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Theater mit Publikum : Die Zeit am Tropf soll nun vorüber sein

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Der Prinz mit dem Megaphon: Johannes Nussbaum als Hamlet am Münchner Residenztheater Bild: Birgit Hupfeld

In München spielen sie wieder: „Hamlet“ und als Uraufführung „Teile (hartes Brot)“ nach Paul Claudel von Anja Hilling am Residenztheater.

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          Ein bisschen Büchner schadet nie. Auch wenn der Autor William Shakespeare, der Übersetzer Heiner Müller und der junge Prinz, den angesichts der höfischen Farce die Melancholie gepackt hat, Hamlet heißt und nicht Leonce. So startet das Münchner Theaterjahr 2021 mit der Rachetragödie als Lust- und Traum- und Phantasiespiel. Und zwar im Residenztheater, dem Haus, das seit seiner letzten Premiere und den rund 191 geschlossenen Tagen danach das gesamte dramatische Büchner-Triple im Repertoire hat.

          Mehr als drei Stunden „Hamlet“ gönnt Regisseur Robert Borgmann dem theaterhungrigen Publikum im coronabedingt nur zu einem Viertel besetzten Zuschauerraum, um ebendies zu sehen: Theater, in der Bandbreite seiner Inszenierungsmöglichkeiten, zwischen Erzählung, Tanz, Musical, Slapstick, Pantomime, Varieté, zwischen Schatten-, Puppen-, Video- und Lichtspektakel bis hin zum Spiel im Spiel und dem Bruch mit der Vierten Wand.

          Von den in elisabethanischer Sperrigkeit farblos erstarrten Kostümen von Bettina Werner über den nackten Geistergreis des toten Königs – anrührend gespielt von Michael Gempart –, der aus einem blassen Umzugskarton sein unsichtbares Erbe weiterreicht, zum überlebensgroßen aufblasbaren Elefanten, der interaktiv durch Saal und Ränge gereicht wird, als Sinnbild einer infantilen Wahnvorstellung, der die Luft ausgeht: Borgmann, der die Bühne aus weichen weißen, verschleiernden wie enthüllenden Vorhängen geschaffen hat, reiht einen ästhetisch ansprechenden Einfall an den nächsten. Die Inszenierung strotzt vor kreativer Symbolik, das ist Borgmanns Handschrift. In seiner Wiedereröffnungspremiere nach der monatelangen Zwangsschließung hängen etwa die beiden Darsteller der Schauspieler im Stück betagt und gebrechlich im Krankenhausbett am Bluttransfusionstropf. Hamlets Freund Horatio erscheint als totaler Fremdkörper in der sterilen Atmosphäre: Katja Jung spielt eine kettenrauchende Hannah Arendt, in lahmer Allwissenheit über allem Drama stehend, unfehlbar intellektuell und dabei unspektakulär passiv, harmlos wie ihre Kräuterzigaretten.

          Ein hartes Endspiel

          Einzig die Musik von Rashad Becker und Valerio Tricoli hält alles zusammen. Gemeinsam mit dem Licht von Gerrit Jurda führt sie Regie, und jeder, sogar Hamlet, folgt dem steten Klangflickenteppich aus elektronischen Geräuschen und historischen Melodien, dieser undefinierbar unheilvollen Renaissance aus Klingen, Schwingen, Klirren, Schnauben oder Dröhnen.

          Barfuß durchwandert Johannes Nussbaums Hamlet all diese Szenarien seines durch die geraubte Thronfolge zerstörten Vaterlands: mal mit ungezogenem Trotz, mal mit kraftvoller Wut, mal im leicht tänzelnden Wahn, mal im schweren gesungenen Schmerz, immer aber, so scheint es, mit der unverwundbaren Distanziertheit eines Träumenden. Flink, schlagfertig, athletisch – um diesen jungen Rebellen muss sich ein Publikum keine Gedanken machen. Vielmehr indes um das irrwitzige Schauspiel, das die Welt um ihn herum veranstaltet.

          Nicola Mastroberardino und Mareike Beykirch in Anja Hillings „Teile (hartes Brot)“
          Nicola Mastroberardino und Mareike Beykirch in Anja Hillings „Teile (hartes Brot)“ : Bild: Sandra Then

          Shakespeares Idee, in einer Schlüsselszene das Theater selbst eine das Unrecht entlarvende Rolle spielen zu lassen – Borgmann lässt sie politisch seine gesamte Inszenierung tragen. Um das zu verstehen aber hätte – siehe Büchner – weit weniger gereicht. In der Eindimensionalität eines von Anfang an satirisch überzeichneten Hofstaats gibt es kein Gestern und kein Morgen, keine Abgründe, die einem stundenlangen Duell mit dem sturen Titelhelden gewachsen wären. Als schmaler David steht er neben dem knienden Goliath des massigen Usurpators – ein gutes Bild, doch keine starke Szene. Allenfalls die Beziehung zwischen Hamlet und Linda Blümchens Ophelia in einem Moment der Zaghaftigkeit zwischen Anziehung und Abstoßung birgt zwischenmenschliche Spannung. Wirklich interessant hingegen ist, dass und wie dieser Hamlet letztlich allein gegen sich selbst spielt, kämpft, lebt und schließlich stirbt, erzitternd nur vor Vaterliebe und vor dem „Narrentod von zwanzigtausend Mann“ im Kriegsgewitter.

          Auf die intrigante Familientragödie aus Gier nach Macht folgt zwei Abende später eine weiteren Residenztheater-Premiere. Im Marstall wird Anja Hillings Auftragswerk „Teile (hartes Brot)“ nach Paul Claudels wenig bekanntem Trilogie-Fragment „Das harte Brot“ uraufgeführt. Nicht zum ersten Mal adaptiert Hilling den französischen Schriftsteller. Er interessiert sie, „weil er keine Grenzen wahrt“, sie in eine zeit- und ortlose Gegenwart versetzt, „die das Unheimliche einer archaischen Zukunft in sich trägt“ und in der die Frauen den Impuls für die Abschaffung patriarchalisch-kapitalistischer Glaubensbekenntnisse geben.

          Dystopie ohne Sympathiegewinner

          Es ist ein in jeder Hinsicht hartes Endspiel, das Hausregisseurin Julia Hölscher auch ebenso inszeniert: als Dystopie ohne Sympathiegewinner. Obschon der Stoff letztlich eine Abrechnung mit der in den ausbeuterischen Materialismus abgestürzten religiösen Moral darstellt, deren Anteilnahme sich nur mehr in Besitz-Prozenten äußert und veräußert, und stattdessen eine Hinwendung zu menschlich-familiären Werten beschwört: Inmitten der spärlich bestuhlten, ebenerdigen Unmittelbarkeit der hohen, rohen, von verpixelnden Ornamenten überstrahlten Backsteinwände erlebt das Publikum gefühlskalte anderthalb Stunden voller enttäuschender Posen, sprachlich wie körperlich.

          Wie Avatare stehen hier vier Figuren im endzeitlichen Nahkampf auf dem Spielbrett. Wofür sie stehen? Unwichtig. Denn während Nicola Mastroberardino, Mareike Beykirch, Nicola Kirsch und ein bis zur aufgeschlagenen Augenbraue engagierter Valentino Dalle Mura in hautengen Kostümen zwischen Pseudoreligion und Fetisch einen düsteren Leuchtstoffröhrenfight der Geschlechter abfeuern und abfeiern müssen, wird das Stück gegen den Nihilismus zum Spiel um nichts.

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