https://www.faz.net/-gqz-8d0ra

Mozartwoche in Salzburg : Wo das altmodische Zuhören geistige Arbeit ist

Marc Minkowski dirigiert den Konzertsaal in Richtung Studierzimmer. Bild: W. Lienbacher

Eine Pastorale, drei Komponisten: Die Mozartwoche in Salzburg beharrt selbstbewusst auf der Autorität des Kunstwerks und vergleicht mit ruhiger Kompetenz Händel, Mozart und Mendelssohn.

          Ein Lächeln saust durch die Sitzreihen. Das Publikum rutscht auf die vordere Stuhlkante. Bonmots in dieser Dichte zu hören ist ebenso amüsant wie anstrengend. Der Pianist Alexander Melnikov und die Camerata Salzburg unter der Leitung von Louis Langré kennen keine Nachsicht mit geistiger Trägheit. In diesem Galopp, Molto allegro e vivace, dem Finale des ersten Klavierkonzerts von Felix Mendelssohn Bartholdy, feuern sie einen Witz nach dem andern ab.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Melnikov, erprobt im Spiel historischer Tasteninstrumente, kann inzwischen auch auf einem Steinway-Flügel diesen stets sprungbereiten, blitzschnell ansprechenden Ton herstellen, wie er für die alten Klaviere um 1830 typisch war. Er dämpft geschickt die lackierte Oberflächenbrillanz des modernen Instruments ab, um sich dichter ans Orchester anzuschmiegen, damit man auch die kecken Triller der Flöten und Geigen auf dem zweiten Viertel hört. Und er reduziert den Einsatz des Nachhallpedals auf kurze Momente innigen Ausdrucks. In dieser neugewonnenen Leichtigkeit blitzen sie nun schlagartig hervor: die taktwidrigen Akzente bei Staccato-Doppelgriffen, die kitzelnden Sforzati in wirbelnden Sechzehnteln oder die Foppereien mit dem plötzlichen Leise-werden nach dem Anschwellen der Lautstärke. Das ist, wie wenn man dem Esel die Möhre hinhält und sie plötzlich wegzieht, sobald er zuschnappt.

          Ohne Legitimationsdruck

          Ein Festtagsmorgen im Salzburger Mozarteum: Man hört das alte Konzert als funkelnagelneues Stück von höchster Informationsdichte. Mendelssohn habe in Salzburg noch keine rechte Verankerung gefunden, erzählt Matthias Schulz, der Geschäftsführer der Stiftung Mozarteum und – gemeinsam mit dem Dirigenten Marc Minkowski – künstlerische Leiter der Mozartwoche. Das Klaviertrio op. 49 werde ab und an einmal gespielt, vielleicht noch das Violinkonzert, aber der Rest des Werks sei hier fast nie zu hören. Also habe er, Schulz, in diesem Jahr einmal eine Lanze für Mendelssohn brechen wollen.

          Vor sechzig Jahren wurde die Mozartwoche ins Leben gerufen, alljährlich rund um Wolfgang Amadeus Mozarts Geburtstag am 27. Januar. Die Bürgergesellschaft in der Stiftung Mozarteum trägt sie. Man merkt dem exzellenten Programm und der ganzen Aufmachung an, dass die alte Kultur hier noch ihrer selbst gewiss ist und nicht nach der Pfeife des neuen Legitimationsdrucks tanzen muss. Es fehlt das personalisierte Marketing mit lachenden Stargesichtern auf den Plakaten. Stattdessen: ein Ausschnitt von Rock und Weste eines alten Kinderporträts vom pummeligen Wolferl. Und es fehlen all die „neuen Konzertformen“, die dem flanierenden Hörer mit Aufmerksamkeitsdefizit niedrigschwellige Angebote zum Zeitvertreib machen wollen: Wandelkonzerte, Late Night Lounges mit buntem Licht und Kammercombos zur Nebenbei-Berieselung beim Weggluckern erheiternder Getränke. Die Mozartwoche setzt selbstbewusst auf das altmodische Zuhören als geistige Arbeit, auf die Unterwerfung unserer Aufmerksamkeit unter die Autorität des Kunstwerks. Wer will, kann vorab Einführungsvorträge oder Museumsführungen besuchen, die von der wissenschaftlichen Abteilung des Mozarteums unter der Leitung von Ulrich Leisinger betreut werden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Koalitionsgipfel im Kanzleramt : Ist die Lösung in Sicht?

          Rund 20 Stunden ringen die Spitzen der Koalition im Kanzleramt schon um die Klimastrategie der Bundesregierung – jetzt scheint sich eine Einigung anzudeuten. Die Verhandlungen über einen CO2-Preis seien „auf der Zielgerade“, sagte Unions-Fraktionsvize Jung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.