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Zweimal „Le nozze di Figaro“ : Was guckt da unterm Notenrock hervor?

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Ihr, die ihr Triebe des Herzens kennt: Mozarts „Nozze di Figaro“ in der Hamburger Inszenierung Bild: Karl Forster

Das Bett als Wille und Vorstellung: Stefan Herheim und Gil Mehmert inszenieren Mozarts Oper „Le nozze di Figaro“ in Hamburg und Leipzig. Erotik findet aber nur in der Musik statt.

          Denn wir wissen nicht, wer wir sind, was wir tun. Cherubino, pubertierender Amor vom Dienst, fasst das gleich in seiner ersten Arie noch einmal für alle Beteiligten bündig zusammen. Es sind nämlich wieder jede Menge Hormone unterwegs an diesem tollen Tag, sehr viel mehr als sonst opernüblich, auf jeden Fall aber viel zu viele für die armen Opernregisseure, die das gute Stück, ach was, eines der herrlichsten, nämlich die Oper aller Opern, Mozarts „Le nozze di Figaro“, heutzutage neu inszenieren, womöglich aktualisieren, doch dabei tunlichst freihalten wollen von Grapschereien und Knutschereien, Zoten, Herrenwitzen, Hintertreppen und so weiter.

          Leider: So geht das nicht. Überlässt man Zweideutigkeiten allein der Musik, wird die Sache sofort säuerlich. Dann sieht der tolle Tag total lahm aus. Oder er versackt in spießiger Betriebsamkeit. Weder der erfahrene Regisseur Gil Mehmert, einer von der alten Schule, der das Stück jetzt für das Opernhaus in Leipzig mit jungen Sängern aus dem Ensemble neu inszeniert hat, noch Stefan Herheim, der an der Staatsoper Hamburg mit typischen Herheim-Einfällen ein umjubeltes „Figaro“-Feuerwerk zündete, sind dieser Zwickmühle entkommen.

          Anders als die revolutionäre Theatervorlage von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais erzählt Wolfgang Amadeus Mozart in „Le nozze di Figaro“ von der gerechten Niederlage eines arrogant-intriganten Aristokraten, der für sich das Recht der ersten Nacht reklamiert, was seine Domestiken zu verhindern wissen, nur ganz nebenbei. Hauptsächlich berichtet die Musik von den Niederlagen und Siegen der Liebe. Ginge es nur nach Mozart, dann müsste das Stück auch eigentlich „Le nozze di Susanna“ heißen. Denn die Frauenrollen, insbesondere die des Soubrettenkammerkätzchens mit Tendenz zum großem Drama, sind musikalisch eindeutig dankbarer und reicher ausgestattet als die der Männer. Eine Art „Stubenmädchenstück“ nannte der Dichter Robert Walser den „Figaro“ einmal. Und rückte ihn so in die Nähe von Schnitzlers Sittenbild vom „Reigen“, wo ebenfalls, quer über alle Standes- und Altersgrenzen, jeder auf jede scharf ist, jede auf jeden.

          Mit Kussmund und Smokey Eyes

          Das macht Herheim auch gleich klar, schon während der Ouvertüre, die wir in Hamburg mitlesen dürfen im Autograph: Ein sepiafarbenes Notenblatt nach dem anderen blättert sich da auf dem Videovorhang von selbst um, und wir freuen uns an Mozarts eiliger Handschrift, an den flüchtigen Faulheitsstrichen. Aber dann knäulen sich die Noten plötzlich, sie stolpern über die eignen Hälse, verwirren und verirren sich. Ein Notenstrichmännlein entsteht, welches einem Notenfräulein hinterherjagt und ihm frech unter das Notenröckchen schaut. Und schon schlängeln sich rudelweise Spermien durchs System, Notenspermien, quasi flachgelegte Viertelnoten, und die niedlichen Notenfräuleins, es werden immer mehr, nehmen Reißaus und springen, wie Cherubino später in den Garten, mutig in den nächsten Generalpausenabgrund hinein: lieber zugrunde gehen als sich erwischen lassen. Das ist wirklich sehr komisch, das Publikum quietscht, juchzt, stöhnt und hört vor lauter Begeisterung kaum noch, um was es doch eigentlich geht, Note für Note. Auch Herheim selbst hatte so viel Spaß am eigenen Einfall, dass er sich nicht mehr davon zu verabschieden wusste. Er reitet ihn also zu Tode. Als die Bühne (ausgestattet von Christoph Hetzer) sichtbar wird, ist sie ebenfalls komplett mit Notenblättern austapeziert, Decke, Boden, die sich nach hinten stark verjüngenden Wände: eine Falle, ein Gefängnis. Später, bei fälligen Lichtwechseln, erkennt man hinter dieser Tapete weitere Akkoladen, Notensysteme, die diesen Käfig einknasten. Ja, die Sänger selbst sind Teil des Systems, wandelnde Notenbedenkenträger. Ihre Kostüme (entworfen von Gesine Völlm), historisch irgendwo anzusiedeln um 1789, also halb noch Rokoko, halb schon Empire, wurden von oben bis unten mit Mozarts Notenhandschrift bedruckt.

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