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Musiktheater : Hisst die Hoffnungs-Segel!

  • -Aktualisiert am

„Le Vin Herbe”: Finnur Bjarnason und Sinead Mulhern Bild: dpa

Dieses Stück gehört auf alle Bühnen: Willy Deckers Inszenierung von Frank Martins „Le vin herbé“ bei der Ruhrtriennale erscheint als ein herausragendes Chef d'OEuvre, keine Note zu wenig, kein Wort zu viel.

          An Wagner kommen selbst bekennende Nicht-Wagnerianer nicht vorbei. Wenn das Schwert sich senkt von der Decke der Gebläsehalle im Landschaftspark Duisburg-Nord, um die Liebenden zu trennen, die da Hand in Hand eingeschlafen sind, dann spiegelt sich in diesem Bild noch ein ganz anderes keusches, deutsches Paar.

          Siegfried und Brünnhilde sind nicht allzu weit entfernte Verwandte von Held Tristan und Königin Iseut: Hoffnungsträger und Opfer zugleich, unschuldsweiß ausgesetzt in einer Welt voller Schmutz, Verrat und Bosheit, wie Hänsel und Gretel verirrt im wilden Wald. Sogar König Marke, der die Schlafenden findet, versteht den Sinn der blanken Klinge zwischen den Körpern sehr genau: Sie mögen ihn betrügen und fliehen, sie mögen einander herzen und küssen, doch im Kern bleibt ihre Liebe rein, sind diese Kinder nur aus Versehen aus der Welt herausgefallen.

          Eskapistische Züge

          Willy Decker, der das seit Jahrzehnten nur allenfalls noch konzertant aufgeführte Stück „Le vin herbé“ (Uraufführung 1942 in Zürich) des Komponisten Frank Martin jetzt für die Ruhrtriennale neu inszeniert hat, vertritt im Programmbuch die Auffassung, es handele sich um das anachronistische Bekenntnis eines Unzeitgemäßen. Tatsächlich trägt das Werk eskapistische Züge. Mitten im Krieg eine altbekannte Liebesgeschichte erzählend, tief ins Mittelalter zurückschweifend, dabei lakonisch ausgespart in den ästhetischen Mitteln und für ein kammermusikalisches Ensemble konzipiert, scheint es auch dramaturgisch die Negation all dessen zu sein, was die diversen Gattungen des Musikdramas bis zu diesem Zeitpunkt an Farb- und Formherrlichkeiten ausgebildet hatten. Martin habe, schlußfolgert Decker, „einen musikalisch-theatralischen Laborversuch“ im Sinn gehabt, ein Experiment. Am Ende des Abends ist man schon wieder etwas klüger geworden. Denn in der Praxis hat gerade diese famose, im wahrsten Wortsinn vollendet gerundete deckersche Inszenierung den triumphalen Gegenbeweis für Deckers These geliefert: „Le vin herbé“ erscheint als ein herausragendes Chef d'OEuvre, keine Note zu wenig, kein Wort zu viel.

          Keineswegs handelt es sich um einen fragmentarischen oder sonstwie gebrochenen „Fluchtversuch“ vor Wagner, allenfalls um den gezielten Gegenentwurf. Und man fragt sich, warum dieses Werk, das aus der französische Oratorientradition herrührt und in Linie und Farbe mehr mit Debussys „Pelléas“ als mit dem „Tristan“ zu tun hat, nicht längst schon die Bühnen eroberte. Statt der über alle Ufer schießenden, spätromantischen Harmonik: die kühne, knappe, lineare Kontrapunktik der Zwölftönigkeit, mit einigen Orientierungsinseln aus tonalen Dreiklängen sowie altertümelnd modalen Schlussklauseln. Statt des Breitwandregenbogens üppig beredter Orchesterklangfarben: das Schwarzweiß von nur sieben Streichern und einem Klavier. Statt der zwei großen, stimmensprengenden Sängerpartien bloß ein Chor aus sechs Männer- und sechs Frauenstimmen.

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