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Musikfilme : Klassik hat ihre Zukunft vor sich

  • -Aktualisiert am

Brucknerfenster im Dom von Linz: Moderne Technik baut aus Beethovens Schnipseln ein großes Werk und macht Bruckner wieder quicklebendig. Bild: Archiv Alexander Koller

Kompositionen von Künstlicher Intelligenz, 8K-Übertragung, Streaming im ZDF: Die neuen Spitzenprodukte des Musikfilms eröffnen unzugängliche Kulturräume.

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          Die Uraufführung von Beethovens zehnter Symphonie soll, falls die gegenwärtige Infektionswelle bis dahin abflaut, am 28. April 2020 stattfinden, gespielt vom Beethoven Orchester Bonn unter der Leitung seines Chefdirigenten Dirk Kaftan. Was nach Fake News klingt, wurde schon im vergangenen Dezember in Bonn unter Trommelwirbeln verkündet. Kürzlich kam das Thema an einem „Innovation Day“ im Rahmen der Berliner „Avant Premiere“, des alljährlichen Treffens der internationalen Produzenten, Vertriebe und Sender von Musikfilmen, abermals auf den Tisch. Michael Schuld vom Bonner Konzern Telekom, sekundiert von Matthias Röder, dem Leiter des Eliette und Herbert von Karajan Instituts Salzburg, informierten über den Versuch, aus wenig viel zu machen und mit einem Team von Computerspezialisten und Musikfachleuten aus den spärlichen Skizzen Beethovens zu seiner zehnten Sinfonie ein viersätziges Werk zu klonen. Was an Universitäten und in der Hightech-Industrie schon seit längerem erforscht wird, soll erstmals an einem prominenten Beispiel öffentlichkeitswirksam demonstriert werden: der Einsatz der Künstlichen Intelligenz.

          Die Maschine erlernt die in den Beethoven-Schnipseln gespeicherten logischen Zusammenhänge und strukturellen Merkmale und extrapoliert daraus längere musikalische Abläufe, die Spezialisten beider Sparten sorgen dafür, dass sie vom Beethoven-Pfad nicht allzu weit abweicht. Die in Berlin vorgestellten Hörbeispiele waren mäßig attraktiv. Die maschinelle Zeugung hat übrigens noch einen aleatorischen Effekt: Wenn das sich selbst steuernde Computerprogramm seinem kalkulatorischen Trieb freien Lauf lässt, kann es unendlich viele Varianten des Beethoven-Avatars erzeugen. Der müßigen Frage, ob das Kunst sei, wichen die beiden Projektleiter aus. Sie sind Realisten. Für sie liegt die Bedeutung des Unternehmens nicht im Ästhetischen, sondern in der Methode – in der Zusammenarbeit von künstlerisch denkenden Menschen mit Künstlicher Intelligenz. Dabei können sie mit Recht behaupten, dass hier mit einer neuen Form von Kreativität experimentiert wird. Doch für diese Einsicht braucht es kein Beethoven Orchester, dazu genügen auch Midi-Files.

          Wo die Zukunftsmusik spielt

          Ein anderer Schwerpunkt des „Innovation Day“ lag auf der neuen Produktions- und Übertragungsnorm 8K. Hinter dem Kürzel verbirgt sich eine hochauflösende Bildtechnik, ergänzt durch einen luxuriösen Raumklang mit 22 Kanälen mit zwei Tieftönern. Sie vermittelt ein Seh- und Hörerlebnis von bisher unerreichter Realitätsnähe. Die von einem Firmenkonsortium unter Führung der japanischen Fernsehgesellschaft NHK entwickelte Technik sollte bei den Olympischen Spielen in Tokio erstmals im internationalen Maßstab eingesetzt werden, bevor diese wegen der Corona-Krise verschoben wurden.

          In Japan selbst strahlt NHK bereits zahlreiche Musikprogramme in 8K aus und geht dazu in Europa auf Einkaufstour, stets mit Blick auf den japanischen Publikumsgeschmack. Er wird bedient mit großer Symphonik von Johannes Brahms und Anton Bruckner und mit Aufnahmen aus beliebten Touristendestinationen. Favoriten sind die Musikstadt Venedig, das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker oder die Ballette „Nussknacker“ aus Sankt Petersburg und „Giselle“ aus Paris. In Zusammenarbeit mit Unitel entsteht der erste Beethoven-Zyklus in 8K mit den Wiener Philharmonikern und Andris Nelsons. Die neue Technik ist noch weit vom Massenmarkt entfernt, für die Big Player aber schon heute ein Ort, wo die Zukunftsmusik spielt. Während die Globalisierung der europäischen Klassik voranschreitet, entwickeln sich abseits des großen Klassikgeschäfts Märkte, die kulturell ganz anders ausgerichtet sind.

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