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„Zauberflöte“ in Brüssel : Er prahlt, die Blindheit zu verkünden

  • -Aktualisiert am

Schikaneders Dialoge sind gestrichen, weshalb der erste Akt auf eine Stunde zusammenschnurrt. Im zweiten Teil wird dafür umso mehr gesprochen. Jetzt treten die eigentlichen Helden des Abends auf: Laiendarsteller, die per Facebook gecastet wurden und in gelben Schutzanzügen ihre Geschichten preisgeben. Fünf blinde Frauen, die Licht, Farben und das Leben nie gesehen haben oder seit langem nicht mehr sehen können. Fünf schwer bei Explosionen und Unfällen verbrannte Männer, die dem Feuer als physischer Qual begegnet sind. Sie berichten: einfach, mutig, sachlich. Da wird es ganz still im Zuschauerraum. Voyeurismus ist nicht im Spiel. Die Szene berührt – und steht für sich.

Als Castellucci eine Wachkoma-Patientin in seine Wiener Inszenierung von Christoph Willibald Glucks „Orfeo“ einbezog, hatte das mit dem Reich zwischen Leben und Tod zu tun, von dem das Stück handelt. Nun bei der „Zauberflöte“ fehlt der Bezug. Zeugnisse von Traumata und eine geschichtsphilosophische Aufarbeitung der Licht-Metapher sind zwei verschiedene Dinge, die sich auch mit dem Performativitätsverständnis des modernen Theaters nicht zusammenkleben lassen. Außerdem soll noch der Topos der milch- und zukunftspendenden Mutter mitspielen, weswegen drei Frauen an der Rampe ihre Brüste auspacken und an Saugmaschinen anschließen. Da kann selbst Goethes Fortsetzung der „Zauberflöte“, die als Subtext anklingt und die Castellucci zweifellos gefallen hat, weil sie alles Possenhafte ausblendet und vom Sittlich-Erhabenen trennt, wenig helfen.

Zumal die Musiknummern weitgehend im konzertanten Gestus serviert werden. Die Sänger stehen und singen, sind allenfalls Teil bewegter Bilder. Wo die szenische Individualisierung wegfällt, hat es die musikalische schwer. Die gefeierte Sabine Devieilhe bleibt als Königin der Nacht blass, Sophie Karthäusers Pamina klingt luftig, Ed Lyon als Tamino ringt mit Text und lyrischem Feinschliff. Der Einzige, der stark genug ist, in diesem Umfeld eine Figur auf die Bühne zu stellen, ist Georg Nigl als mit dem Wiener Idiom jonglierender Papageno.

Antonello Manacorda frisiert die musikalische Rhetorik des Stücks grell auf. Dynamische und agogische Kontraste werden künstlich hervorgehoben. Der orchestrale Tonfall bleibt rüde, die Tempi sind oft unsinnig überzogen. Die vokalen Pointen des zweiten Quintetts enden als Gestotter. Nicht einmal das Vorspiel von Papagenos großer g-Moll-Szene ist zusammen. Es fehlt an musikalischer Kommunikation und poetischer Empfindsamkeit. Manacorda malt viel in die Luft, was man nicht hört; das, was ihm akustisch angeboten wird, scheint ihn wenig zu interessieren. So entsteht ein teils dröger, teils ästhetizistisch überzuckerter Soundtrack zu szenischen Ideen, die Stoff für einen ungewöhnlichen Mozart-Film oder eine Video-Installation zur „Zauberflöte“ gegeben hätten.

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