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Musikkultur : Schluß mit dem Theater

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Welche Oper wird geschlossen? Staatsoper Unter den Linden ... Bild: ddp

Berlin, die Hauptstadt der Musiknation Deutschland, muß sich entscheiden, ob es mit der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper und der Komischen Oper drei Musiktheater unterhalten kann oder nicht. Ein kleiner Vergleich mit anderen Städten.

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          Klaus Wowereit ist gescheitert - als Opernhausverkäufer. Offenbar gibt es kein „gesamtstaatliches Interesse“ an der Staatsoper und auch kein zusätzliches Geld des Bundes für die Musikkultur in Berlin. Das Ergebnis war voraussehbar. Dazu hätte es nicht der Ankündigung eines Gesprächs über die Opernsituation zwischen dem Regierenden Bürgermeister und der Bundeskanzlerin bedurft und im Grunde auch zuvor nicht des Sturms im Wasserglas mit dem Generaldirektor der Opernstiftung Michael Schindhelm.

          Immerhin aber weiß man jetzt in Berlin, woran man finanziell ist, und hoffentlich auch, daß die Zeit der Augenwischerei vorbei ist. Berlin, die Hauptstadt der Musiknation Deutschland, muß sich entscheiden, ob es mit der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper und der Komischen Oper drei Musiktheater unterhalten kann oder nicht. Will man sie haben, dann müssen auch vernünftige Wege zur Finanzierung aufgezeigt werden. Bevor aber das Lamentieren über die so teure Kultur und die leeren Kassen wieder beginnt, sollte man einmal ein paar Vergleiche anstellen. Zum Beispiel mit anderen Städten.

          Realität des kulturellen Alltags

          Prag, die Goldene Stadt an der Moldau, besitzt drei Opernhäuser, Wien verfügt ebenfalls über drei Opernhäuser, Paris gar über fünf, wenn man das Théâtre du Châtelet, die Salle Favart mit der Opéra-Comique und das Théâtre des Champs Élysées hinzuzählt. Auch Moskau besitzt nicht nur das Zugpferd Bolschoi, sondern noch weitere vier, meist gut besuchte Musiktheater. Budapest unterhält seiner Tradition gemäß neben Staatsoper und Erkeltheater noch ein Operettenhaus. London, einst verspottet als Stadt ohne eigene Musik, kann immerhin auf drei Opernhäuser verweisen - neben Covent Garden und English National Opera noch Sadler's Wells Opera. Bayerns Hauptstadt München scheint kulturell mit National-, Gärtnerplatz- und Prinzregententheater ohnehin auf einem anderen Stern zu liegen.

          ... Deutsche Oper Berlin ...
          ... Deutsche Oper Berlin ... : Bild: AP

          Natürlich lassen sich die Situationen in den genannten Städten nicht ganz genau ins Verhältnis setzen. Prag kann immerhin auf einen nie nachlassenden Touristenstrom für seine Opernhäuser, vor allem aber für das Ständetheater als mythischem Uraufführungsort von Mozarts „Don Giovanni“ bauen. In München verfügt das auf wunderbare Initiative von August Everding wiedererstandene Prinzregententheater über kein eigenes Ensemble, ebenso wie Sadler's Wells in London und Châtelet sowie Théâtre des Champs Élysées in Paris. Palais Garnier und Bastille-Oper sind in Paris zudem unter einem Verwaltungsdach vereint. Aber daß Berlin nun schon so lange keine befriedigende Lösung, nicht einmal mit der noch nicht so lange installierten Opernstiftung, gefunden hat, wirft ein bezeichnendes Licht auf das stets im Politikermund geführte Wort von der Kulturnation, die es zu bewahren gelte, und der Realität des kulturellen Alltags, der angeblich nicht mehr zu finanzieren ist.

          Gut, besser, München

          Bei allen Vergleichen darf man das Beziehungsgeflecht zwischen Vorstellungszahlen, Eintrittspreisen, Auslastung, Eigeneinnahmen und vor allem künstlerischem Niveau nicht außer acht lassen. Die Staatsoper in München ist Deutschlands größtes Opernhaus, bietet die meisten Vorstellungen, besitzt die höchste Auslastung, kann sich die teuersten Plätze leisten und kommt auf die höchsten Eigeneinnahmen. Naturgemäß hängt eines vom anderen ab.

          Nicht zuletzt spielen auch der künstlerische Rang und die Tradition des Hauses in dieser Stadt eine Rolle. 580.000 Besucher in einer Spielzeit mit 350 Vorstellungen und 94 Prozent Auslastung sowie 37 Prozent Einspielergebnis bei durchschnittlich neun Neuproduktionen und sechzig Repertoirestücken erreicht man nur, wenn man dem Publikum Konstanz und Qualität bietet und beispielsweise auf eine 353 Jahre alte, ungebrochene Aufführungstradition zurückblicken kann. Da fällt es auch den Kulturpolitikern leichter, auf die 48 Millionen Euro Zuschuß im Jahr 2004 ein Jahr später zwei Millionen draufzulegen.

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