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Rasches „Elektra“ in München : Kein Stück, sondern eine Katastrophe

Mit Küchenideologiekritik kommt man hier nicht weiter: Ulrich Rasches „Elektra“ Bild: Thomas Aurin

Ulrich Rasche inszeniert an einem schicksalhaften Theaterabend in München Hugo von Hofmannsthals „Elektra“. Bei aller visuellen Erfahrungswucht: Man sehnt sich nach einem schnellen Flüstern oder einem verbundenen Satz.

          Aus Theaterabenden von Ulrich Rasche kommt man anders heraus, als man hineingegangen ist. Die unerbittlich kreisende Drehbewegung der Bühne dringt in einen und bringt das Gemüt aus dem Gleichgewicht. Man fühlt sich angezogen und abgestoßen von dem kompromisslosen Drang zu Wucht und Wirkung, die dieser Regisseur all seinen Kritikerinnen und Kritikern zum Trotz weiterhin an den Tag legt.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          In fast allen großen Häusern des Landes hat Rasche jetzt inszeniert, hat seine drehenden Scheiben und schweren Maschinen auf die Bühnenböden gewuchtet und sein Ensemble darauf angeleint marschieren lassen. Immer im selben, leicht verzögerten Schleifschritt, mit denselben zuckenden Schulterbewegungen und dem gellenden Auftaktsschrei für das chorisch brüllende Sprechen. Die Sätze werden bei Rasche nie einfach gesagt, sie werden mit großer Anstrengung herausgepresst, zerdehnt und rhythmisiert. So mühsam das streng choreographierte Schreiten für die Schauspielerinnen und Schauspieler ist, so zermürbend ist auch das Zuschauen. Ständig hin und her gerissen zwischen Gespanntheit und Langeweile, sitzt man in seinem Theatersessel und lässt über sich ergehen, was doch immer wieder plötzlich ganz groß und außerordentlich wirkt.

          Es gibt keine einfache Haltung zu Rasche. Wer meint, ihm mit Küchenideologiekritik („Nazi-Ästhetik“) beikommen zu können, desavouiert sich selbst, wer am Ende nur erleichtert laut ausatmet, muss sich fragen, warum er nicht längst schon aufgestanden ist, genauso wie die, die beim Black sofort in Jubel ausbrechen, erklären sollten, was genau sie hier feiern – eine grausame Welt, die sportliche Ausdauer des Ensembles oder doch nur das selbstwerte Gefühl, dabei gewesen zu sein?

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          Am Residenztheater in München hat Rasche an diesem traurigen Theaterabend, der rückblickend ganz unter dem Zeichen des Todes des vielleicht größten Bühnenschauspielers unserer Tage, Bruno Ganz, steht, „Elektra“ von Hugo von Hofmannsthal inszeniert. Ein Stück, das „in düsteren Sommerwochen 1903“ vor der Folie von Sophokles geschrieben wurde und den griechischen Mythos weiterdichtet und umschreibt.

          „Ich bin kein Vieh, ich kann nicht vergessen.“

          Im Zentrum steht Elektra, die wütend trauernde Tochter des ermordeten Vaters Agamemnon. Seine Mörderin ist die eigene Frau, Klytämnestra, die mit ihrem neuen Mann Ägisth freudig das Bett teilt, während ihre Tochter Elektra unten im mykenischen Hof steht und auf Rache sinnt. Mit dieser „Hamlet“-Szene, in der Elektra nach ihrem ermordeten Vater ruft, beginnt Rasches Abend nach kurzem chorischen Vorspiel. Ein trichterförmiger Käfigturm zieht sich auseinander und gibt den Blick auf eine gut fünf Meter über dem Publikum kreisende Fläche frei.

          Aus einer Gruppe von angestrengt gegen die Drehung anlaufenden Männern und Frauen löst sich Elektra. Katja Bürkle spielt sie mit schmerzverzerrtem Gesicht, aus ihrem Mund hängt ein Spuckefaden, ihre Stirn scheint zum Zerreißen gespannt. Mit dem Blick sucht sie im dunklen Bühnenhimmel nach Halt, während ihre Schwester sich von der Seite nähert. Lilith Häßle ist Chrysothemis, die an Elektras tödlichem Hass leidet und davon träumt, endlich Kinder zu gebären. „Kannst du nicht vergessen“, fleht sie, aber Elektra entgegnet kalt: „Ich bin kein Vieh, ich kann nicht vergessen.“

          Darum geht es. Um unbändige, geradezu militante Tochtertreue, die alles andere als den Gedanken an den ermordeten Vater geringschätzt. Geschrieben im „Ton des Alten Testaments“, wie der Dichter selbst bekannte, „kein Stück, sondern eine Katastrophe“, ist Hofmannsthals „Elektra“ gewissermaßen eine „Gegen-Iphigenie“. Nichts Humanes, nichts Verständiges geht von ihr aus, nur endlose Vergeltung hat sie im Sinn.

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