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Musikerambulanz : Von verschlissenen Bandscheiben und verlorenen Stimmen

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Wer hält die Geige falsch? Was stimmt hier nicht? Musiker der Duisburger Philharmoniker in der Ambulanz Bild: Andreas Endermann

Musik kann krank machen, wenn man sie exzessiv betreibt. Die Düsseldorfer Musikerambulanz kuriert typische Krankheiten von Berufsmusikern und warnt vor gefährlichem Repertoire.

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          Was wir lieben, kann uns krank machen. Verdi, zum Beispiel, ist Gift für die zweite Geige. Zu viele, zu schnelle, zu einseitig belastende, zu ruckartige Repetitionen. Ähnlich giftig für die Violinen ist die Minimal Music. Mahler und Bruckner dagegen, rein vom Standpunkt der tiefen Streicher betrachtet, machen gesund: mittlere Lage, schöne Längen. Folglich steht in dem Attest, mit dem der junge Orchestermusiker, der die Uniklinik in Düsseldorf mit einem Überlastungssyndrom, Hyperflexion der Griffhand, Taubheitsgefühlen im vierten und fünften Finger, aufgesucht hatte, wieder nach Hause geht: „Rigoletto“ und so weiter verboten, „Auferstehungssymphonie“ und so weiter erlaubt.

          So etwas gibt es nur hier in Düsseldorf, in der ersten Interdisziplinären Musikerambulanz, die direkt vernetzt ist mit einer Universitätsklinik. Hier werden berufserkrankte Musiker nicht allein an Körper und, im Glücksfall, auch Seele untersucht und therapiert, hier werden die Krankheitsverursacher miteinbezogen in die Anamnese: Instrument, Repertoire, Spielweisen, Haltung, Lebens-, Atem- und Arbeitsabläufe.

          Siebzig Prozent leiden an Berufskrankheiten

          Die Ärzte in dieser Ambulanz können Noten lesen. Sie spielen selbst ein Instrument. Sie kennen die andere Seite. Und es sind in dieser Ambulanz, das unterscheidet sie von anderen, Ärzte aller Fachrichtungen involviert. Neurologen, Kardiologen, Handchirurgen, Orthopäden, HNO-Fachärzte, Hautärzte, Kardiologen, Phoniater und Psychologen arbeiten zusammen an einem Fall, direkt und auf kurzem Weg.

          Einer von ihnen, der noch nicht approbierte, doch mit einer Untersuchung zu „Musikbegleittherapien bei Herzkatheteruntersuchungen“ promovierte Wolfram Goertz, ist zugleich ein Kirchenmusiker und Musikwissenschaftler. Hauptberuflich ist er Journalist. Goertz verdient seinen Lebensunterhalt, vorläufig jedenfalls, solange diese junge Ambulanz im Aufbau begriffen ist, immer noch als Musikredakteur der „Rheinischen Post“.

          Extreme körperliche Belastungen

          Erst mit Anfang vierzig entschloss er sich, Medizin zu studieren. Aber schon früher hatte er immerzu davon geschwärmt, besessen von dieser Idee, und erzählte ein Fallbeispiel nach dem anderen. Von dem Elend der Musiker, die vor sich und den Kollegen nicht zugeben können, dass das, was ihre Leidenschaft ist und die Grundlage ihrer Existenz, oftmals von Kindesbeinen an, sie zugleich zerstört und umbringt. Von den anderen, die unter dem Menetekel der Berufsunfähigkeit leben und weitergereicht werden von Facharzt zu Facharzt, in einer oft jahrelangen Odyssee, ohne Heilungserfolg. Musikermedizin ist ja keine Neuigkeit. Aber sie hat doch noch viele Kinderkrankheiten.

          Jeder kennt die Ekzeme, die dunklen Flecken am Hals: Ehrenmale fleißiger Geiger und Bratscher. Bekannt sind die unzähligen Fälle von Hörstürzen und Bandscheibenschäden, die tragischen Fälle von fokaler Dystonie, dem sogenannten „Musikerkrampf“, der große Karrieren beendete oder unterbrach, von Reinhard Goebel und Heime Müller bis Leon Fleisher. Legendär der entzündete Daumen von Murray Perahia, die verlorenen Stimmen von Cheryl Studer und Rolando Villazón.

          Berufsmusiker sind, wie Spitzensportler, extremen körperlichen Belastungen ausgesetzt. Etwa siebzig Prozent leiden früher oder später unter Berufskrankheiten, die sie sich oft nicht oder zu spät eingestehen. Für einen Profisportler ist ein Meniskusriss keine persönliche Niederlage oder gar tabu. Ein erfahrener Orchestertrompeter, dem es plötzlich schwarz vor Augen wird, wenn er im Konzert sitzt und sein Einsatz kommt, schweigt lieber.

          Immer mehr Musiker nehmen das Angebot wahr

          Sportmedizin gibt es schon länger - Musikermedizin ist aber erst seit rund zwanzig Jahren im Aufbau, und der Schwerpunkt liegt hier immer noch eher auf der Forschung als in angewandter Praxis. 1994 gründete sich die Deutsche Gesellschaft für Musikphysiologie und Musikermedizin. Es gibt mittlerweile etliche ausgezeichnete Musikerambulanzen, etwa in Hannover und in Freiburg, doch sie alle sind einer Musikhochschule angegliedert, und es ist in der Regel nur ein Arzt im Einsatz. In Düsseldorf wurde erstmals der Traum verwirklicht, eine Anlaufstelle zu schaffen, bei der die Nähe zur Musik mit der Vielfalt der medizinischen Versorgung direkt und praktisch verknüpft ist. Vor gut einem Jahr wurde die Interdisziplinäre Ambulanz eröffnet. Die Ärztin Ulrike Kahlen, Neurologin und zugleich ausgebildete Physiotherapeutin, leitet sie, Goertz koordiniert. An die vierzig Patienten werden hier monatlich versorgt, mit Erfolg, was sich daran ablesen lässt, dass es immer mehr werden: Es hat sich herumgesprochen.

          Auch dem Trompeter mit den Schwindelanfällen wurde geholfen. Es stellte sich, mittels einer Live-Echo-Kardiographie, heraus, dass der Überdruck im Brustkorb beim Spielen seine Herztätigkeit stört. Die verordnete Therapie wiederum war nichtmedizinischer, musikalischer Art: noch mal Trompetenunterricht nehmen, Anblastechnik revidieren, Druck abbauen.

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