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Zum Tod von James Levine : Mystiker und Machtmensch

  • -Aktualisiert am

James Levine (1943 bis 2021), hier im Juni 2000 in München. Bild: dpa

Der Dirigent und Pianist James Levine prägte das internationale Musikleben ein halbes Jahrhundert lang. Dann wurde er des sexuellen Missbrauchs bezichtigt. Jetzt ist er in Palm Springs gestorben.

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          James Levine war – anders als der überskrupulöse, oft zu Depressionen neigende Dirigent Carlos Kleiber – ein Lust-Musiker, der sich gar nicht vorstellen konnte, welch fundamentale Probleme manche Kollegen mit ihrer Kunst, ihrem Tun haben, die lieber keine Musik als unvollkommene machten. Darin ähnelte er seinen Kollegen Leonard Bernstein und Wolfgang Sawallisch. Levines Aktionsradius war international, ja interkontinental, switchte er doch in manchen Sommermonaten fast unerklärlich zwischen Bayreuth oder Salzburg und Chicago hin und her, wo er beim Ravinia-Open-Air-Festival das Symphony Orchestra dirigierte. Ganz abgesehen davon, dass er seit den siebziger Jahren Musikchef der New Yorker Met war.

          Erlebte man ihn in Ravinia, so war man schier perplex, mit welch intensiver Gelassenheit er schwere symphonische Programme realisierte, Kammermusik-Matineen spielte, Liederabende begleitete. Levine, 1943 in Cincinnati geboren, erregte als pianistisches Wunderkind Aufmerksamkeit, ging dann aber immer mehr zum Dirigieren über – mit George Szell als Mentor, Arturo Toscanini, Leopold Stokowski und Fritz Reiner als Vorbildern, zu denen selbstverständlich noch Leonard Bernstein kam. So entspannt er freilich wirken konnte, so ernsthaft widmete er sich all seinen Aufgaben. Etwa an der Metropolitan Opera New York, wo er schon 1971 mit „Tosca“ glorios debütierte. Vier Jahrzehnte hat er als Dirigent das Haus geprägt, und zwar in vieler Hinsicht.

          Lange, allzu lange unterwarf sich dieses Haus als Goldkehlen-Käfig vornehmlich der New Yorker upper class. Orchester und Chor, gewiss, waren vorzüglich, doch auf Super-Stimmen kam es an. Neueres Repertoire spielte kaum eine Rolle, die Inszenierungen waren hauptsächlich Staffage für die Stars. Levine schaffte es, das Orchester im Konzertsaal entschieden konkurrenzfähig zu machen, den Spielplan entscheidend aufzufrischen („Wozzeck“, „Lulu“, „Moses und Aron“, „Mahagonny“, „Porgy and Bess“, Leoš Janáček) und sogar älteste Bühnen-Ladenhüter durch aktuellere Versionen zu ersetzen, auch wenn er sicher kein Kulturrevolutionär im Dienst der Avantgarde und des Regietheaters war.

          Bei den Salzburger Festspielen gelangen ihm hinreißende Mozart-Aufführungen („La clemenza di Tito“ und eine heiter-ernsthaft perfekt ausbalancierte „Zauberflöte“), außerdem sehr stringente Interpretationen von „Hoffmanns Erzählungen“ und sogar „Moses und Aron“. Vitalität ohne Forciertheit war sein Prinzip, der rhythmische Impuls trug die Musik, ganz aus dem Geist des Theaters, der sich auch im Konzert bei Mozart als überaus dienlich erwies. Und so locker wie entspannt agierte er auch am Flügel: ein sanguinischer Motoriker voller Elan, dabei weitab von jeglicher Hektik.

          Die andere Seite trat in Bayreuth, bei Richard Wagner, stärker zutage: Er konnte, fast mystizistisch, die Musik sich entwickeln lassen. So wie gerade der eher rundliche Levine bemerkenswert geschwind zu operieren vermochte, so äußerte sich seine Lust am rasch Beschwingten im anderen Extrem meditativer Ruhe. Ob „Ring“ oder „Parsifal“, Levine ließ sich Zeit, erzielte dabei oft unerhörte Farbigkeit und Plastizität, was auf dem Grünen Hügel keineswegs selbstverständlich ist. Unendliche Prozesse – „Zum Raum wird hier die Zeit“ – entfalteten sich, ließen Robert Wilsons Langsamkeits-Rituale assoziieren, was ja nicht nur eine Frage der Zeitmaße, sondern des Prinzips ist. Analog hält Levine auch im Finale von Gustav Mahlers Neunter den Dauer-Rekord.

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