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Musical in Hamburg : Wie Rocky k.o. ging

  • -Aktualisiert am

Drew Sarich (als Rockyl) und Terence Archie in der Hamburger „Rocky“-Inszenierung Bild: dpa

Silvester Stallone und die Klitschko-Brüder bringen die Boxlegende Rocky Balboa zwischen Ursprungsmythos und Heldengeburt auf die Bühne: Das Musical „Rocky“ in Hamburg.

          3 Min.

          Du willst ein Held der Popkultur sein? Dann musst du einstecken können, eine gute Figur machen im Ring der Marketingideen. Taugst du zur Action-Puppe? Gibt’s einen Soundtrack zu deiner Geschichte? Kann man dich zur Serie machen? „Rocky“ hat all das geleistet. 1976 tritt er an als Kinostar. Sylvester Stallone, ein Niemand in Hollywood, spielt Rocky Balboa, einen Niemand im Boxgeschäft. Auf den furiosen ersten Film folgen vier mäßige Fortsetzungen und ein wunderbar melancholisches sechstes Abschlusswerk.

          Stallone hat mit dem Franchise bislang eine Milliarde Dollar verdient, höchste Zeit für die Übertragung in andere Genres, zumal eine Prequel-Idee, anders als bei „Batman“ oder „Star Wars“, hier nicht funktioniert: „Rocky“ ist reine Vorgeschichte, Ursprungsmythos, Heldengeburt. Deshalb: Musical. Stage Entertainment, größter Live-Unterhalter Europas mit elf Spielstätten und neun Shows von „König der Löwen“ bis „Mamma Mia“, ging das Wagnis ein. Fünfzehn Millionen Euro kostete das von Stallone und den Klitschko-Brüdern koproduzierte Stück. Für aufwendige Stahlkonstruktionen hat man sogar das Fundament des Hamburger Stammhauses verstärkt.

          Die Nase hält noch

          Und dann geht der Vorhang hoch, und man begreift, warum die Hydraulik hier so wichtig ist: Wenn innere Bewegungen fehlen, es jenseits des etablierten Musters keine Dynamik gibt, dann braucht man Druck von außen. Es sausen die Kulissen in- und übereinander, die Trainingshalle; die Tierhandlung, wo Adrian, Heiliger des Testosteronkults, malocht; die Arena fürs Finale. Da schiebt sich der Ring in die Menge, man sieht noch mal den Fight zwischen The Italian Stallion und Apollo Creed. 1976 war der noch eine Parodie auf das geniale Großmaul Muhammad Ali gewesen, in Hamburg ist er nun ein Muskelbeau mit Zuhälterallüren.

          Warum nicht? Musical als unreine Form zwischen Operette, Schauspiel und Tanzvarieté darf jeden Stoff als Travestie behandeln. Aber dazu braucht es Witz und Chuzpe, nicht das sklavische Abhaken eines etablierten Handlungsstranges. Die Hamburger „Rocky“-Sause will nichts sein als Unterhaltungspatchwork, zusammengestückelt aus mäßigen Songs und bemüht witzigen Dialogen. Rocky-Darsteller Drew Sarich kämpft sich ab am Porträt des Underdogs, aber was soll er machen mit diesem Titelsong? Refrain: „Die Nase hält noch. Sie ist nicht gebrochen, sie ist nicht mal blau. Und ich, ich finde keine Frau.“

          Wie soll Wietske van Tongeren, die Darstellerin von Adrian, überzeugen, wenn man ihrem Sopran folgende Zeilen zumutet: „Grashalm, der den Stein durchbricht, auf der Suche nach Licht?“

          Kulissenhektik in Weihnachtsdeko

          Musikalisch ist das Ganze bestenfalls inkonsistent: Ende der Siebziger schepperte Disco los, Hip-Hop rumpelte durch die Straßen. Hier klingt alles nach Bon Jovi, gemixt mit Andrew Llloyd Webber, was überrascht, da Thomas Meehan, Stephen Flaherty und Lynn Ahrens, hochdekorierte Broadway-Könner, Komposition und Libretto besorgt haben. Ein Blick in die Fernsehserien „Glee“ oder „Smash“ (die fiktive Entstehungsgeschichte eines Marilyn-Monroe-Musicals) genügt, und man weiß, wie man mit dem Schmelz des Poptheaters Utopien intonieren kann; wie der Kitsch dem öden, konkreten Dasein eine bessere, schillernde Ordnung vorzuhalten vermag.

          Hier: Kulissenhektik, belanglose Nebenfiguren, und dazwischen gerührt ein breiiges Song-Repertoire. Das verklebt dann auch die zarteren Momente. In der schön choreographierten Eislaufszene glimmen im Hintergrund magere Bäumchen in ihrer Weihnachtsdeko wie traurige Sternbilder. Aber dann heißt es: „Eislaufen ist wie das Leben. Einer darf schweben, einer bleibt kleben.“ Das sind lyrische Tiefschläge, von denen sich Alex Timbers’ Inszenierung nicht erholt.

          Vielleicht lässt sich der ästhetische Graben der Formen nicht schließen. Vielleicht kann Gesang niemals das Idiom dieses Boxers sein, der ja gerade in der Sprachlosigkeit beredt wurde, im Stammeln die paradoxe Rhetorik eines wahren Sprechens auf der Grundlage seiner Klasse schuf. Und deshalb gab es in Hamburg den größten Applaus womöglich für die berühmte Trainingssequenz. Rocky, zum Fanfarensound die Treppe hoch hastend - das gehört fürs Kernpublikum der Vierzig- bis Sechzigjährigen zur Ikonografie ihrer Jugend.

          Dieser Rocky ist allenfalls nostalgisch zu erleben, mit unserer Gegenwart hat er nichts zu tun. Musikalisch nicht und noch weniger sozial. 1976 kam Jimmy Carter ins Amt, es herrschte New-Deal-Stimmung. Vietnam, Watergate schienen überwunden, „Ich habe keinen neuen Traum“, sagte er. „Wir brauchen dringend einen frischen Glauben an den alten.“ Würde Obama in Anbetracht von zwölf Millionen Arbeitslosen von alten Träumen reden? Oder würde er sich Silvester Stallone anschließen? Der trat nach dem Showdown in Hamburg auf die Bühne und sagte: „Mann, das hier ist echt surreal.“

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