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„Mutter Courage“ im Burgtheater : Die Räder der Anna Fierlinger müssen rollen für den Krieg

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Ganz und gar keine Kichererbse: Maria Happe als Mutter Courage präsentiert das gesamte Spektrum schauspielerischen Könnens. Bild: Georg Soulek

David Böschs Kompaktversion von Brechts epischem Theaterstück „Mutter Courage“ am Wiener Burgtheater zeigt großes Schauspiel. So lässt man sich gerne von dem Dramatiker belehren.

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          Im Literaturkundeunterricht am Gymnasium nahmen wir den Wagen der Courage als exzellentes Beispiel für ein Dingsymbol durch, wie der Falke in der gleichnamigen Novelle in Boccaccios „Decamerone“ oder die Rosse in Kleists „Michael Kohlhaas“: ein wiederkehrendes, zentrales Element, dessen sich wandelnder Zustand den der damit verbundenen Personen spiegelt. In Bertolt Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“, geschrieben 1939 im skandinavischen Exil, uraufgeführt 1941 in Zürich und - mit noch negativerer Titelfigur - 1949 zum ersten Mal in Deutschland, in Berlin, weiß man von Anfang an, wohin die Reise geht.

          Der Marketenderin rollendes Warenhaus kommt ohne Pferde oder Ochsen, dafür mit dem Söhnegespann auf die Bühne. Anna Fierlinger, genannt „Mutter Courage“, zieht, aufs Geschäftemachen aus, den Heeren im Dreißigjährigen Krieg hinterher, bringt sich und drei Kinder schlecht und recht durchs Geschehen, verliert Zug um Zug ihren Nachwuchs, will sich aber bis zuletzt den Krieg „nicht madig machen“ lassen, denn „der Krieg nährt seine Leute besser“.

          Der Brechtsche Wagen rollt wieder nach Wien

          Es wäre kein episches Drama von Brecht - noch dazu das Lehrbeispielhafteste, im Nachkriegsdeutschland, West- (trotz zeitweisen Boykotts) wie Ost-, mit phänomenalem Erfolg gespielt -, wenn nicht daran bloß vordergründig der Krieg schuld wäre. Dahinter steckt, trotz Papst, Kaiser, König und Fürst, der Klassenkampf des Kapitals gegen den kleinen Mann. Und es stimmt ja auch, man kann vor lauter Zustimmungsnicken gar nicht zur revolutionären Tat schreiten. Was vor allem Brecht selbst verstört haben dürfte. Wie die „Internationale“ mutet auch sein episches Theater an - nostalgisch, museumsreif.

          Immerhin, als Antikriegsstück geht es durch, wird sogar im nichtdeutschsprachigen Ausland von Mailand über Paris bis New York neu oder gar zum ersten Mal entdeckt. Da Krieg, zumal der Kriegsgewinnler wegen, keine gute Sache ist, aber allüberall stattfindet, getarnt als Glaubenskampf oder sonstwie, rollt der Brechtsche Wagen nun auch wieder am Wiener Burgtheater. David Bösch, Stückeernstnehmer einer jüngeren Generation, der mal aus Shakespeares Komödien („Viel Lärm um nichts“, 2006) große, blutige Tragödien hervorkitzelt oder Ibsens Trauerarbeit („Gespenster“, 2012) beim Wort nimmt, versucht es hier mit Kürzungen und Straffungen.

          Nicht nur die Bekleidung ist sparsam

          Auf der trostlosen, in Grau und Schlammfarben gehaltenen Bühne, auf die ihm Patrick Bannwart allerlei Kriegsrelikte (einen Pferdekadaver, Grabkreuze, Galgengerüstreste) plaziert hat, zerfällt der erbärmliche Planwagen fast. Daran ändern auch die Leuchtreklame „OFFEN“ und das Pappplakat „NEUE WARhEit“ (er erweist dem Brecht doch Reverenz!) nichts.

          Alle haben schäbige Fetzen an, oft gar nur Unterwäsche. Lediglich die Herren Offiziere können ihre Blößen unter Ledermänteln verstecken. Am adrettesten sind noch die Weibspersonen. Die Courage im schwarzen, ärmellosen Goth-Kleidchen, die stumme Kattrin in Krachledernen zum hellen Pullover und die Obristenhure Yvette erst in Puffrot, dann in Trauerschwarz aufgetakelt. Nicht nur mit dem Text, auch mit der Musik von Paul Dessau wird sparsam umgegangen. Kaum, dass von einem der Lieder, von Bernhard Mooshammer arrangiert und einer zerlumpten Soldatenkapelle aufgespielt, auch nur zwei Strophen erklingen. Zeit ist Geld im Krieg, darum bringt Bösch die Chose in genau zwei Stunden hinter sich.

          Schauspielerische Glanzleistungen

          Getragen wird der kurze Abend neben dem differenziert, beinahe zärtlich und nahe am Aufgeben agierenden Regimentskoch Tilo Nest und dem verzweifelt-zynischen, dann wieder ehrlich erschüttert wirkenden Feldprediger Falk Rockstroh großteils von der Kattrin der Sarah Victoria Frick. Mimik und Gestik ersetzen ihr nicht nur die Stimme, nein, man vermisst sie in keiner Sekunde, so beredt ist ihr Spiel. Bis sie dann am Baumstamm sitzt, um mit wildem Trommelschlag die nachtschlafende Stadt Halle vor der anrückenden katholischen Liga zu warnen, damit ihrer Mutter Geschäfte stört und dann heruntergeschossen wird.

          Bleibt Maria Happel als Anna Fierlinger, die große Überraschung der Inszenierung. Sonst auf Kichererbse festgelegt, zeigt sie hier endlich ihre ganze Bandbreite. Hin- und hergerissen zwischen Lust und Berechnung (er hat die Gürtelschnalle noch nicht bezahlt!), als der Feldwebel sie befingert, während der Werber ihren ältesten Sohn verschleppt, oder am Boden zerstört, als sie die sinnlos erschossene Tochter zur ersten Zeile des „Eiapopeia“ im Schoß wiegt. Aus der erhobenen Faust der geschlagenen Frau rieselt zuletzt Asche. Um diese couragierte Mutter zu bestaunen, lässt man gern das Belehrungsdrama über sich ergehen.

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