https://www.faz.net/-gqz-9f7gx

Moderne Mini-Dionysien : Ein zehnstündiger Ritt durch die Antike

  • -Aktualisiert am

Den Stammbaum der Atriden fest im Blick: Hand in hand durch „Dionysos Stadt“ Bild: Julian Baumann

Von Mittag bis Mitternacht werden drei Tragödien und ein Satyrspiel gegeben: Christopher Rüping eröffnet mit modernen Mini-Dionysien die Saison der Münchner Kammerspiele.

          Er zwinkert, seine Augen glänzen, ein Lächeln umspielt seine Lippen, seine Finger bewegen sich leicht, eine Fußspitze zuckt kurz. Ruhig, sachlich und sympathisch hält Thomas Melle seinen „Vortrag über das Problem der Unstetigkeit“. Doch etwas an ihm ist unheimlich. Er hält den Kopf schräg, als wäge er ab – und da sieht man sie, die Kabel, die aus seinem Hinterkopf ragen. Man hört das mechanische Sirren bei jeder Bewegung, zweifelt an der Stimme aus seinem Mund, erschrickt, als sich sein Schuh um die eigene Achse dreht. Das ist es, was die Wissenschaft „Unheimliches Tal / Uncanny Valley“ – die Lücke zwischen dem, den wir als gesunden Menschen erkennen, und dem, der uns als menschenähnlich verstört.

          Der Autor Thomas Melle und der Theatermacher Stefan Kaegi (Rimini Protokoll) laden ein zum Experiment: Wie groß ist das unheimliche Tal, das zwischen dem humanoiden Roboter auf der Bühne und dem Zuschauer entsteht? Wer nun enttäuscht ist, dass die Münchner Kammerspiele ihre Spielzeit auf einer Nebenbühne mit einem einstündigen Abend ohne Schauspieler eröffnen, der schmökere in Heinrich von Kleists berühmten Schriften „Über das Marionettentheater“. Dort führt die Kuriosität einer Beinprothese zur Utopie einer idealen Marionette. Deren Vorzug gegenüber dem Menschen: sie ziere sich nicht. Ähnlich jenem Bären, der als Fechtmeister brilliere, weil er nicht fähig sei, sich täuschen zu lassen.

          Genau da liegt Melles Absicht – in jener ureigenen und doch, er beweist es, hoch-modernen Form des Puppentheaters. „Da sitzt er nun und spielt mich und weiß nichts von sich. Abend für Abend, meine altmodische Marionette.“ So kommentiert der echte Thomas Melle – virtuell auf einer Leinwand – sein unheimliches Abbild. „Wenn ich will, dann sagt er ‚Ich‘.“

          Zur Schau getragene wird das Spiel mit der Wirklichkeit

          Die Unbewusstheit, welche Kleist 1810 der Puppe attestiert, steht im Kontrast zu einem Menschen mit Melles Symptomen: Manie und Depression. Seine Selbstbeschreibungen nutzt der Schriftsteller, um sich entbehrlich zu machen: Der autobiographische Roman „Die Welt im Rücken“ habe Teile seines Geistes ausgelagert. „Ich sitze da und bin ein Gegenstand“, beschreibt er sich darin, „meine Adern sind Kabel“. Sein Roboter-Ego auf der Bühne ersetze ihn nun physisch, den Blicken des Publikums ausgeliefert. „Endlich Stetigkeit“, endlich funktioniere er. Das bipolare Original hingegen vereinsame.

          Eine traurige Vorstellung – doch Melle widerlegt sich selbst. „Ist nur das Zufällige menschlich?“, fragt er rhetorisch und ist im Vortrag des Roboter-Ichs in einigen Video-Sequenzen zu sehen: mit Enno Park, dem lediglich ein Implantat ermöglicht zu hören – jedoch genieße er die Stille, wenn er das Gerät ausschalte; mit einer Armprothese, der er die Hand reicht – ein allzu fester Händedruck jedoch, der nicht dosiert werden könne; mit dem KI-Forscher Raúl Rojas – der den Robotern abspricht, Emotionen zu empfinden; schließlich im Making-of zu seinem faszinierenden Selbstexperiment – wobei dessen offen klaffende Kabel-Rückseite nach der Vorstellung dazu einlädt, das unheimliche Tal durch museale Desillusion zu überwinden.

          Nein, diese Uraufführung, hinter der das Wort „Performance“ steht, zeigt kein Schauspielertheater – und ist dennoch großes Schauspiel, denn zur Schau getragen wird das Spiel mit der Wirklichkeit. Dies ist die erste Antwort des in München polarisierenden Intendanten Matthias Lilienthal zum Auftakt seiner vorletzten Spielzeit an den Kammerspielen. Die zweite souffliert ihm der Theatermann Matthias Pees: Im Spielzeitheft illustriert der das Szenario eines antiken Theaterwettstreits, ein staatlich subventioniertes Happening, ein tagelanges Muss für alle, politisch, rauschhaft. „Stellen Sie sich das alles doch nur mal vor“, fordert Pees den Leser heraus. „Und beschweren sich dann noch einmal über zu viel Performance an den Münchner Kammerspielen.“

          Nah am Abgrund

          Matthias Pees ist Produktionsdramaturg bei der Eröffnungspremiere im Schauspielhaus: „Dionysos Stadt“. Sein schlauer Konter auf die Lilienthal-Kritik führt ins Herz von Christopher Rüpings zehnstündiger Inszenierung, einer Art moderner Mini-Dionysien. Vier dramatische Lungen – drei Tragödien, ein Satyrspiel – versorgen dieses Herz mit so viel Sauerstoff, dass es von Mittag bis Mitternacht in bestechend unregelmäßigem Takt schlägt und selbst kurze Aussetzer überlebt.

          Sieben Schauspieler in Dutzenden von Rollen, oft in Dreiergruppen, ähnlich dem antiken Vorbild, laufen diesen Marathon wach und voller Lust als Team ins Ziel. Immer nah am Abgrund, der das Heute ist, balancieren Maja Beckmann, Peter Brom-bacher, Majd Feddah, Nils Kahnwald, Gro Swantje Kohlhof, Wiebke Mollenhauer und Benjamin Radjaipour ins alte Griechenland, erlauben sich absichtlich manchen Fehltritt, fallen aus ihrer Figur, um in der nächsten sogleich wieder aufzustehen. Dass der Zuschauer dabei gelegentlich den Überblick über das Who’s who verliert, ist legitim. Schließlich hat der Hausregisseur Rüping nicht nur den Stammbaum der Atriden im Blick, sondern den „Verfall einer Familie“, wenn er im dritten Teil die „Orestie“ als bissig-blutige Reality Soap inszeniert, welche inmitten von Zuschauern als Partyschlachtgästen eskaliert und nur ironisch vom herabschwebenden Live-Musiker Matze Pröllochs als Deus ex Machina aufgelöst werden kann.

          Zu diesem Zeitpunkt hat das Publikum bereits mehr als viereinhalb Stunden Theater gesehen: Ein Prolog führt es zweieinhalb tausend Jahre – so weit, wie es von den Uraufführungen der antiken Dramen entfernt ist – in die Zukunft. Die Aussichten: den Umständen entsprechend heiter. Prometheus’ Fehler, dem Menschen zu viel zuzutrauen, den zu bereuen dieser im ersten Teil „Die Erfindung des Menschen“ angesichts eines arabisch-englisch spre-chenden Zeus und einer blökenden Schaf-herde in mutig meditativer Länge Gelegenheit bekommt, verleiht der zweite Teil Ausdruck. „Troja. Der erste Krieg“ ist ein Untergangsinferno in Videobrunst und Trommelwirbeln (Bühne: Jonathan Mertz, Video: Susanne Steinmassl), gespeist aus Homers „Ilias“ und im Scherbenhaufen der zerstörten Stadt unmittelbar und unheim-lich stark gefolgt von den „Troerinnen“ des Euripides.

          Zumal die Vielzahl der antiken Textquellen und die Vielfalt ihrer Übersetzun-gen versetzen die ersten drei Teile der In-szenierung in Spannung. Dass die sich im letzten Teil – basierend auf Jean-Philippe Toussaints Beschreibung des legendären Zidane-Fouls im Berliner WM-Endspiel 2006 und somit als religiöses Kunstrasen-Satyrspiel an die antike Verwandtschaft zwischen Theater und Sport erinnernd – in Entspannung auflöst, geht als moderne Form der Katharsis durch.

          Mensch, Krieg, Schicksal: Rüpings Antikenprojekt verhandelt viel und nicht zu-letzt sich selbst. So dass den Zuschauern, die stehend applaudieren, wohl auch klargeworden ist: Die heutigen Dionysien finden längst nicht mehr im Theater statt, sondern im World Wide Web. Angesichts des unendlichen Tagesangebots an weltpolitischen Tragödien, Komödien und Satyrspielen sind zehn vielsagende Stunden in den Kammerspielen eine Kleinigkeit von Bedeutung.

          Weitere Themen

          Legendäres Musikfestival wird neu aufgelegt Video-Seite öffnen

          50 Jahre Woodstock : Legendäres Musikfestival wird neu aufgelegt

          Bei der Jubiläumsausgabe sind unter anderem Jay-Z, Miley Cyrus und die Black Keys mit dabei. In Zeiten von Klimakrise, Black Lives Matter und #metoo hätte das Festival laut den Veranstaltern auch wieder eine politische Mission.

          Keine Macht der Realität

          Tanztheater im Depot : Keine Macht der Realität

          Jacopo Godani schaut in „Ultimatum“ nicht besonders optimistisch auf den Menschen der Zukunft. Dazu zieht die Dresden Frankfurt Dance Company die Plateaustiefelchen im Bockenheimer Depot an.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.