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Zukunft der Klassik : Viele lieben das Ritual durchaus

  • -Aktualisiert am

Andrea Thilo (links) diskutiert mit Hiromi Gut und Folkert Uhde bei der Music Conference des Heidelberger Frühlings im November 2020. Bild: studio visuell

Bei der Diskussion um die Zukunft des klassischen Konzerts setzt die Music Conference des Heidelberger Frühlings wieder sehr erwartbar auf „neue Formate“. Dabei sind sie überhaupt keine Garantie für die Nähe zur Musik.

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          Ob klassische Musik „systemrelevant“ ist, wie es viele Künstler in der Pandemie behaupten, ist eine müßige Frage, die in erster Linie zu semantischen Kämpfen führt. Was heißt System, was heißt relevant? Relevanz, das wird bei der ersten digitalen Ausgabe der Heidelberg Music Conference deutlich, meint weniger die systemische als eine emotionale und gesellschaftliche. Dem Titel nach auf die „Suche nach der Relevanz von morgen“ begab sich das vom Musikfestival Heidelberger Frühling organisierte virtuelle Treffen der Kulturschaffenden und warf die Frage nach der Zukunft des klassischen Konzerts auf.

          Dabei ist man sich überraschend einig: Partizipativ und persönlich soll es sein, ein einladendes und soziales Ereignis, keinesfalls statisch, bloß nicht zu vorhersehbar. Man spricht von Brückenbau und Teilhabe, nichts Neues also. Wer mit solch abgegriffenen Vokabeln jongliert, läuft zwar Gefahr, die konkrete Ausformulierung aus dem Auge zu verlieren, doch an Ideen fehlte es nicht; es ist eher die Frage, wie sie Wirklichkeit werden können. Das in Krisenzeiten artikulierte Bedürfnis nach einer Runderneuerung der Konzertrealität hängt nicht nur von dem Tatendrang ab, der sich mit Schlagwörtern Gewicht verschaffen will. Zudem bewirkt Tatendrang allein nichts, solange starre Strukturen und die Finanzprobleme den eigenen Ideen im Weg stehen. Auch das ist nicht neu.

          Digitale Angebote: eher Notlösung als Mehrwert

          Für den Systemneustart, so hieß es einmütig, brauche es zukunftsträchtige Konzertformate, die idealerweise aus dem sinnvollen Miteinander von Analogem und Digitalem bestehen. Es ist der aktuellste und greifbarste Punkt dieser Debatte. Schließlich hat der Frühjahrs-Lockdown vor Augen geführt, wie im digitalen Raum zwar kreative Lösungen gefunden werden können. Doch dass Analoges und Digitales in puncto ästhetischen Mehrwerts Hand in Hand gehen, geschieht bisher nur in Einzelfällen. Juri de Marco vom jungen und digital kompetenten Stegreif-Orchester gibt unumwunden zu: Es waren Notlösungen. Mit dem Erforschen des digitalen Raums einher geht der Wunsch, nicht klassikaffine Zielgruppen zu erreichen. Der Entwurf des neuen, relevanten und sozialen Konzerts denkt das Publikum als aktiven Bestandteil mit. In jedem der in Zufallsgruppenarbeit modellhaft entwickelten Projekte konnte es interagieren bis kuratieren.

          Man könne die Besucherzahlen um 75 Prozent steigern, sagte der Kulturwissenschaftler Martin Tröndle, als er im vergangenen Jahr eine Studie zu den sogenannten Nicht-Besuchern vorlegte; dabei gab mehr als die Hälfte der Befragten ein allgemeines Interesse an Kunst an. Laut Bundeszentrale für politische Bildung erreichen klassische Kultureinrichtungen jedoch nur 4,5 Prozent der potentiellen Nutzer. Studien zeigen, dass fünf Prozent einmal im Monat ins Theater oder die Oper gehen, weitere 35 Prozent seltener, 58 Prozent nie. Für das Konzert sind die Zahlen ähnlich.

          Hilfreich ist der Blick auf die Beweggründe des Nicht-Besuchs. Zeit und Geld spielen laut Tröndle eine untergeordnete Rolle. Wesentliche Faktoren hingegen stellen der Musikgeschmack, der Freundeskreis sowie das eigene Freizeitverhalten dar. Schrauben, an denen sich schwer drehen lässt, zumal gerade die Diskussion um eine mögliche Systemrelevanz mehr spaltet als eint. Wer auf einer fein säuberlichen Trennung von erbaulicher Hochkultur und unterhaltenden Freizeitaktivitäten pocht, legt einen ausgrenzenden Kulturbegriff zugrunde, der mit dem Wunsch nach größerer Branchendiversität nur schwer vereinbar ist. Außerdem diente das Konzert als soziales Ereignis gestern wie heute natürlich auch der Unterhaltung.

          Bei allem Wunsch nach Innovation sollte nicht außer Acht bleiben, dass ein nicht unwesentlicher Teil der Zielgruppe im klassischen Konzert das Ritualhafte durchaus zu schätzen weiß. Schließlich liegt die emotionale Relevanz klassischer Musik, müsste man sich festlegen, am ehesten in der Magie der unmittelbaren, zwischen Publikum und Musikern geteilten Augenblicke. Es sind Momente jener oft geforderten Nähe, für die punktgenaues Konzertdesign keine Patentrezepte liefert; sie können im Klavierabend passieren wie in raffiniert-ausgeklügelten digitalen Produktionen. Relevanz lediglich auf eine breitere Wirksamkeit und bessere Musikvermittlung zu reduzieren ist so wenig hilfreich wie die Suche nach dem einen zu ziehenden Hebel. Dass auf der Konferenz im Ernst danach gefragt wurde, grenzt an Traumtänzerei.

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