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Einsames Hören : Musik, die sich vor uns zurückzieht

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Orgel für John Cages Stück „Organ2ASLSP“ in der Burchardi-Kirche in Halberstadt. Das Stück dauert 639 Jahre. Bild: dpa

Von Johann Sebastian Bach bis John Cage gibt es Klänge, die kein Publikum suchen und nur sich selbst gehorchen. Vermögen sie in Zeiten der Isolation zu trösten?

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          Als John Cage Anfang der sechziger Jahre transparentes Papier auf die Karten eines Sternatlas legte und mit Hilfe des altchinesischen Zeichenorakels „I Ging“ festlegte, welche der Himmelskörper sich in Notenköpfe und am Ende in seine Komposition „Atlas Eclipticalis“ verwandeln würden, war scheinbar alles Subjektive komplett aus der Musik verschwunden oder höchstens noch Erfüllungshilfe vorgegebener naturgesetzlicher Ordnungen – um dann doch wieder, gleichsam um die Ecke, zurückzukehren. Denn wer einer Aufführung des Werkes beiwohnt, begegnet nun zwar keiner im herkömmlichen Sinne gestalteten Musik mehr, dafür aber umso intensiver: sich selbst.

          Darin sind Cages Stern-Werke – nach dem „Atlas“ folgten noch weitere – ganz nahe bei seinem legendären Schweigestück „4’33“, das den Hörer über ebenjene Zeitspanne radikal mit seiner raumklanglichen Umwelt und der eigenen Physis allein lässt. Hier wie dort erfährt man, dass Musik, die sich (scheinbar) von uns zurückzieht, nicht weniger zu sagen hat als leichter erschließbare Klänge, sondern nur anderes – nicht selten unter Nutzung weiterer, in den genannten Cage-Stücken zum Beispiel visueller Kanäle. Das Lesen seiner kosmischen Partituren als „Augenmusik“ imitiert den ursprünglichen Blick zum Sternhimmel, über dessen Schattenwürfe auf dem Papier die Sonnen und Galaxien nun zu Tönen und Clustern werden; und der normwidrige Anblick der an ihren Instrumenten eingefrorenen Musiker bei „4’33“ verstärkt nicht nur den auditiven Leerraum, sondern interpretiert ihn auch und lenkt damit die aus der Stille entbundenen freien Assoziationen der Hörer. Wie wichtig diese Ebene ist, zeigen Rundfunkübertragungen der Komposition, die bisweilen versucht worden sind, aber auch ohne voreilig dazwischengrätschende Sendeleiter oder Techniker – beliebter Gegenstand komischer Radio-Anekdoten – ästhetisch unbefriedigend blieben.

          Musik, die mehr mit sich selbst spricht

          Stücke solcher Art, die die üblichen Kommunikationsmechanismen zwischen Schöpfern, Interpreten und Rezipienten unterlaufen und dazu herausfordern, sich durch die Klänge hindurch und hinter sie in übergreifende Metaebenen zu begeben, trennen uns als Hörer vom primären Klangereignis ab. Das ist zwar, selbst im Extremfall von Cages viereinhalbminütigem Leerraum, noch vorhanden – nur nicht mehr als Resonanzfläche, die mit eingängigen Melodien oder markanten Rhythmen unsere Physis und vielleicht auch unsere Empfindungen zum Mitschwingen bringt; sondern als in sich geschlossenes und unseren Ohren ebenso autonom wie fremd gegenübertretendes System. Man könnte auch sagen: Solche Musik spricht, obwohl wir ihr wie eh und je hörend begegnen, weniger zu uns als mit sich selbst.

          Es gibt da freilich kein „Entweder-oder“, sondern viele Übergangsstufen; doch wir spüren, wenn sich die Klänge von uns zurückziehen. Albert Schweitzer hat das Verstörtsein, Befremden, vielleicht gar leichte Frösteln angesichts dieses Vorganges in die Worte gefasst: „Eine stille, ernste Welt, öd und starr, ohne Farbe, ohne Licht, ohne Bewegung.“ Er spricht über das Ausgangsthema von Bachs „Kunst der Fuge“, doch die Beschreibung charakterisiert ebenso den ganzen Zyklus und ließe sich zudem auf andere späte Bach-Kompositionen wie die beiden Ricercare aus dem „Musikalischen Opfer“ anwenden. Ein Menschenalter weiter begegnen uns ähnlich steinige Wüsteneien in den beiden letzten Sätzen von Beethovens „Hammerklaviersonate“ und der „Großen Fuge“ für Streichquartett, und wieder sechzig Jahre später schreibt Johannes Brahms seine späten Klavierfolgen op. 116 bis 119 und einige allerletzte, auch thematisch todesnahe Orgel-Choralvorspiele: zu guten Teilen gleichsam objektivierte und gerade in dieser Verweigerung vordergründig ausgestellter Seelenwallungen tief melancholisch-introvertierte Stücke, denen der Musikologe Philipp Spitta wünschte, „daß unsere Virtuosen sie nicht in den Conzertsaal zerren“, weil sie ihm nur zum „langsamen Aufsaugen in der Stille und Einsamkeit“ zu taugen schienen.

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