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Musikfestspiele Potsdam : Von Böcken, Hammeln und Musen

  • -Aktualisiert am

Barocke Pappbarkarole: Helena Rasker als Glauco in der Oper „Polifemo“ . Bild: Stefan Gloede

Dorothee Oberlinger hat die Leitung der Musikfestspiele Potsdam-Sanssouci übernommen. Ihre erste Saison ist eine Liebeserklärung an einen großartigen Ort und ein phantastisches Festival.

          Über einen Mangel an Liebhabern kann sich das parkreiche Potsdam nicht beschweren. Nicht alle sind aber so glücklich, auch wiedergeliebt zu werden. „Wir lieben Potsdam!“ steht auf einem Banner ganz oben am Hochhaus des früheren Interhotels unweit des Hauptbahnhofs. Ein Gebäude, das vielen Befürwortern der historisierenden Neugestaltung der Stadt ein Dorn im Auge ist. Immer einsamer steht der Hotelklotz da und schaut hinab, wo Plattenbau um Plattenbau fällt und Brache um Brache mit hübschen Sachen bebaut wird: Stadtschloss, Museum Barberini, Palazzo Pompei und was sich sonst noch so um den neuen Alten Markt schart. Aus der Schäm-dich-Ecke des aktuellen Hotelbetreibers heraus wirkt die Liebesbekundung wie ein leiser Verzweiflungsruf: Ich liebe euch, bitte habt mich doch auch ein bisschen lieb!

          Dem Zyklopen Polifem, wie er in Giovanni Battista Bononcinis Oper gleichen Namens auftritt, geht es da ganz ähnlich. Ein Scheusal ist er, lüstern auch, und dann muss er zusehen, wie um ihn herum die Schönen und Anmutigen sich lieben, zanken und wieder versöhnen, und er geht leer aus. Ob ihm die Sympathien helfen, die er für seine Rolle als Narr einheimst? Galatea, deren Liebesbekundungen er für bare Münze hält, erzählt er gleich mal von der erlesenen Gesellschaft, die bei der Heirat auf sie wartet: Mulis, Böcklein, Hammel, Gänse und was sonst noch an Getier dem Zyklopen-Hofstaat angehört. Galatea rollt mit den Augen, das Publikum lacht.

          Die Pastoraloper „Polifemo“ von Bononcini ist eine der Raritäten, die bei den diesjährigen Musikfestspielen Potsdam von Dorothee Oberlinger, der neuen Intendantin, aufs Programm gesetzt wurden. Ein Stück mit schönstem Preußen-Bezug, komponiert für Königin Sophie Charlotte, die Großmutter Friedrichs des Großen, die es 1702 in ihrem Schloss Lietzenburg aufführen ließ, dem heutigen Schloss Charlottenburg in Berlin. Ein Werk von leichtfüßigem Humor und heftigem, deftigem Gefühl (das Libretto schrieb ein weiterer Kulturangestellter von Sophie Charlottes Hof, der Komponist Attilio Ariosti). Bononcinis Musik sprüht vor mediterraner Lust an der Melodie und vor Freude an der drastischen Zeichnung. Als Polifem die Qualen seines unerfreulichen Lebens als Außenseiter beschreibt, dröhnt im Bass der Bordun, unbewegt ausgehalten, als habe Klebstoff die Hände der Musiker fixiert.

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          Bei der Aufführung in der Orangerie von Park Sanssouci spielt Oberlingers „Ensemble 1700“, die Blockflötistin dirigiert eine packende Aufführung, musikalisch sorgfältig formuliert und zugleich mit großem Herzen gespielt. Dass Bononcinis Pastorale hier so rotwangig ins Leben zurückkehrt, hat viel mit dieser engagierten Darbietung zu tun. Eine exzellente Sängerbesetzung kommt hinzu: der Bassist João Fernandes etwa als wendiger Polifem, Roberta Invernizzi mit perlrundem Sopran als Galatea, der in ähnlicher Stimmlage eine selten anzutreffende Konkurrenz erwächst – ein Sopranist, Bruno de Sá als Aci, dessen Stimme man nicht leicht wieder vergisst: wegen des eigentümlichen Zusammengehens von knabenhafter Charakteristik mit einer abgeschlossenen Stimmbildung, wie sie nur ein Erwachsener vorweisen kann, mehr noch wegen der puren Schönheit der Stimme und ihrer Modulierfähigkeit. All das ist eingebettet in Margit Leglers Inszenierung nach historischer Aufführungspraxis. Die Förmlichkeit und Eleganz, mit der sich die Figuren des Stückes auf der Bühne bewegen: stets den Wechsel von Stand- und Spielbein ausbalancierend; die repräsentative Weitung der Brust zum Zuschauer hin; die vokabelartigen Gesten: der Fingerzeig nach oben, der Griff ans Herz, all das grenzt ein und macht die Darsteller zugleich frei für die ungebremste Gefühlsäußerung. Die starke Haltung versichert gegen das Abdriften in die Sentimentalität, die Inszenierung erhält aus dieser Sicherheit eine Kraft, die unmittelbar zu Herzen geht. Man sieht Darsteller in Barockkostümen umherschreiten und in römischen Uniformen, und doch stellt sich nie die Frage nach Aktualität.

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