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Münchner Kammerspiele : „Die sind prüde bis zum Abwinken“

  • -Aktualisiert am

Aktuelle Inszenierung: (V.l.) Niels Bormann, Jelena Kulji, Damian Rebgetz, Dejan Buin und Wiebke Puls in einer Szene des Projektes «Point of no return». Bild: dpa

In der Diskussion um die Kammerspiele sind die Fronten verhärtet, manche sprechen von einer Krise – stimmt das? Ein Gespräch mit dem Chefdramaturgen der Münchner Kammerspiele Benjamin von Blomberg.

          In jüngster Zeit ist massive Kritik an Ihrem Theater laut geworden. Schauspieler verlassen das Ensemble, Inszenierungen werden abgesagt, die Theaterkritik wettert gegen performative Exzesse. Wie sehr trifft es einen, als „Pipifax-Theater“ beschimpft zu werden?

          Es trifft mich nicht auf der Ebene des persönlichen Narzissmus, es trifft mich, weil es aus heiterem Himmel kam. Das ist der zweite Intendantenwechsel, den ich mitmache. Ich kenne Umbrüche und weiß, wie Presse und Publikum reagieren. Aber in dieser Vehemenz habe ich das nicht kommen sehen.

          Wie konnte es dazu kommen?

          Am Anfang ging es darum, wofür Matthias Lilienthal steht: der Straßenköter, der Typ, der irgendwann mal „Kunstkacke“ gesagt hat und unfreiwillig für das kapitalistisch-neoliberale System in Anspruch genommen wird. Man vergibt unglaublich viele Etiketten, statt hinzugucken, was gerade passiert. Das ist ein Problem für diese Stadt, dass man nicht über Matthias Lilienthals T-Shirt-Farbe sprechen sollte, sondern über unterschiedliche Auffassungen von Theater und Ausdrucksweisen. Das ist die Schönheit des Unterfangens, und das ist viel größer als Matthias Lilienthal und ganz sicher viel größer als seine T-Shirt-Farbe.

          Worin besteht der Unterschied zwischen Matthias Lilienthal und seinem Vorgänger Johan Simons?

          Man sollte das nicht auseinanderdividieren. Auch bei Johan Simons gab es eine starke Aufmischung des Ensembles, gab es einen Aufbruch zu anderen Sprachen und Arten von Menschen auf der Bühne, auch mit der sogenannten freien Szene. Wir sind vielleicht noch offener für die verschiedenen Ausdrucksweisen und fragen: Was hat die Welt uns zu erzählen? Ein Mexiko-Festival gerade zum jetzigen Zeitpunkt, wo Trump eine Mauer verspricht zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko – ich weiß nicht, welches Theater das leistet.

          Das klingt – mit Verlaub – wie der Stolz über einen journalistischen Coup, aber nicht nach Schönheit der Kunst ...

          Die Unterstellung, man habe Künstler mit Blick auf das aktuelle Geschehen eingeladen, beleidigt mich. Sowohl die eingeladenen Künstler wie das Ensemble arbeiten mit Tiefe. Keiner lässt sich da nur als Kommunikationszeichen benutzen. Es gibt verschiedene Begriffe von Schönheit. Wir haben hier jeden Tag den Wunsch, etwas beizusteuern zu dem, was gerade Politik, Gesellschaft und Menschsein heißt. Dass daraus Kunst wird – daran arbeiten wir alle.

          Benjamin von Blomberg: „Ich bin ein hoffnungsloser Romantiker“.

          War das jetzt eine Antwort auf die Kritik des jungen französischen Regisseurs Julien Gosselin, der seine Houellebecq-Inszenierung bei Ihnen nicht realisierte, weil hier – wie er schrieb – nicht Schönheit, sondern politische Haltung gefragt sei?

          Allein an Ihrer Frage spürt man das Tendenziöse der Meinungsmache. Dass ein neunundzwanzigjähriger Regisseur aus Frankreich, an den wir geglaubt haben, der deshalb Teil der künstlerischen Vision dieses Hauses war, jetzt gegen uns ausgespielt wird, ist unglaublich. Wir wollten seinen Begriff von Kunst und Ästhetik doch an unserem Haus haben. Jetzt zu sagen, dass das so nicht gemeint war, ist infam. Das ist Meinungsmache zuungunsten der Kunst und stört die Auseinandersetzung darüber, was Stadttheater sein könnte.

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