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„Tri sestry“ in Frankfurt : O heilig heilloses Mütterchen Russland

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Wo und wann soll das Stück spielen, will man nicht ins Zwiebelturm-Holzhäuschen-Klischee verfallen? Dorothea Kirschbaums Inszenierung in Ashley Martin Davis’ Bühnenbild präsentiert keine abgestandene Ländlichkeit und auch keine abgesunkene, gar „Arme Leute“-Gesellschaft, sondern gehobenes Mittelstands-Interieur: Kombination aus Salon mit Klavier, Büchern und Designerküche. So glatt und weiß, dass da nur Ödnis herrschen kann. Der Prolog findet auf dem Spielplatz samt Schaukel und Karussell statt, allerdings vor grauem Hintergrund einer Beckett-Szenerie. „Moskau“ kann nur Chiffre sein für gleichermaßen fiktive Vergangenheit wie Zukunft.

Wodka und Teetassen-Tanzrhythmen

Ist schon Tschechows Dramaturgie kaum linear narrativ, so hat Eötvös den Ablauf in drei „Sequenzen“ verknappt, die Irina, den erfolglosen Bruder Andrej und Mascha in all ihrer Vergeblichkeit rückblendenhaft fokussieren. Das lethargische Sichtreibenlassen der vier Geschwister, das quälende Einerlei der Gesamtkommunikation wird vielschichtig in allem Elend nachvollziehbar. Nur Andrejs Ehefrau Natascha wird zu sehr zum Klischee der herrschsüchtigen Salon-Schlange. Obligat wird viel Wodka geschluckt. Aber wenn mit Löffeln in Teetassen Tanzrhythmen geklöppelt werden, dann verweist das über sporadische Minimalismus-Anklänge hinaus auf die komische Komponente Tschechows.

Ein Ambiente so glatt und weiß, dass da nur Ödnis herrschen kann.

Insgesamt ist es Dorothea Kirschbaum vorzüglich gelungen, die epochen- wie milieuspezifische unendliche Langeweile (auf die Spitze getrieben in Gontscharows Roman „Oblomow“) geradezu zum belebenden Moment zu machen, nicht zuletzt in turbulenten Simultan-Szenen. Rötet sich die Bühne, so zeugt dies nicht nur vom Brand in der Stadt: 1917 versengten ganz andere Flammen das alte Russland. Video-Anspielungen auf das heutige Moskau und eher comichafte auf den „neuen“ Menschen wirkten recht beiläufig. Während Eötvös’ Partitur sarkastisch karikierende Passagen und auratisch empfindsame Elemente im russischen Akkordeon-Timbre, schier magischen Klangverbindungen und geradezu Madrigal-Reminiszenzen in der Balance hielt.

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Natürlich bleiben „Try sestry“ eine Herausforderung für jedes Haus, nicht nur der Bühnen-Klang-Koordination wegen. Dreizehn Männer-Partien sind zu besetzen, so einheitlich wie distinkt. Vor allem die Countertenöre sollen weiblich klingen und agieren, aber keineswegs klamottig wirken. Einzig bei Eric Jurenas’ giftgrüner Natascha war das hektisch Exaltierte Konzept. Doch jede der drei Schwestern wurde vokal wie optisch zur authentischen Leidensfigur ohne aufgesetzte Larmoyanz: Ray Chenez’ Irina, mal überagil, mal depressiv erstarrt, Dmitry Egorovs verhärmt willensstärkere Olga und David DQ Lees Mascha, am stärksten im Glücksverlangen, Hochgefühl und Verzweiflung, waren bewegende Rollen-Porträts. Vorzüglich sonor sang der Bariton Nikolay Trabka den Andrej, quirlig überdreht Mark Milhofer den Doktor, prägnant Barnaby Rea den Soljony. Und Iain MacNeil gab dem Werschinin statt militärischer Allüre eine deprimierende Mischung aus Feinsinn und Rücksichtslosigkeit.

„Tri sestry“ sind kein eingängiges, aber auch nicht spröd attackierendes Stück. Die Zustimmung für die intensive Aufführung war herzlich.

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