreichen, als Manifest der Befreiungsbewegung aufgenommen und mitgesungen worden sein soll. Eine Legende, die sich dem kulturellen Gedächtnis offenbar unauslöschbar eingeschrieben hat – und inszenatorisch allzeit brauchbar.

          Inszenierung aus der Gefangenschaft heraus

          Dass die Aufführung an der Staatsoper Hamburg zum „Ereignis“ wurde, das zum Stolz des Intendanten Georges Delnon für internationales Interesse sorgte, verdankt sie der einem Gefangenen übertragenen Inszenierung: dem russischen Regisseur Kirill Serebrennikow, der am 22. August 2017 wegen des „Verdachts auf die Organisation von Unterschlagung“ in Sankt Petersburg festgenommen und nach Moskau gebracht wurde, wo er seither unter Hausarrest steht. Gleichwohl ist es ihm auf wunderbare Weise gelungen, seine Arbeit unter bedrängenden Bedingungen, über die weltweit berichtet wurde und wird, fortzusetzen. Es ist eine Aufgabe, die, wie der für ihn in Hamburg arbeitende Dramaturg Sergio Morabito sagt, eigentlich auf das Gelingen des Unmöglichen angelegt ist. Sie wurde von dem auf elektronischen Schleichwegen ferngesteuerten Co-Regisseur Jewgeni Kulagin verwirklicht.

          Serebrennikow gebraucht den Chor der Gefangenen mit seinem Flehen – „O mia patria, sì bella e perduta“ (Oh mein Vaterland, so schön und verloren) – als einen „gewaltigen kollektiven Echoraum: dem Schicksal der gewaltsamen Vertreibung aus der Heimat“ (Morabito), das von sechzig Millionen Menschen erlitten ward und wird. Die Protagonisten der Oper kommen als Wiedergänger scheinbar realpolitischer Figuren auf die Bühne: Der Titelheld trägt den Namen Nabucco Donoso, der, laut Steckbrief im Programmheft, mit der Kampagne „Assyria first“ einen historischen Realsieg errungen haben soll. Donoso blickt und blafft wie Trump in Kamera und Mikrofon, wenn sich Nabucco als König ausruft. Wie er haben auch die anderen Protagonisten einen Sitz in den Vereinten Nationen.

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