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Musikfest in Aix-en-Provence : Mild und leise aus der Métro

  • -Aktualisiert am

Zwischen des Meeres und Liebe Wellen: Nina Stemme (Isolde) und Stuart Skelton (Tristan). Bild: F.A.Z.

Das Musikfest in Aix-en-Provence läuft noch bis zum 25. Juli. Die ungewöhnlich moderne Inszenierung der beiden Nachtstücke Monteverdi und Wagners „Tristan und Isolde“ begeisterten das Publikum.

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          Nun, da Himmel und Erde und Wind schweigen / Und Schlaf die wilden Tiere und Vögel beruhigt, / führt die Nacht ihren bestirnten Wagen auf die Bahn ...“ Die Verse von Francesco Petrarca hat Claudio Monteverdi im sechsstimmigen Madrigal mit Instrumenten zu einem Gesang tiefer Sehnsucht geformt. Er bildet den Auftakt für ein Nachtstück, das dem diesjährigen Musikfest von Aix-en-Provence eine aparte Facette hinzufügte; von einem anderen Nachtstück, Richard Wagners „Tristan und Isolde“, soll später die Rede sein.

          Vor dem reizenden Theaterchen Jeu de Paume aus dem achtzehnten Jahrhundert sammeln sich Connaisseure (männlich, weiblich, divers) der Alten Musik, um Werke von Monteverdi, Cavalli, Rossi, Merula aus einer wahrhaft blühenden Phase musikalischer Lyrik und Dramatik zu hören. Die Thematik „Nacht, Tod und Trauer“ bedeutet keine Eintönigkeit der Affekte, ganz im Gegenteil. Der musikalische Leiter der Montage, Sébastien Daucé, hat aus reichhaltiger barocker Literatur vielfältige Kostbarkeiten zusammengestellt.

          Da ist die große Szene „Il Combattimento di Tancredi e Clorinda“ nach Torquato Tassos „Das befreite Jerusalem“, ein Parforceritt großer Emotionen in der Musik Monteverdis (1624, gedruckt 1638). Der Kampf des Kreuzritters Tankred mit der in männlicher Rüstung verborgenen Heidin – und Geliebten – Clorinda rührte einst das humanistisch gebildete Publikum zu Tränen. Dem Berichterstatter (Testo) kommt die herausragende Rolle zu, den Instrumenten aber die herzergreifende Gestaltung des Zorns, des Kampfes, des Erschreckens, des endlich gefundenen Friedens.

          Spannung zwischen dem Tod und der Hoffnung auf Erlösung

          Mit lebhafter Diktion und klangvoll dunkler Stimme erobert sich der Tenor Valerio Contaldo die Rolle des Testo. Zuerst die feindselige Gegenüberstellung der Kontrahenten, dann ein magisches Innehalten beim Beschwören der Nacht: „O Nacht, die du im tief dunklen Innern die Heldentat mit Vergessen zudecktest“, einem verzierten Gesang, der in seiner Intensität an Orfeos Singen im Angesicht der Unterwelt erinnert. Ihm folgt die gestische Schilderung wütender Schwerthiebe, in harten Schlägen und schnellsten Tonrepetitionen. Erstmals in der Musikgeschichte setzt Monteverdi zur Steigerung der Dramatik heftige Pizzicati und Tremoli ein. In der wunderbaren Akustik des kleinen Theaters ist einem das Ensemble Correspondances körperhaft nahe.

          Dem unerbittlichen Kampf folgt die überraschende Wendung: Clorinda erbittet sterbend von Tancredi das Sakrament der Taufe, woraufhin sie vor Freude lacht und Frieden findet. Für eine säkulare Weltsicht mag dies ein Skandalon sein, daher bietet die Regisseurin Silvia Costa einen modernen Überbau an: Black Swan Theory. So bezeichnet die Wirtschaftswissenschaft das Vorkommen extrem unwahrscheinlicher, auch katastrophaler Ereignisse, die zu zeitweisen Paralysen führen. Doch lässt sich solch eine Metaebene auf der Theaterbühne kaum einlösen. Jedenfalls nicht begleitet von Requisiten wie Urnen, Kindersärgen, Laserschwertern. Die kommen gegen die extreme innere Spannung nicht an, die so viele Werke des siebzehnten Jahrhunderts kennzeichnet. Viel besser funktioniert szenisch ein schlichtes Tableau, in dem die Madrigalisten in schwarzem Habit mit altertümlichen weißen Kragen singen.

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