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Öffentliches Vorsprechen : Spielen, mit Leidenschaft in der Hose

Ohne Mikrofonständer geht es nicht: Jedes Jahr präsentieren sich die Absolventen der Schauspielschulen den deutschen Intendanten – an den Münchner Kammerspielen diesmal öffentlich.

          Platz, Platz dem Klassenhengst! Man gehe aus dem Weg! Der geilste Schauspieler aller Zeiten erscheint! Daniel Gawlowski, Schauspielstudent im vierten Jahrgang der Otto-Falckenberg-Schule, steht am Vorderrand der Zweitbühne der Münchner Kammerspiele und präsentiert sich: mit seinem Namen, seinem Lebenslauf und dem G-Wort. Während er sich entkleidet, kombiniert er das Adjektiv mit allen Kategorien aus dem Schauspielstudienzeugnis: Zuletzt steht er in einem G-String aus Eigenlobgirlanden da. Seine Eignung für jede Hauptrolle soll eine Eigenschaft beweisen, deren Lexikondefinition permanente Fruchtbarkeit lautet beziehungsweise die Frechheit, sich diese Eigenschaft zuzuschreiben, vor den Augen des Publikums und der Mitstudenten. Die Beweisführung nimmt das Wort so drastisch, vulgär und rotzig, wie es herausgeschleudert wird, das heißt so gut wie wörtlich. Gawlowski lässt seine Muskeln spielen und will damit sagen: Ich spiele nicht, ich muss nicht spielen!

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Der Witz der Angebernummer: Sie ist von Anfang an als Nummer erkennbar, als Performance, ohne unglaubwürdig zu sein. So kann der Zeugungskraftprotz seine Selbstvorstellung als musikalische Nummer wiederholen: Er singt das Lied „Sexy And I Know It“ und zelebriert mit seiner Übersetzung des Verses „I got passion in my pants“ in Gebärdensprache die Vereinigung von Zeichen und Bezeichnetem in seiner Person.

          Rotierenlassen der Pobacken

          Laut Programmzettel ist Gawlowski in der Rolle des Dieter aus dem „Requiem für ein liebes Kind“ von Franz Xaver Kroetz aufgetreten, in die er allem Anschein nach aber erst nach dem Ende des Liedes schlüpft. Vorher übt er, bringt er sich in Stimmung, macht er sich heiß. Dieter ist ein Kinderschänder, der mit jämmerlicher Beflissenheit die Abmachungen schildert, die mit seinem Opfer geschlossen zu haben er sich einbildet. Seine Not, sein Wahn, seine mörderische Haltlosigkeit lassen sich mit einem Wort benennen: Er ist geil. Doch was hat diese Perversion des Gattungstriebs mit dem vitalen Geltungsdrang gemein, den der Dieter-Darsteller vorab zur Schau stellt? Dass Gawlowski durch das Rotierenlassen der Pobacken die Einfühlung in einen Charakter trainiert, der seelenruhig die Penetration eines Knabenhinterns beschreibt, wäre eine unnatürliche Vorstellung. In diesem Probestück der Schauspielkunst bleiben alle Tricks verborgen.

          Daniel Gawlowski und neun Kommilitonen zeigen vor zahlendem Publikum die Monologe und Szenen, die sie mit ihren Lehrern für das Ritual des Intendantenvorsprechens erarbeitet haben. Einmal im Jahr kommen die Personalverantwortlichen der deutschen Bühnen nach Neuss, Berlin und München, um die Abschlussjahrgänge der Schauspielschulen zu inspizieren. Die Idee, die Öffentlichkeit hinzuzubitten, hatte der Schweizer Regisseur Boris Nikitin, ein Adept der Gießener angewandten Theaterwissenschaft. Er lässt Schauspieler gerne aus ihrem Leben hinter der Bühne erzählen, um zu dokumentieren, dass wir uns von der Bühne aus alles erzählen lassen. So kann und soll man nicht wissen, ob es stimmt, dass Daniel Gawlowski mit 21 Jahren zum ersten Mal im Theater war.

          An den Tischen sitzen Statisten

          Nikitins Interesse gilt der Produktion von Fiktionen durch die Institution. In diesem Lichte muss man auch den Rahmen des Münchner Abends mit dem Titel „Das Vorsprechen“ betrachten. Im Radio hat Nikitin behauptet, an den Tischen vor der ersten Reihe werde „professionelles Publikum sitzen“. Das Programmheft verspricht, man könne sich auch „ein Bild von den professionellen Bewertern“ machen. Doch es ist nicht zu erfahren, ob denn zu jeder Aufführung neue Intendanten, Dramaturgen und Agenten anreisen. An den Tischen sitzen wohl Statisten. Im Publikum dominiert die Altersgruppe der Darsteller. Das Schauspielstudium bleibt ein massenhaft kultivierter Lebenstraum.

          Informativ ist der Abend, weil er zeigt, wie wenig ein Vorsprechen noch mit dem Wortsinn der Vokabel zu tun hat. Der Text wird auseinandergenommen, gekürzt und gestreckt, umgestülpt und durchlöchert. Er liefert Stichworte für Kabaretteinlagen, vor allem Lieder, Lieder, Lieder. Einziges unentbehrliches Requisit: der Mikrofonständer. Jonathan Berlin bedankt sich schon zu Beginn des fingierten Wettbewerbs um die Gunst der Intendanten im Stil eines Oscar-Gewinners. Als er in den Dank auch seinen Onkel einschließt, merkt man, dass er schon Hamlet ist. Er fällt nicht mehr aus der Rolle, auch als er „Danke für diesen guten Morgen“ singt und mit einer Gießkanne im Kreis herumhüpft. Die Lebenskraft aufzubringen, die der Dekonstruktion standhält, ist heute der Beruf des Schauspielers.

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