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Münchner Philharmoniker : Ein Diamant für den Zaren

  • -Aktualisiert am

Alleinherrscher der russischen Musikszene: Valery Gergiev Bild: dpa

Mit Valery Gergiev übernimmt ein funkelnder Exzentriker die Leitung der Münchner Philharmoniker. Kann er das Orchester zu internationalem Rang zurückführen?

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          Am Donnerstagabend gegen neun wird der designierte Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, Valery Gergiev, im Gasteig die große E-Dur-Symphonie von Anton Bruckner dirigieren. Die Siebte, darin der tote Richard Wagner herumspukt. Das Konzert ist ausverkauft. Bruckner gehört zwar nicht unbedingt zu Gergievs bevorzugtem Repertoire, für sein neues Orchester aber, eingedenk seliger Celibidache-Zeiten, schon. Es könnte diese Musik zur Not auch ohne einen Dirigenten achtbar absolvieren.

          Am Mittwochmorgen um elf Uhr stellt sich Valery Gergiev im Münchner Rathaus den Fragen der Presse. Ihm zur Seite sitzt Christian Ude, Münchens Oberbürgermeister, der Münchens Philharmoniker als „Das „Orchester der Stadt“ ganz besonders hoch schätzt. Hält ihnen immer wieder tatkräftig das lästige Ansinnen anderer Münchner Symphonieorchester vom Leibe, die meinen, ein zweiter Konzertsaal müsse her. Hält seine Philharmoniker für einen Edelstein oder gar Diamanten und für das beste Orchester der Welt oder gar Münchens, was lange Zeit, als ein Zitat, an der inneren Stirnfront des Münchner Hauptbahnhofs prangte und den Reisenden freudig entgegengrüßte.

          Verblasster Ruhm

          Irgendwann wurde das Schild abmontiert. Es war einfach nicht mehr aktuell. Oder vielleicht hatte sich auch bis zu Ude herumgesprochen, dass besagte andere Orchester mittlerweile im internationalen Ranking deutlich besser abschneiden: nämlich das der Bayerischen Staatsoper (wo demnächst der famose Kirill Petrenko als neuer Generalmusikdirektor antritt) und das des Bayerischen Rundfunks (von Mariss Jansons zu höchster Blüte geführt). Was dagegen die Münchner Philharmoniker angeht, so machten sie nach Celibidaches Tod harte Zeiten durch. Begrüßten freudig, verabschiedeten unwirsch erst James Levine, dann Christian Thielemann. Der einst glänzende Ruf des Orchesters bekam über all dem Kompetenzgehäcksel ein paar trübe Flecken. Es wäre wohl an der Zeit, dass dieser einst legendäre Klangkörper durch intensive Probenarbeit wieder zurückfände zu einer Balance der Stimmgruppen und zu kontinuierlicher Höchstleistung.

          Als nach dem Rauswurf Thielemanns ein neuer Kandidat gesucht wurde, fand sich der wackere Kämpe Lorin Maazel für eine Interimslösung von drei Jahren bereit. Etliche jüngere Dirigenten von Format kamen als Nachfolger ins Gespräch, darunter Teodor Currentzis, Andris Nelsons. Nun ist es also Gergiev geworden.

          Der falsche Mann für München?

          Valery Gergiev, Jahrgang 1953, geboren in Moskau, stammt aus dem kaukasischen Ossetien. Er ist ein Hochbegabter, dessen Karriere (nachdem er sich einmal entschlossen hatte, eine anzustreben) so steil und schnell war wie selten eine. Ein Musikbesessener, ruhelos, kompromisslos. Karajanpreisträger, Temirkanovschüler, heute unbestritten der Alleinherrscher der russischen Musikszene. An diesem Musikzaren, mit guten Freunden in der Politik und mit breiter internationaler Vernetzung, kommt niemand vorbei.

          Gergiev hat, am Pult seiner Mariinskij-Truppe oder am Pult der London Symphony Orchestra, ein ums andere Mal betörenden Klangfarbenzauberei entfaltet, bei feinstziselierter Gestaltungsarbeit. Sparsame Zeichengebung, effektives Arbeiten. Seine Domäne sind Oper und russisches Repertoire. Doch er lässt auch gern mal fünfe gerade sein, bauend auf das Glück des Augenblicks. Gergiev kann ein Orchester zu Sternstunden beflügeln, wenn er will. Wenn er mal nicht will und hudelt, dann sind seine Dirigate immer noch bedeutend. Nur für beharrliche Probenarbeit ist er entschieden nicht bekannt. Insofern also, für München, eher der falsche Mann.

          Wie bei Zaren üblich, so ranken sich auch um Valery Gergiev Anekdoten. Manche sind unwahr, andere haben einen wahren Kern. Er soll, als Folge einer Wettschuld, ab und zu mit einem Zahnstocher dirigieren. Einem Reporter der „Süddeutschen“ erschien er vor achtzehn Jahren „halb angekleidet“ und mit einem „Glas Whiskey“ dirigierend in einer Hotelsuite. Und einmal, in Sankt Petersburg, wurde ein Konzert verschoben, weil Gergiev gerade etwas Besseres zu tun und sich verspätet hatte. Diese Geschichte stimmt, ich war dabei. Ergeben wartete das Publikum vor der geschlossenen Tür, zwei Stunden lang. Es war eine Weiße Nacht. Herzlicher Applaus begrüßte den Maestro. Keine Ahnung, wie das in München ausgegangen wäre.

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