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Münchner Opernsensation : Medea mit Migrationshintergrund

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Die erstaunlichste Entdeckung seit Jahrzehnten: Regisseur Hans Neuenfels vergegenwärtigt am Bayerischen Nationaltheater Johann Simon Mayrs „Medea in Corinto“ - und Antike, Biedermeier und Gegenwart stürzen ineinander.

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          Wir erkennen sie sofort. Das ist ja auch das Wichtigste bei Archetypen: dass sie ohne Wenn und Aber identifizierbar sind, unverwechselbar, in jeder Gestalt. Wie oft hat Medea schon die Bühne betreten und ihre Kinder umgebracht? Hundertmal? Tausendfach? Diesmal, im Münchner Nationaltheater, kommt sie im Afrolook. Das Gesicht versteckt hinter einer schwarzen Halbmaske, im Bastrock, raschelnd um die Beine bei jedem Schritt, und vor der Brust jede Menge klackernde Kokosnussschalenketten. Eine Frau mit Migrationshintergrund. Alles klar.

          Aber lange bleibt das nicht so. Noch bevor Medea die Auftrittsarie „Sommi dèi“ anstimmt, die in dieser allererstaunlichsten Opernentdeckung seit Jahrzehnten so wunderfein umhäkelt wird von einem zivilisierten Solo-Violinkonzert, da hat sie sich schon wieder herausgeschält aus ihrem karnevalesken Christoph-Schlingensief-Kokon. Steht jetzt da als ein schmales, zorniges, sehniges, junges Reh, ein Mädchen mit charmantem S-Fehler und leider auch mit einem Verstärker-Kästchen, das sich hässlich abzeichnet unter dem schwarzen Hemd.

          Nadja Michael hat keinen Verstärker nötig

          Zu dieser Wandlung ist zweierlei zu sagen: Erstens hat Nadja Michael, die die Titelpartie singt in der Seria-Oper „Medea in Corinto“ von Giovanni Simone Mayr, keinerlei technische Nachhilfe nötig für ihren mächtigen, in der Höhe mal schneidend scharfen, in der Tiefe pathetisch bebenden Sopran (und das gilt, ohne Ausnahme, übrigens auch für die anderen Sängerkollegen in dieser Produktion); jedoch: die Firma Unitel schneidet mit, nicht nur fürs Fernsehen, auch gleich für DVD.

          Das verkörperte Böse: Francesco Petrozzi (als Tideo), Ramon Vargas (als Glasone), Alastair Miles (als Creonte), Kenneth Roberson (als Evandro, von links)
          Das verkörperte Böse: Francesco Petrozzi (als Tideo), Ramon Vargas (als Glasone), Alastair Miles (als Creonte), Kenneth Roberson (als Evandro, von links) :

          Zweitens war die Medea-Figur für den deutschen Komponisten Johann Simon Mayr, der mit sechsundzwanzig Jahren nach Italien auswanderte, weder eine Furie noch ein Monsterweib, erst recht keine wilde, instinktgelenkte Barbarin. Wenn Medea rast und tobt, dann tobt sie durch alle Schattierungen menschlichen Wehs, eben weil sie Gründe dafür hat, die jeder auch leicht begreifen kann. Und natürlich ist das reich mit Holzbläsern besetzte Orchester, das all seine romantischen Farbenregister ausspielen kann, dabei immer auf ihrer Seite, was das Bayerische Staatsorchester unter Leitung von Ivor Bolton aufs schönste beglaubigt.

          Bürgerstochter und Kämpferin für Gerechtigkeit, Wahrheit und Treue

          Mehr als siebzig Opern hat Mayr komponiert, er war seinerzeit enorm erfolgreich. Zur Kaiserkrönung Napoleons schrieb er das „Te Deum“, seine Medea-Version brachte er 1813 in Neapel heraus, wo der Regent Joseph Bonaparte längst den Code civile eingeführt hatte. Kein Wunder, dass Mayrs hochdramatische „Medea“-Musik mit ihren affektbewegten Szenen, den ausladenden Accompagnati und den dicht komponierten kontemplativen Ensembles klar und deutlich mit jeder Note davon kündet, dass diese Heldin eine von uns ist: eine Bürgerstochter, Tochter der Revolution, Schwester der Beethovenschen Leonore, Kusine von Bellinis Norma, Kämpferin für Gerechtigkeit, Wahrheit, Treue und was dergleichen Bürgertugenden mehr sind.

          Medea ruft triumphierend „Io“ („ich“) hinein in die Generalpause, wie nur je ein bürgerliches Individuum. Und sie fleht auch nicht die Rachegötter an in ihrer Antrittsarie; sie ruft nach Amor, der alles wieder einrenken soll. Der tritt denn auch pünktlich ins Zimmer, sieht haargenau aus wie Tadzio aus dem „Tod in Venedig“ und schleppt schon mal emsig einen Küchentisch herbei für die nächstfolgende Szene, darin sich Mann und Frau, Medea und Giasone, eine zünftige Eheschlammschlacht liefern, mit allem, was dazu gehört, Heulen und Zähneklappern. Dass der eine Mensch des anderen Wolf ist, bei aller Liebe, ist eines der Lieblingsthemen von Hans Neuenfels.

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