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Musik : Dirigent Carlo Maria Giulini gestorben

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Carlo Maria Giulini, 1914 - 2005 Bild: dpa

Carlo Maria Giulini war in mehrfacher Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung. Er war ein Ritter ohne Furcht und Tadel. An diesem Mittwoch ist der Dirigent im Alter von einundneunzig Jahren gestorben.

          Im Gespräch kam er - wenn auch eher verhalten, wie es seine Art war - ins Schwärmen: Im Jahr 1954, bei der Vorbereitung der legendären „La Traviata“ an der Mailänder Scala, hätten er, Maria Callas und Luchino Visconti drei Wochen Zeit gehabt für endlose Gespräche in kleinen Zimmern über Werk, Rollencharakter, musikalisches und szenisches Konzept.

          Derlei sei schon lange nicht mehr möglich: Zeit ist Geld, verderbe die Kunst. Deshalb meide er schon seit langem den Opernbetrieb mit seinen Terminzwängen, Reise-Stars, selbstherrlichen Regisseuren und dem raschen Verschleiß durch knebelnde Produktionsbedingungen. Sprach man mit Giulini, so ahnte man wertekonservatives Ethos, nicht geringe Verletzungen und ein tiefes Mißtrauen gegenüber der Moderne. Als im September 1997 der zwanzigste Todestag der großen Maria Callas begangen wurde, da erinnerte man sich dieses Gesprächs, der Begegnung mit einem ungewöhnlich noblen und integren Musiker, fernab von Sensationen und Skandalen - und alles andere als eine Pult-Diva.

          Eine Ausnahmeerscheinung

          Carlo Maria Giulini war in mehrfacher Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung. Im apulischen Barletta geboren, doch in Bozen aufgewachsen (daher sein fließendes Deutsch), wirkte er nicht unbedingt typisch italienisch: Hochgewachsen, schmal, helläugig ließ er manchmal eher an einen unendlich sublimierten Clint Eastwood denken.

          Dem Prototyp des temperamentvollen, Peitsche schwingenden italienischen Opern-Maestro entsprach er ganz und gar nicht. Noch etwas anderes kam hinzu: Luigi Nono, mit dessen Welt Giulini ansonsten schwerlich in Verbindung zu bringen ist, hat mehrfach betont, wie schwer es für ihn - und für die ganze Generation seines Lehrers Malipiero - gewesen sei, in seinem Heimatland Verständnis für ein anderes Musikideal als das der Oper zu wecken: Inbegriff der Tonkunst südlich der Alpen.

          Hohepriesterlicher Sachverwalter

          Dies freilich galt nicht nur für die Komponisten, sondern auch für die Interpreten. Feurige Opern-Maestri, extrovertierte Sängerinnen und Sänger, virtuose Instrumentalisten (mit dem Ur-Typ Paganini im Hintergrund) - das waren die Präferenzen des Musik-Genres. Natürlich gab es Sinfonik, Kammermusik, Kirchenmusik; doch mehr oder minder unausgesprochen galten sie als quasi exotische Nebenschauplätze des Treibens um Sancta Cäcilia. Giulini hingegen hatte wenig mit diesem Theater im Sinn. Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wurde er immer mehr zum geradezu hohepriesterlichen Sachwalter auch und gerade der großen deutsch-österreichischen Sinfonik wie der Sakralmusik.

          1914 geboren, war er kein Wunderkind. In Rom studierte er von 1930 an Bratsche, Komposition und Dirigieren, machte viel Kammermusik, beäugte eher skeptisch die Oper und spielte im Orchester des legendären, unter Mussolini abgerissenen Augusteo - nach Giulini der einzige authentische Konzertsaal Italiens - unter Richard Strauss, Wilhelm Furtwängler, Bruno Walter, Otto Klemperer und Igor Strawinsky. Die Konzerte unter diesen Dirigenten haben ihn geprägt, gelehrt auch, wie sehr große Musik von den Mittelstimmen lebt. Sie haben aber auch seine tiefe Abneigung gegen „faule“ Musiker begründet, die zu bequem sind, wirklich fortissimo oder pianisssimo zu spielen.

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