https://www.faz.net/-gqz-9e8pm

„Tri sestry“ in Frankfurt : O heilig heilloses Mütterchen Russland

  • -Aktualisiert am

Unklamottige Countertenöre: Jede der drei Schwestern wurde vokal wie optisch zur authentischen Leidensfigur ohne aufgesetzte Larmoyanz. Bild: Monika Rittershaus / Schauspiel Frankfurt

Kein Abschied vom inneren Moskau: „Tri sestry“ von Péter Eötvös, sehr bewegend an der Oper Frankfurt, trotzt zahlreichen Herausforderungen.

          An der Oper Frankfurt ist in den vergangenen Monaten eine Trilogie russischer Opern entstanden: Peter Tschaikowskys „Eugen Onegin“ nach Alexander Puschkin, Leoš Janáčeks „Totenhaus“ nach Fjodor Dostojewski, Péter Eötvös’ „Tri sestry“ nach Anton Tschechow. So heterogen sie in Entstehung, Vorlage und Komposition sind, so haben sie doch eines gemeinsam: Leere, Einsamkeit, Vergeblichkeit. Als wären sie weniger Elegien, vielmehr Requiem auf ein so heiliges wie heilloses „Mütterchen Russland“. Wobei das Riesenreich, auch das Putins, durch den Gegensatz von Hauptstadt-Glanz und unendlicher Weite der Provinz bestimmt wird. Gab es früher immerhin ein Widerspiel zwischen Moskau und St. Petersburg, auch Kiew, so dominiert nun der Kreml-Zentralismus: Je weiter von der Macht entfernt, umso abgehängter fühlt man sich. Das utopische Leuchten Moskaus, wie es Tschechows „Schwestern“ beschworen, ist hinter der Herrschaftsfassade verschwunden, war wohl schon um 1900 mehr Wunsch als Wirklichkeit: Projektion eines „inneren Moskaus“.

          Deshalb verfinge es heute weniger denn je, auf Goldkuppeln und Birkenwald zu setzen, Tschechows Melancholie durch Nostalgie zu übertouren. Doch der alte Russland-Zauber verfliegt nicht so schnell. Eötvös, Ungar, bekennt, wie sehr er am Russischen hängt, auch wenn er es unterm Kommunismus verweigert hat. So nennt er seine Tschechow-Oper original „Tri sestry“, lässt sie auch russisch singen. Nicht nur das: Schon 1983 plädierte er für (Selbst)Wiederholung – quasi statisch-additives Merkmal russischer Kultur, in orthodoxem Ritus wie Opern-Dramaturgie, auch für Petersburger Museums-Hängung. Gleichwohl hat sich sein Komponieren seitdem entschieden entwickelt.

          Bereits zwanzig Mal inszeniert

          „Tri sestry“, seit der Uraufführung 1998 schon zwanzigmal inszeniert, ist sein erfolgreichstes, womöglich auch bestes Bühnenwerk, trotz „Angels in America“ und „Der goldene Drache“, beide schon in Frankfurt gespielt. Wobei das Vexierbild von Suggestion und Irritation erheblich dazu beiträgt und sich absetzt vom poetischen Realismus des Stanislawski-Theaters, der die Tschechow-Rezeption allzu lange aufs herbstlich Atmosphärische festgelegt hat. Solcherart Identifikations-Gelüsten widersetzt sich das Werk auf doppelte Weise: Dem Titel widersprechend, gibt es nur Männerstimmen.

          Ein Suchbild nach Anton Tschechow mit vorzüglicher Musik: Lassen Sie sich nicht ablenken und finden Sie die drei Schwestern.

          Die vier Frauen-Partien werden von Countertenören gesungen, die die Rollen-Funktionen glaubhafter machen als die manifest „weibliche“ Besetzung. An der Guckkasten-Bühne wird festgehalten, allerdings im Sinn vertikaler Stereophonie: Dem Ensemble im Graben entspricht ein streicherlastiges Orchester über der Bühne. Das könnte zum akustischen Zangen-Angriff auf die Stimmen führen, dient aber im Gegenteil deren Präsenz. Die Koordinationsleistung der Dirigenten Dennis Russell Davies (unten) und Nikolai Petersen (oben) war imponierend.

          Weitere Themen

          Trostlos an der Grenze

          „Polizeiruf“ aus Brandenburg : Trostlos an der Grenze

          Hier wird nicht nur das Thema verspielt: Der „Polizeiruf 110: Heimatliebe“ präsentiert dem Publikum Verlierer und Verlorene, nur auf das große Schauspiel wartet man vergebens.

          Topmeldungen

          Es ist das erste Mal, dass Emmanuel Macron einen G-7-Gipfel ausrichtet.

          G-7-Gipfel : Wer reden will, soll ruhig reden

          In Biarritz inszeniert Emmanuel Macron einen G-7-Gipfel voller Überraschungen. Er überrumpelt Trump und lässt den iranischen Außenminister einfliegen. Ganz offensichtlich hat der französische Präsident aus seinem Anfängerfehler gelernt.
          Die Union hat in Dresden die Kohle im Blick

          Union und Kohleausstieg : „Es gilt das, was vereinbart ist: 2038“

          Die Verunsicherung unter den Bergleuten war groß, als Bayerns Ministerpräsident Markus Söder jüngst einen Ausstieg aus der Kohle 2030 ins Spiel brachte. Annegret Kramp-Karrenbauer verspricht nun, am Kohle-Ausstiegstermin 2038 nicht mehr zu rütteln.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.