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Musical : Gott, steh auf, du bist ein Schalker

Musical: Der Schalke-Fan spricht mit Gott Bild: dpa/dpaweb

Gelsenkirchener Szene: Mit dem Musical "Nullvier - Keiner kommt an Gott vorbei" feiert das Musiktheater im Revier den Stolz der Stadt.

          War Yves Klein Schalke-Fan? Sind die berühmten blauen "Schwämme", monochrome Reliefs, die das Foyer des Theaters in Gelsenkirchen zusammenhalten, eine Anspielung auf den Fußballclub? Jedenfalls kommt ihre Farbe dem Königsblau der "Knappen" verdächtig nahe, und die waren 1958, als das von Werner Ruhnau entworfene Haus im Bau war, gerade zum letzten Mal deutscher Meister geworden.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

          So könnte es sein, daß Yves Klein sich von der Farbe, in die die Stadt damals getaucht wurde, inspirieren ließ. Doch mußten fünfundvierzig Jahre vergehen und Schalke 04 seinen hundertsten Geburtstag feiern, bevor uns das auffallen und dieses kleine Rätsel der Kunstgeschichte - die Rezeptur gilt als geheim - gelöst werden konnte.

          Selbstironisch und liebevoll-kritisch

          "Die ham mich für bekloppt erklärt", sagt Rudi Assauer über die Mitglieder des Vorstands, als er vorschlug, zum Jubiläum ein Musical in Auftrag zu geben. Das war vor elf Monaten, und so mußte alles sehr schnell gehen. Inhaltliche Auflagen machte der "bekennende Kulturbanause" keine und damit, wie sich herausstellen sollte, alles richtig.

          Denn mag Schalke 04 die Qualifikation für den Uefa-Cup am Samstag mit der Niederlage in Mönchengladbach verspielt haben, den Fußballmusical-Cup hält es bereits in Händen. Keine dramatisierte Vereinschronik mit besungenen Jahreszahlen, sondern eine selbstironische, liebevoll-kritische Hommage an den "geilsten Club der Welt" wurde in Szene gesetzt. Die Uraufführung versetzte nicht nur Assauer, der sie, während Rudi Völler ganz links saß, in der ersten Reihe Mitte genoß, ins Schwärmen. Und alles ward gut.

          Bestechungsskandal und Abstiegsgespenst

          Der Titel "Nullvier - Keiner kommt an Gott vorbei" spielt auf ein Plakat an, das die Zeugen Jehovas 1973 in Gelsenkirchen aushingen - und das ein Schalke-Fan mit dem Zusatz versah: "außer Libuda". Doch das bleibt Assoziation. Held ist nicht der legendäre Flankengott Reinhard "Stan" Libuda, sondern ein siebzehnjähriges Talent namens Jojo Schrader, an das sich alle Hoffnungen knüpfen.

          Noch aber führt Stephan Krause die Mannschaft, deren Stern im Sinken ist. Der Zocker ist hoch verschuldet und deshalb bereit, einen Elfmeter zu versemmeln. Schalke 04 in der frühen Achtzigern: Der Bestechungsskandal hallt noch nach, und das Abstiegsgespenst geht um. Stoff für ein Musical, das mit Love-Story und Intrigen, Generationenkonflikten und Fanfrustrationen, Kumpeltreue und Wettkampfkonkurrenz die Ingredienzien eines großen Dramas hat.

          Ein Handel mit Gott

          Gott tritt auch auf. Mit Rauschebart und blau-weißem Nachthemd öffnet er in der ersten Szene die Fensterläden und will den "Alten" holen. Der, ein bärbeißiger Schalke-Fan mit aktiver Vergangenheit, hockt vor dem Lautsprecher, gegen den HSV sind es noch achtzehn Minuten. Ob die Mannschaft absteigt, will er aber noch wissen, und so handelt er eine Frist aus. Doch es bleibt beim Nullnull, die Entscheidung ist verschoben. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, in der Gott, wie er sich eingestehen muß, den Menschen näher kommt, und einer Rahmenhandlung, in der die beiden als Kommentarfiguren auftreten.

          Es wird eine aufregende Woche: Die Fans beten, Trainer, Manager und Präsident streiten sich, und die Cello-Schülerin Louisa hat mit ihrer Vespa einen Unfall und fliegt, auch im übertragenen Sinn, auf Jojo, als der sich gerade in Auroras Tattooladen die Brust dekorieren läßt. Doch das ist erst der Anfang von Turbulenzen, in denen es sich der leichtsinnige Schnösel mit dem Trainer wie auch mit Louisa verscherzt, zum Schwarm der Frauen im Friseursalon seiner Mutter wird und nach vielen Komplikationen von Rocker Mücke, Kumpel Ümit und Louisas Freundin Anna auf den richtigen Weg gebracht wird. Auch eine schrille Milieusatire zwischen Schalker Markt und Louisas wohlbehütetem Elternhaus in Korschenbroich: Am Ende rettet Jojo mit einem Tor in letzter Minute Schalke vor dem Abstieg. Statt den Alten heimzuholen, aber hat der Herr Jahreskarten besorgt, um mit ihm ins Stadion zu ziehen. Gott wird Schalker.

          Der Pott kocht über

          Wenn das keine himmlische Botschaft ist! Wie Michael Klaus (Buch) und Bernd Matzkowski (Songtexte), zwei Gelsenkirchener Autoren und dem Verein seit Kindertagen verbunden, das mit bissigen Kommentaren, Pointen und Seitenhieben an den Mann und die Mannschaft bringen, wird aber kein glitzerndes Jubelmusical daraus. Die Musik von Enjott Schneider bedient sich eklektisch-routiniert bei Swing und Soul, Disko- und Türkpop, Opern- und Oratorienpathos, die witzige Story und mehrschichtige Dramaturgie aber bewahren das Musical vor der gefälligen Glätte, die dem Importgenre im deutschen Stadttheater meist anhaftet.

          Die Gesänge der Fans werden mehrfach, so in der Hymne "Steh auf, wenn du Schalker bist", aufgenommen, um anschließend "a cappella" demontiert zu werden. Von Matthias Davids mit Schmackes inszeniert, von Melissa King temperamentvoll choreographiert, von Knut Hetzer mit rasanten Rollbühnenbildern möbliert und von Kai Tietje mit Verve dirigiert, entwickelt "Nullvier" den Zug zum Kult. Die Liaison zwischen dem Kicker und der Cellistin wird auf der Bühne als Vermählung von Fußball und Musik vorweggenommen und läßt eine Euphoriewelle durchs Haus schwappen. Der Pott kocht über!

          Was Rudi Assauer mit seiner bekloppten Idee ins Werk gesetzt hat, mußte jedem Premierenbesucher, ob Schalke-Fan oder nicht, klarwerden. Hier ist das Theater wieder moralische Anstalt: Diese Aufführung soll der Mannschaft, die fast vollzählig erschienen war, Vorbild sein. Denn wenn Schalke 04 in der neuen Saison, nur annähernd so offensiv, dribbelstark, trickreich, begeistert und begeisternd auftritt wie das Musiktheater im Revier, ist sehr viel mehr drin als dieser schmähliche siebte Platz - hinter zwei Vereinen, deren Namen auch nur zu nennen sich verbietet.

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