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Musikförderung : Statistiken statt Sonntagsreden

  • -Aktualisiert am

Anspielprobe beim Bundesjugendorchester im Berliner Konzerthaus Bild: picture-alliance/ dpa

Deutschland ist das Musikland schlechthin. So besitzt es neben achtundachtzig Musiktheatern 133 Sinfonieorchester. Doch Untersuchungen zeigen, dass an der Musik bevorzugt öffentlich gespart wird. Die neuesten Untersuchungsergebnisse sind alarmierend.

          Das klingende Paradies liegt zwischen Rhein und Oder. So muss es zumindest einem Musikliebhaber aus England, aus Spanien, Japan, China oder Australien erscheinen. Und aus Amerika sowieso. Deutschland ist das Musikland schlechthin. Das wird jedem Kulturbeflissenen aus Chicago, Sydney oder Osaka sofort einleuchten, wenn er erfährt, dass man wenigstens unter einem Dutzend Opernhäusern wählen kann, wenn man etwa in Frankfurt am Main an einem beliebigen Nachmittag beschließt, ein Musiktheater zu besuchen. Innerhalb von zwei Stunden erreicht man - außer in Frankfurt selbst - mühelos die Opernhäuser in Darmstadt, Gießen, Mainz, Wiesbaden, Heidelberg, Mannheim, Meiningen, Köln, Bonn, Saarbrücken, Kaiserslautern, Stuttgart und Würzburg.

          Bei anderen musikalischen Veranstaltungen sieht es noch besser aus. Deutschland besitzt neben achtundachtzig Musiktheatern 133 Sinfonieorchester. In der vergangenen Spielzeit sind zu mehr als zwanzigtausend Veranstaltungen etwa zwölf Millionen Besucher in die Opernhäuser und Konzerthallen geströmt. Hinzu kommen ungefähr fünfhundert regelmäßig stattfindende Musikfestivals, unzählbare Kirchenkonzerte, Kammermusikveranstaltungen, Chorfeste, Schülerkonzerte, Laienauftritte.

          Gigantische statistische Datenmasse

          Eintausend Musikschulen bilden den Nachwuchs aus, 23.000 Studenten bereiten sich zurzeit an deutschen Musikhochschulen und Akademien auf eine professionelle Musikerlaufbahn vor. Sieben Millionen Menschen sind hierzulande in ihrer Freizeit musikalisch aktiv, davon etwa drei Millionen Kinder und Jugendliche. Die öffentliche Musikförderung erreicht jährlich eine Größenordnung von zweieinhalb Milliarden Euro, und die Musikwirtschaft verzeichnet gegenwärtig nahezu fünfundsechzigtausend Beschäftigte in zwanzigtausend Unternehmen mit einem Gesamtumsatz von mehr als sechzehn Milliarden Euro.

          Frisia non cantat? Tacitus muss ein anderes Land gemeint haben, als er die Fama von den gesanglosen Germanen in die Welt gesetzt hat. All diese Daten und Fakten über das blühende Musikleben in Deutschland muss man freilich nicht mühevoll aus verstreuten Quellen im föderalen Kulturleben der Bundesrepublik zusammensuchen. Wer sich über Musik ganz allgemein, über die Ausbildung zum Musiker, über Verlage und wissenschaftliche Forschung, über Musikpflege, Publikationen, Medien und Musikindustrie, über Musikförderung und Stiftungen, über Antiquariate und Tonträgerhersteller, über den Rundfunk, Museen, Künstleragenturen und Handwerksbetriebe, Sozialeinrichtungen für Künstler oder Musikkorps der Bundeswehr, kurzum über irgendetwas, was mit Musik in Verbindung steht, informieren möchte, kann es über das Musikinformationszentrum (MIZ) in Bonn tun. Internetadresse: www.miz.org.

          Vor zehn Jahren wurde es als Einrichtung des Deutschen Musikrates gegründet und hat mittlerweile eine Datenbank zur Infrastruktur des Musiklebens mit mehr als zehntausend Institutionen und Einrichtungen erstellt, wobei die Einträge fortlaufend aktualisiert werden.

          Das MIZ hat in dieser Zeit nicht nur unzähligen Musikinteressierten Informationen geboten. Es hat mit seinen gigantischen statistischen Daten auch die Entwicklungen und Trends in allen Bereichen des Musiklebens beobachtet und damit eine empirische Grundlage geschaffen für die kulturpolitische Diskussion hierzulande.

          Alarmierende Situation an der Basis

          Wie wichtig gerade in dieser Hinsicht die Arbeit des Musikinformationszentrums ist, mag man vor allem an jenen Daten erkennen, die das Bild vom Musikparadies Deutschland dann doch wieder eintrüben. So sind in den letzten zehn Jahren etwa eintausend musikalische Planstellen an Orchestern in Deutschland durch Orchesterauflösungen und Fusionen weggefallen. Fünfunddreißig Ensembles sind nach der Wende wegrationalisiert worden, und nicht nur im Osten der Republik. Weit alarmierender ist die Situation an der musikalischen Basis.

          Nach Untersuchungen des Verbandes Deutscher Schulmusiker werden an Grundschulen lediglich zwanzig bis dreißig Prozent des Musikunterrichts - wenn er überhaupt stattfindet - von fachspezifisch ausgebildeten Musiklehrerinnen und -lehrern erteilt, weil es einen rapiden Rückgang von Studierenden für das musikalische Lehramt gibt. Damit hängt zusammen, dass musikalische Bildung und Ausbildung an Musikschulen und Musikhochschulen von Kürzungen der öffentlichen Hand in den zurückliegenden Jahren am stärksten betroffen war. Vielleicht sollten Politiker, bevor sie ihre Sonntagsreden zur Kultur vorbereiten, doch gelegentlich die Internetadresse des MIZ anklicken oder den tausendfünfhundert Seiten dicken Musikalmanach des Deutschen Musikrates aufschlagen, der alle Daten des MIZ enthält, alle zwei Jahre erneuert wird und im Verlag „conbrio“ erscheint.

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