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Musik-Frage : Wieso gelten Tenöre als dumm?

  • -Aktualisiert am

Der polnische Tenor Piotr Beczala sang im Februar bei der Eröffnung des Wiener Opernballs. Bild: Reuters

Warum singen Tenöre mit Kopfstimme? Weil sie dort die größten Hohlräume haben. Keine Stimmgruppe wird so durch den Kakao gezogen wie diese – und zwar schon sehr lange.

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          Und warum haben die dümmsten Bauern die dicksten Kartoffeln? Warum sind Maurer pünktlich? Was ist mit den Blondinen? Mit den Bratschern? Einer muss nun mal den dummen August spielen, in jeder Branche gibt es einen Tölpelhans. Ich habe nun wirklich lange darauf gewartet, dass jemand den Mut hat, sich nach der Dummheit der Tenöre zu erkundigen.

          Es handelt sich, lieber Herr Sulzer, um ein uraltes, ausgeleiertes, unausrottbares Klischee. Um die Mutter ungezählter Opernhauskantinenwitze. Den besten und längsten hat mir mal der Bariton Thomas Hampson erzählt, leider ist es ein Treppenwitz, viel zu lang für diese Kolumne. Aber es gibt auch ein paar gute kurze, zum Beispiel: Was ist ein Vierteltonintervall? zwei Tenöre, die unisono singen. Oder: Warum singen Tenöre mit Kopfstimme? weil sie dort die größten Hohlräume haben. Und natürlich kenne ich persönlich, wie vermutlich auch Sie, lieber Leser, etliche blitzgescheite Sänger im Tenorfach, ebenso wie wir ein paar naiver gestrickte erste Violinen beim Namen nennen könnten. Ich würde Ihre Frage also am liebsten kontern mit dem Standardsatz von Forrest Gump: „Dumm ist der, der Dummes tut“, und basta. Aber auch der ist letztlich nur eine rhetorische Formel, die das Phänomen weder erklärt noch aus der Welt schafft.

          Schlager sind nicht Kaufmanns Sache

          Auch wenn die Opernkantinen zurzeit geschlossen sind, die Tenöre singen weiter, auf Facebook, Instagram oder Twitter, und es kursieren weiterhin dämliche Tenorwitze. Als das Magazin „Oper!“ vor drei Wochen einen Fonds zur Unterstützung für freiberufliche Opernschaffende ins Leben rief, meldete sich unter anderem Jonas Kaufmann mit einem Video aus dem Tonstudio zu Wort und bat um Spenden (siehe #saengerhilfe). Eine wirklich gute Sache. Aber dann beginnt er zu singen, eine Playback-Parodie auf den Rocco-Granata-Oldie „Marina“ aus den Fünfzigern, und Schlager sind nun wirklich nicht seine Tasse Tee. Das wird also nix. Aus „Marina“ wird „Corona“, die Reime verstolpern sich, Kaufmann knödelt ölig, er wirft schelmisch lächelnd Kusshändchen in die Kamera, schnipst mit den Fingern, und wer sich nicht rechtzeitig wegklickt, der ertappt sich unweigerlich bei dem Gedanken, dass doch irgendetwas dran sein müsse an der alten Formel Dumm-Dümmer-Tenor. Ein hässlicher Gedanke, man schämt sich fast dafür. Es gehört zu den üblen Eigenschaften von Klischees, dass sie kritikresistent sind und jede Krise überleben.

          Wer nach den historischen Ursachen der Tenorformel sucht, der landet in Sackgassen. Sie lässt sich weder anthropologisch noch psychologisch begründen. Weder etymologisch noch musikhistorisch oder stimmband- oder frequenzbedingt. Der Tonumfang eines Tenors ist nicht natürlich gegeben, er will erarbeitet sein. Er reicht, je nachdem, vom kleinen c bis zum zweigestrichenen c’’. Just dieses hohen Cs halber können Operntenöre ungeheure Populärität erzielen, sie werden vom Publikum vergöttert und umschwärmt, aber zuweilen auch verspottet, wie es weiland Luciano Pavarotti geschah, mit seinen neun hohen Cs 1966 in Covent Garden. Aber auch Soprane haben ihr hohes c’’’, das findet niemand lustig. Der weiblichen Diva gesteht man, ebenso wie der männlichen, ein gewisses Recht auf Neurosen zu, in diesem Punkt herrscht Gleichberechtigung. Was aber die Rollenverteilung anbelangt, so fallen den Tenören fast ausschließlich Heldenpartien zu. Sie lieben, kämpfen, siegen, sterben. Selbst noch im Rentenalter, vorausgesetzt, die Technik stimmt, muss der Tenor als Draufgänger und jugendlicher Kraftprotz auf der Bühne seinen Mann stehen, die Kollegen von der Bariton- und Bassfraktion dagegen spielen schon in jungen Jahren vorwiegend Verräter und Väter, was auch ziemlich dumm sein kann. Aber niemand macht Witze darüber.

          Schadenfreude oder Missgunst seitens der Kollegen aus anderen Stimmfächern sind also auszuschließen. Wären sie mit im Spiel, dürfte man etwas mehr Raffinement erwarten. Halten wir fest: Die meisten Tenorwitze sind einfach nur doof. Sie sind weder wortgewandt noch hintersinnig oder doppelbödig. Das fällt denen, die sie weitererzählen, auf die Füße.

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