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Neue Musik-Festival im Netz : Virtuell virtuos

  • -Aktualisiert am

So experimentell - mit einer „Air Machine“ - kennt man die Wittener Tage für neue Kammermusik. Das war Roméo Monteiro im Jahr 2017. Dieses Jahr gab es keine öffentlichen Konzerte. Bild: Charlotte Oswald

Die Wittener Tage für neue Kammermusik fanden dieses Jahr ausschließlich im Radio und im Internet statt. Die medialen Möglichkeiten sind dabei vorbildlich genutzt worden.

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          Der Lockdown der letzten Wochen hat auch die Wittener Tage für neue Kammermusik nicht verschont. Sie locken jeden April ein zahlreiches, internationales Publikum in die Stadt an der Ruhr, doch schon im März wurde klar: Diesmal wird nichts daraus. Die Verantwortlichen aber besannen sich auf das, was neue Musik immer ausgezeichnet hat: das Experiment und die Suche nach Wegen mit ungewissem Ausgang. So wurde innerhalb weniger Wochen das Live-Programm, das am vergangenen Wochenende hätte stattfinden sollen, zum Medienfestival umadressiert und ein Großteil der neuen Stücke in vorproduzierter Form über Radio und Internet ans Publikum gebracht. Aus den Uraufführungen wurden Ursendungen; die Konzerte wurden mediengerecht zerlegt und nun am Wochenende mehr oder weniger zeitgleich in drei Vierstundenterminen gesendet. Möglich war das nur, weil das Wittener Festival organisatorisch und finanziell maßgeblich vom WDR unterstützt und vom dortigen Redakteur Harry Vogt künstlerisch geleitet wird. Dreißig Tage lang ist alles auf www.wdr3.de nachzuhören.

          Es ist eine Binsenweisheit, dass sich ein Live-Ereignis nicht verlustfrei im virtuellen Raum abbilden lässt, aber im Bewusstsein, dass es zweierlei Formate sind, lässt es sich in ein gleichwertiges Medienereignis transformieren. Dass das so gut gelang, ist in erster Linie den über die Kontinente verstreuten Interpreten zu verdanken, die zu Hause und in Aufnahmestudios die Stücke mit enormer technischer Wendigkeit und in Live-Schaltungen vorproduzierten. Den Clicktrack im Ohr, das Videobild des entfernten Mitspielers vor Augen oder manchmal auch nur mittels Playback, erwiesen sie sich als die Erfinderischsten im Team der Festivalmacher. Die Komponisten konnten in Vorgesprächen und über Skype die Einstudierungen überwachen. Viele Aufführungen ließen das Saalerlebnis schlicht vergessen. In der medialen Sphäre offenbarten die Instrumente völlig neue Klangqualitäten. Faszinierend zu hören und zu beobachten war das bei der in unerschlossene Klangregionen vorstoßenden Komposition „L’atelier rouge d’après Matisse“ von Hugues Dufourt, deren Simultanaufnahme mit vier Musikern in Deutschland, der Schweiz und Israel auf einem viergeteilten Bildschirm zu verfolgen war. Diese neue Art von multimedialer Musikwahrnehmung brachte der Akkordeonist Teodor Anzellotti auf den Punkt: „So kriegt man manchmal mehr mit als vor Ort.“

          Ein Schwerpunkt des Festivals war dem spanischen Komponisten Alberto Posadas gewidmet. Die Sorgfalt, die er auf seine Instrumentalwerke verwendet, und der hohe Reflexionsgrad seiner Arbeit sind bemerkenswert. Seine Vorliebe für längere Zyklen kam aber in der medialen Vermittlung nicht richtig zur Geltung. Bei allem Respekt vor den differenziert und sensibel gestalteten Klängen: Bei einer abendlangen Sendestrecke stößt das interessierte Hören einer fast einstündigen Werkfolge an seine Grenzen. Mehr noch als der Lautsprecher diktiert der Bildschirm kürzere Wahrnehmungsintervalle.

          Das „Theater des Nachhalls“ von Brigitta Muntendorf war dazu besser geeignet. Mit dem GrauSchumacher Pianoduo als Performer war es eine technisch hervorragend gemachte Medienkomposition, die vermutlich am Bildschirm besser wirkt als im realen Raum. Paradoxerweise kamen auch von den Klanginstallationen, die sich an das Sehen und das Hören richten und räumlich begangen werden sollten, recht viel über das Medium ins Wohnzimmer. „Kupfer Himmel“ von Christina Kubisch, dessen Klänge nur über Induktionskopfhörer wahrnehmbar sind, konnte dank einer vorgängigen Teilrealisation etwas von der Faszination dieser Versuchsanordnung mitteilen. Das war indes auch der verbalen Vermittlung der sich abwechselnden Moderatorinnen und Moderatoren im Studio zu verdanken. Die Mischung von Werken, Künstlergesprächen, Videodokumentationen und lockeren Ansagen zeugte von Einfallsreichtum und persönlichem Engagement der Macher. Wendungen wie „Nun bin ich mit dem Komponisten XY in Madrid verbunden“, die eine spontane Live-Schaltung vorgeben, erweisen sich allerdings als problematisch, wenn die Antworten dann hörbar vorproduziert und auf Deutsch übersprochen erfolgen.

          Der organisatorische Kraftakt von diesem Wochenende hat sich gelohnt, denn bei allen Verlusten – mehrere größer besetzte Werke konnten wegen mangelnder physischer Präsenz nicht realisiert werden – gelang den Verantwortlichen unter dem Druck der Verhältnisse etwas, was bisher meist nur in den Wunschträumen von Nerds existierte: ein Festival im digitalen Raum. Und weil es die ausfallende Live-Attraktion durch eine attraktive Präsentation im Netz und im linearen Rundfunk ersetzte, könnte dieser gelungene Versuch – man darf ruhig von einem Medienereignis sprechen – eine Blaupause für weitere Unternehmungen dieser Art abgeben. Dies zum Vorteil einer immer mehr in die digitalen Räume hinein sich entwickelnden zeitgenössischen Musik und als Fingerzeig für die Medienanstalten, wie die neuen technischen Mittel über die Abbildung von Live-Veranstaltungen im Maßstab eins zu eins hinaus auf kreative Weise zu nutzen wären. Und auch nicht nur für phantasielose Routineschaltungen bei inszenierten Politdebatten und Massenunterhaltungen. Dass dieser erstmalige Versuch von einer findigen Redaktion innerhalb eines Medienriesen durchgeführt wurde, ist ein Lichtblick und macht deutlich, wie viel ungenutztes Potential in den Anstalten noch herumliegt.

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