https://www.faz.net/-gqz-a1qdy

Fest der Künste in Stuttgart : Bach trifft Afrikas Urmutter

Mit Zauberflöte im prähistorischen Farnwald: Shin-Joo Morgantini intoniert das Hauptthema von Johann Sebastian Bachs „Musikalischem Opfer“. Bild: Dominique Brewing

Auf Forschungsreise unter Dinosauriern: Das Festival „Die irritierte Stadt“ konkurriert mit Stuttgarts Wutbürgern.

          3 Min.

          Dass es in Stuttgart brodelt, wie der Titel des pandemiegerecht umgemodelten Festivals „Die irritierte Stadt“ feststellt, spürt man schon am Bahnhof. Der Taxifahrer, der zweieinhalb Stunden in der Warteschlange stand, flucht nonstop über Verkehrsberuhigung, die kurze Fahrstrecke und Corona-Regeln – er würde sich am liebsten infizieren und sterben, sagt er, dann brauche er sich nicht weiter zu verschulden. „Infizieren“ wollen erklärtermaßen auch die experimentellen Musik-, Tanz- und Performanceveranstaltungen, die ein neues gesellschaftliches Zusammenleben extrapolieren.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Vor Kulturinstitutionen der Autostadt sind Standfahrräder mit Handyladestationen im Gepäckträger aufgebaut, wo der Passant zur Energieerzeugung für die Digitalisierung beitragen kann. In der Staatsgalerie prangt die Multimediainstallation „Macho Sound/Gender Noise“ des Künstlerinnen-Tandems Sofia Dona und Daphne Dragona, die mit Menschenmund erzeugten Motorgeräuschen und maschinell verfassten Konzepttexten die maskuline Essenz des Automobils anprangert, die eine feminine Natur unterwirft. Videos mit Männern am Steuer schrottreifer Rennwagen und lackierte Frauenfinger, die ein Luxusgefährt liebkosen, deuten Machtverschiebungen an.

          Am Anfang war der Tanz

          Doch draußen hält die Fahrzeugkolonne der Schausteller, die mit ihrem Protest gegen die Absage der Volksfeste die Innenstadt lahmlegen, mit einer lautstarken Kontraperformance dagegen. Ihr sonores, an eine Riesenblaskapelle erinnerndes Hupkonzert, das Martinshörner und Polizeihubschrauber aufmischen, hätte Karlheinz Stockhausen begeistert.

          Die interessantesten Produktionen versuchen, kulturelles Wissen über historische und geographische Gräben hinweg fruchtbar zu machen. Etwa die europäisch-afrikanische Musikperformance „Am Anfang“, die der armenisch-türkisch-deutsche Gitarrist und Komponist Marc Sinan im Theaterhaus vorstellt. Das Stück, das Schöpfungsmythen des malischen Dogon-Volkes mit biblischen und dadaistischen Urworten verschränkt, sollte eigentlich in Mali uraufgeführt werden.

          Für die auf eine Stunde gekürzte Version dürfen den leergeräumten Theatersaal, der normalerweise tausend Personen fasst, hundert Zuschauer betreten und zwischen den aufgestellten Videoprojektionswänden umherwandern, allerdings nur mit der ihnen zuvor ausgehändigten extrastarken Atemmaske. Auf der einen Seite stehen, durch Plexiglaswände voneinander getrennt, fünf Sänger der Stuttgarter Vokalsolisten, skandieren Satzfetzen, intonieren virtuose Spitzentöne und Glissandi, tänzeln mit Tönen, spielen mit Konsonanten, bringen aber auch Plastikflaschen zum Knistern.

          Von der anderen Saalseite antworten der E-Gitarre spielende Sinan und Oguz Büyükberber auf dem Saxophon mit intensivem Avantgardejazz. Sie treten in einen Dialog mit den Sängern, aber auch mit per Video eingeblendeten Musikern des Djiguiya Orchestra in der malischen Hauptstadt Bamako, die gekonnt die Spießlaute, das Balafon und die traditionelle Bolon-Harfe traktieren. Probenaufnahmen und Live-Mitschnitte ergänzen einander, immer wieder erscheinen auch Gesangssolisten in Großaufnahme, alles erklingt gleichzeitig und doch an jedem Punkt im Saal anders.

          Mediale Weiblichkeit

          Eine animistische Sinnstiftung versucht die Tänzerin Kettly Noel, die, erst ihr Kleid über einen Musiker stülpend, dann sich am Boden windend und mit den athletischen Beinen ausschlagend den malischen Mythos der Entstehung der Welt aus einem Stück Plazenta der Urmutter beschwört. Noel, die als einzige der malischen Gäste nach Stuttgart anreisen konnte, verkörpert mit ihrem abrupten Wechsel ausladender Gesten, stummem Dahocken und närrischer Mimik eine emphatisch mediale Art von Weiblichkeit.

          Aufschluss- und beziehungsreich geriet die Aufführung von Johann Sebastian Bachs „Musikalischem Opfer“ im naturhistorischen Museum am Löwentor. Aus dem wenige Jahre vor Bachs Tod entstandenen Werk spricht ein großer Künstler, der hochberühmt, aber auch schon aus seiner Zeit gefallen war, deren Musikgeschmack mittlerweile das Ergreifende und Schlichte vor seinen komplexen polyphonen Konstrukten bevorzugte.

          Unter dem Titel „Kanons“ lässt der Opernregisseur Roman Lemberg, der selbst am Synthesizer den Basso continuo gibt, drei Instrumentalisten die zugleich strengen wie auch frei schweifenden Fugen und Kanons in dem Wissenschaftstempel spielen, der mit Repliken von Fossilien, aber auch lebensgroßen Kunststoffdinosauriern das Verarbeiten und kreative Deuten vorgefundenen Materials anschaulich macht. Die Flötistin Shin-Joo Morgantini wagt sich mit dem Hauptthema in den Farnwald mit Riesenechse. Der Bratschist Louis Bona intoniert seinen Spiegelkanon passenderweise in der Sackleinenkluft des Eiszeitmenschenmodells. Und Lemberg gibt den kontextstiftenden Cembalopart im Archäologenkittel. Nie klang Bachs Bezeichnung der Fugen als „Ricercar“ (Erforschung) so plausibel.

          Das Wissen des alten Körpers

          Die ungarische Performerin Boglárka Börcsök hat verschüttete Traditionen der Tanzgeschichte wieder ausgraben können. Börcsök, die in ihrem Film „The Art of Movement“ drei mehr als neunzig Jahre alte Ex-Pionierinnen des von den Kommunisten unterdrückten ungarischen Modern Dance porträtiert hat, verwandelt sich unter dem Titel „The Aging Body and Memory“ in einem als Krankenzimmer hergerichteten Raum im Hospitalhof in die drei Greisinnen. Börcsöks durchtrainierter Körper krümmt sich, der Blick fällt nach innen, ihre Züge erstarren.

          Mit dünner Stimme und vor Anstrengung zitternd skizziert sie grandiose beziehungsweise suggestiv scheue Bewegungen, die, wie sie mit entkräftet glühendem Blick betont, stets vom Energiefluss leben müssten, nie Posen sein dürften. Börcsök, die sich auch den Alterscharme ihrer Heldinnen zu eigen macht, lässt sich immer wieder von den Zuschauern „helfen“ und macht durch diese Berührung ihre Geschichten auch zu deren physischer Erfahrung.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Spuren der Verwüstung: Ein Mann steht in einem zerstörten Mehrfamilienhaus in Tartar, Aserbaidschan.

          Rohstoffförderer Aserbaidschan : Der Krieg einer Öl-Macht

          Aserbaidschan liefert wichtige Rohstoffe nach Europa. Ein militärischer Konflikt mit Armenien könnte die Handelsbeziehungen nun gefährden. Die Türkei will das verhindern – aus eigenem Interesse.
          Französische Sicherheitskräfte nach dem Messerangriff vor dem früheren Redaktionsgebäude der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris

          Regierung in Paris alarmiert : Von Islamisten unterwandert

          Der Islamismus breitet sich in der französischen Gesellschaft immer weiter aus und dominiert mittlerweile ganze Stadtviertel. Die Regierung in Paris will ihn mit schärferen Gesetzen zurückdrängen.
          Ein Schlauchboot, mit dem Migranten über den Ärmelkanal nach Großbritannien übergesetzt sind.

          London will abschrecken : Fähren für Asylbewerber?

          Immer mehr Migranten erreichen Großbritannien über den Ärmelkanal. Die Regierung will die Migration jetzt eindämmen. Auch die Einrichtung von Asylzentren auf Papua Neuguinea soll dafür im Gespräch gewesen sein.
          Ein Demonstrant der rechten „Proud Boys“ diskutiert am 26. September in Portland mit einem Gegendemonstranten.

          Nach TV-Duell : Selbst Republikaner kritisieren Trump

          Nach der ersten Fernsehdebatte präsentiert sich Präsident Donald Trump als Sieger des Duells mit Joe Biden. Doch sogar ranghohe Republikaner gehen auf Distanz.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.