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Musikpreis des „Heidelberger Frühlings“ : Man muss das Feuer einfach weitergeben

  • -Aktualisiert am

Eleonore Büning erhält den Musikpreis des „Heidelberger Frühlings“ im Rahmen des gleichnamigen Festivals. Bild: studio visuell photography

Wie kann man etwas so Flüchtiges wie Musik in Worte fassen? Eleonore Büning kann es. In ihren Kritiken werden ganze Akkorde beim Lesen förmlich fühlbar in ihrer Stofflichkeit. Eine Laudatio.

          Heute habe ich zwei Drahtseilakte vor mir: Das eine ist die Interpretation des Klarinettenkonzertes A-Dur KV 622 von Wolfgang Amadeus Mozart – was ja eigentlich in der Ausgestaltung all seiner Schönheiten und all seiner Abgründe in gewisser Weise ein Ding der Unmöglichkeit ist. Und die andere Unmöglichkeit (oder der andere Drahtseilakt) ist das Halten einer Rede in meiner Eigenschaft als Musiker auf eine Vertreterin der Musikkritik. Es ist dünnes Eis, auf das ich mich hier begebe. Das Verhältnis von Rezensent und Künstler, von Kritiker und Kritisierten ist naturgemäß: kritisch.

          Wenn man etwa den Rezensionen zu meiner „Babylon“-Oper glauben darf, steht mit mir, in meiner Eigenschaft als Komponist, hier „der vorläufige Tiefpunkt der Moderne“ vor Ihnen auf dem Podium. Überlegt man sich, wie lange die Moderne jetzt schon andauert (in der Literatur vielleicht ungefähr seit 1857, als Baudelaire seine verbotenen Verse aus den „Fleurs du Mal“ schrieb, in der Musik würde man es wahrscheinlich eher um 1910 herum datieren, ich persönlich denke an das Frühjahr 1913, an Alban Bergs Klarinetten-Stücke op. 5); dann kann man sich vorstellen, was in dieser Zeit alles passiert sein mag. „Vorläufig“ ist dieser Tiefpunkt wahrscheinlich auch nur deshalb, weil ich noch weitere Kompositionen zu schreiben drohe.

          Es lässt sich – ich spreche hier weniger als Musiker, sondern als Leser – leicht schimpfen über die Feuilletons. Immer wieder befremdet mich ein gewisser Erregungsautomatismus, mit dem in den Zeitungen die sogenannten Debatten geführt werden. Aber ich gebe gerne zu, wenn es mir dann so ergeht wie vor ein paar Tagen, als wir in Irland die Konzerte für den Heidelberger Frühling mit dem Irish Chamber Orchestra vorbereitet haben, und ich also mal wieder fünf Tage ohne deutsche Zeitungen auskommen musste: Dann geht mir etwas zutiefst ab, und ich habe Entzugserscheinungen!

          Ganz nah dabei

          In Frankreich, ich habe es gerade wieder erlebt, gibt es so etwas wie Musikkritik in den großen Zeitungen nur noch rudimentär. In Italien hat es Berlusconi geschafft, die gesamte große Musikkultur seines Landes, das einmal die Wiege der Musik gewesen war, quasi abzuschaffen. Insofern möchte ich meine Kritik am Feuilleton doch so verstanden wissen, dass ich selbst gar nicht ohne diese Zeitungen sein mag, die ich eben gerade kritisiert habe.

          Ich kam gestern müde zurück von der Reise und schaute dann doch noch in die Zeitungen hinein und sah einen Text von Eleonore Büning in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in dem sie auf wunderbare Weise einen eigenen Text über den Dirigenten Valery Gergiev, nein, nicht zurückgenommen, vielmehr eine herrliche Ergänzung dazu geschrieben hat. Sie schrieb nicht über den sich politisch äußernden Dirigenten Valery Gergiev, sondern über den Musiker Gergiev.

          Vorjahrespreisträger Jörg Widmann, Komponist, Klarinettist und Dirigent, während seiner Laudatio auf Eleonore Büning.

          Und wie sie das tat, das kann eben auf diese Weise nur Eleonore Büning. Sie beschrieb einen Akkord, den Gergiev vor einigen Tagen im zweiten Klavierkonzert f-Moll op.21 von Frédéric Chopin aus dem Orchester hervorgezaubert hat. Da hatte man als jemand, der (wie ich) nicht anwesend war in dem Konzert, doch den Eindruck, dass man in diesem Moment dabei ist. Man kann den Akkord beim Lesen gleichsam greifen, er ist haptisch geworden, erfahrbar. Er ist in seiner Stofflichkeit fühlbar geworden.

          Kein Kritiker-Mainstream

          Der Musikpreis des Heidelberger Frühlings wird jährlich wechselnd an einen Musiker, eine Musikerin oder an einen Musikjournalisten beziehungsweise eine Musikjournalistin vergeben. Ich bin insofern vielleicht als Laudator nicht ganz unglaubwürdig, weil Eleonore Büning mich zwar teilweise gelobt hat, es aber auch genügend Beispiele dafür gibt, dass sie mich scharf getadelt hat und mehr oder etwas anderes von mir erwartet hatte.

          Etwa, wenn sie in meinem Violinkonzert „Regression“ wittert. Und bei allem Bemühen um Differenzierung gab es auch bei ihr ein deutliches Unbehagen an der Monumentalität besagter „Babylon“-Oper. Aber selbst in solchen Fällen spürt sie etwas auf, das anderen Kritikern oft verborgen bleibt. Sie hat, zum Beispiel, bemerkt, dass diese Oper eben nicht monumental, sondern leise, in stratosphärische Höhen entschwebend, endigt, also nach dreieinhalbstündigen Affirmation ein riesiges Fragezeichen stehen bleibt.

          Überhaupt hat Bünings Nachdenken über Musik (und als solches lese ich ihre Texte) etwas erfrischend Unorthodoxes, vom Kritiker-Mainstream Abweichendes. Sie gestattet sich immer eine eigene Meinung, ist darin absolut frei. Und bei aller Kompetenz, finde ich auch, dass sie sich etwas „Flippiges“, Unangepasstes in ihrer Sprache bewahrt. Ihr Schreiben ist komplett unideologisch. Es ist dem, wie ich es nennen würde, „erfüllten Moment“ geschuldet, nach dem wir Kunstwahnsinnigen immer streben – und streben müssen.

          Die Zweifel richtig formulieren

          Eine gewisse Re-Ideologisierung des Musikjournalismus im Schreiben über Neue Musik kann ich bei ihr, anders als bei manch einem ihrer Kollegen, nicht feststellen. Kunstpolizeiliche Maßnahmen, ein Aufstellen ästhetischer Warn- oder gar Verbotsschilder, würden sie wohl intellektuell unterfordern. Ich glaube sogar, es würde sie zutiefst langweilen. Das war übrigens auch die Maxime von Marcel Reich-Ranicki, der seinen Kritikerkollegen, aber auch den ausübenden Künstlern, den Literaten, ein: „Du sollst nicht langweilen“ ins Stammbuch schrieb. Nicht zufällig war der Nachruf, den Eleonore Büning auf Marcel Reich-Ranicki geschrieben hat, aus der Fülle der Nachrufe für mich der berührendste. Sie hat ganz ungeschützt auch einige negative Eigenschaften von ihm benannt, –das aber so liebend sensibel und, vor allem, unsentimental, dass es mich gerade in dieser Unsentimentalität sehr berührt hat.

          Musikkritik in ihrer höchsten und schönsten Form wird, ganz im Sinne Robert Schumanns, selbst wieder Kunst. Der große italienische Pianist Maurizio Pollini erinnerte kürzlich an diesen Umstand in seinem schönen Geburtstagsgruß an den Kritiker Joachim Kaiser, zu dessen fünfundachtzigstem Geburtstag: Wenn also Musikkritik selbst wieder Kunst wird, dann gehorcht sie in ihrem Endzweck auch wieder deren Regeln, Maximen und Werten.

          Jörg Widmann dirigiert das Irish Chamber Orchestra.

          Erinnern wir uns, wie Robert Schumann in seiner Neuen Zeitschrift für Musik den in Deutschland damals noch weithin unbekannten Hector Berlioz, als der das erste Mal nach Deutschland kam, willkommen geheißen hat – übrigens stellvertretend für das ganze künstlerische Deutschland, wie er explizit schrieb. Schumann schrieb abwägend, den Zweifel formulierend, sich selbst als Hörer und Rezensent ebenso in Frage stellend wie den Gegenstand der Betrachtung selbst, um schließlich der Neugierde den Vorzug vor dem Belehrenden zu geben. Diese Art der Musikkritik war mir immer die nächste.

          Wie oft passiert es, dass man eben nicht im Konzert sitzt und sagt: „Mensch, phantastisch!“; oder: „Ganz schlecht!“; sondern, dass es Grautöne gibt. Manchmal ist es auch so, dass man ganz überwältigt ist, aber man misstraut diesem eigenen Überwältigt-Sein. Oder man misstraut denen, die einen da gerade überwältigt haben. Musikkritiker, die diesen Zweifel, aber auch das eigene emphatische Erleben formulieren können, sind für mich wichtige und große Kritiker, also nach Schumanns Definition: Künstler.

          Die Partitur, ein altmodisches Ding

          Gerade die Aufspaltung des Schriftstellers Schumann in Eusebius und Florestan, also in zwei einander widersprechende, sich dadurch ergänzende Stimmen, hat etwas sehr Modernes, es kommt der Realität oft viel näher als das blosse „Ja“ oder „Nein“. Es war ja ganz neu, was Berlioz da komponiert hatte. Und es war Robert Schumann gar nicht wohl dabei, das sagt die eine Stimme in ihm, und er schreibt es auf. Aber die andere Stimme sagt, und das schreibt er auch: „Nur das Genie darf frei gebaren... Seht es einmal einem feurigen Jüngling nach, den man nicht nach der Krämer-Elle messen soll.“

          Diesen Satz finde ich ungeheuerlich. Er besagt, dass etwas so neu sein kann, dass unsere Kriterien vielleicht nicht mehr oder noch nicht greifen oder nicht ausreichen, um das Unerhörte, das Neue zu beschreiben.

          Was ich aber als Musiker durch alle Zeiten hindurch von einem Kritiker erwarte, ist etwas leider heute ziemlich aus der Mode Gekommenes. Nämlich, eine Partitur lesen und gleichzeitig hören zu können. Früher war das durchaus üblich, dass die Kritiker sich vor wichtigen Uraufführungen die Partitur kommen ließen, um sie vorab zu studieren. Festivalintendanten, Opernhäuser und auch die Musikjournalisten selbst berichten übereinstimmend, dass so etwas heute so gut wie nicht mehr vorkommt. Aber warum? Kein Interesse mehr? Keine Zeit? Kommt da die denkbar negativste Wortbedeutung von „Jour“-nalismus zutage? Nur für den Tag gültig und nicht darüber hinaus? Das wäre ja nun wirklich schlimm!

          Schumann hat am Ende seiner „Musikalischen Haus -und Lebens-Regeln“ gesagt: Eine Musik „wie in leibhaftiger Partitur vor sich zu sehen“, sie lesen und hören zu können: „Das ist das Höchste, was gedacht werden kann“. Aber dazu braucht es Geduld, Fleiß, Studium. Und das spüre ich in den Kritiken von Eleonore Büning immer wieder: dass sie auf die Partitur verweisen kann, sei es bei den großen Partituren der Vergangenheit oder bei neu entstandenen.

          Die Musik-, Theater- und Literaturwissenschaftlerin ist eine der prägendsten Gestalten des deutschsprachigen Musikjournalismus.

          Etwa im Fall eines Stückes von Wolfgang Rihm, wo sie, es war mindestens ein längerer Absatz, wie lang genau, kann ich Ihnen jetzt nicht beschwören, ein musikalisches Zeichen, nämlich das „sforzato in piano“, schrieb. Darüber stolperte sie offenkundig beim Partiturstudium, und darüber hat sie dann philosophiert und sich angenähert: Was könnte das heißen? Wie soll das gespielt werden? Und da sind wir einander wieder ganz nah. Als Musiker (die wir das auch entschlüsseln, dechiffrieren müssen) und als ein Komponist (die wir das schreiben), gefällt es mir, dass auch für sie die Partitur, dieses altmodische Ding, das ja selbst gar nicht klingt, aber wo doch alles darin steht, tatsächlich noch das Maß der Dinge ist.

          Künstler und Kritiker an einem Strang

          Bisweilen schreibt Eleonore Büning scharf, spitzzüngig, spöttisch, salopp. Aber ich spüre unter dieser brillanten Wortoberfläche, dem funkelnden Wortfeuerwerk immer einen großen Ernst, eine tiefe Demut und ein Feuer lodern. Bei dem Begriff Feuer drängt sich mir sofort der Gustav Mahler zugeschriebene Satz auf – man weiß nicht genau, ob er ihn wirklich gesagt hat, aber wer auch immer ihn gesagt hat, der Satz ist wunderbar: „Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.“ In diesem Sinne wirkt auch Eleonore Büning.

          Sie brennt für die Sache, für die Musik. Und sie ist imstande, ihre Leser, die nicht im Konzert waren, mit Worten so nah und packend in diese Welt des Konzertsaals oder der Oper zu entführen, dass man glaubt, dabei gewesen zu sein. Und wenn man dann mal tatsächlich selbst dabei war und sich trotzdem nicht der Meinung der Rezensentin anschließen kann, bleibt der Text selbst leider immer noch sehr gut.

          In einer Zeit, in der die Musik der sogenannten Klassik nach Gesetzen der Popmusik vermarktet wird – man schaue sich nur eine beliebige „Klassik-Show“ im Fernsehen an, dann versteht man, warum die klassische Musikkultur durch die Anbiederung an den Pop zugrunde geht und daran erstickt; in diesen Zeiten künstlerisch komplett irrsinniger Orchesterzusammenlegungen, wie hier im Südwesten Deutschlands gerade auf fatale Weise zu studieren; in Zeiten der totalen Kommerzialisierung der Musik; in Zeiten, in denen selbst ein Sender wie der Bayerische Rundfunk (obwohl man doch irgendwie dachte, in Bayern wird so etwas nicht passieren) jetzt die UKW-Welle von BR Klassik vom Netz nehmen will; in solchen Zeiten können wir uns eine elfenbeinturmartige Frontstellung von Künstler versus Kritiker nicht mehr leisten.

          Getragen von einer Liebe zur Musik

          Wir sitzen nämlich alle im gleichen Boot. Es gilt, diese Theater-, Opern- und Orchesterlandschaft in Deutschland, die weltweit bewundert wird und einzigartig ist, zu bewahren. Dazu braucht es Künstler, die für die Sache brennen, es braucht Veranstalter, die ihr Publikum nicht für dumm verkaufen, sondern die es durch intelligente und anspruchsvolle Programme fordern. Und es braucht Musikvermittler wie Eleonore Büning, die durch ihre Sprachkunst oder besser, so würde ich es nennen, durch ihre sprachliche Vergegenwärtigungs-Kunst Musik lebendig werden lassen könne.

          Als Musikredakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wie auch früher bei der „Zeit“ und bis heute als Vorsitzende des Preises der deutschen Schallplattenkritik schrieb sie und schreibt sie immer wieder über den Tag hinaus gehende Artikel über klassische Musikkultur. Und ihr musikalischer Horizont ist noch viel weiter, sie lässt sich von aktueller afrikanischer Musik ebenso packen wie von Wagner oder Strauss oder von einer neuen Oper von Mark Andre.

          Diese Offenheit macht Eleonore Büning so besonders. Ja, sie ist streitbar, manchmal auch streitlustig und polarisierend, aber immer getragen von einer großen Liebe zur Musik, die ansteckend ist und Lust macht auf mehr. Auf mehr gut Geschriebenes über Musik. Und auf mehr gute Musik.

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