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„Idomeneo“ in Salzburg : Aus Hass auf Mozart

Nicole Chevalier (Elettra) und Ying Fang (Ilia) in „Idomeneo“ Bild: dpa

Die Salzburger Festspiele eröffnen ihr Opernprogramm mit der Tragödie „Idomeneo“. Regisseur und Dirigent haben stark in Mozarts Partitur eingegriffen, um zu beseitigen, was nach ihrer Ansicht „Müll“ ist.

          Vom Dresscode demokratiefeindlicher Schlägertrupps – Springerstiefel mit roten Schnürsenkeln – bewegt sich der Dirigent Teodor Currentzis nun momentweise auf die historische Aufführungspraxis bürgerlicher Zivilisation zu: Er trägt schwarze Lackschuhe, als er in Salzburgs Großem Festspielhaus vor das SWR Symphonieorchester tritt, um die siebente Symphonie von Dmitri Schostakowitsch, die „Leningrader“, zu dirigieren. Doch wie schon der drollige Obertrikotagen-Aufdruck: „Don’t judge a girl by her T-shirt“ sagt, soll man einen Menschen nie nach seiner Kleidung beurteilen.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Trotz Lackschuhen nämlich erweist sich Currentzis einmal mehr als Ingenieur der Brutalität, als Virtuose der special effects. Er lässt das Orchester nicht mit einer Hymne auf das friedliche Leningrad vor der Blockade durch die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg beginnen; er peitscht es mit dem ersten Ton an zum aggressiven Brüllen. Wie hat dieses Thema früher gesungen! Sogar beim Dirigierdiktator Jewgeni Mrawinski und den goldglänzenden Streichern der Leningrader Philharmoniker, denen selbst in Zeiten von Krieg und Terror das klangliche Gefühl für Humanität nie abhandengekommen war.

          Currentzis macht den Weltkrieg zur Show, lässt in der berühmten „Invasionsepisode“ auf dem Höhepunkt die Streicher aufstehen, dann bei der Gegenoffensive die Blechbläser, dann die Holzbläser – ein Theater, das nicht mehr damit rechnet, dass Menschen hören können, aber damit, dass Erlebnisjunkies eine Steigerung der Dosis brauchen, um überhaupt noch irgendetwas zu empfinden in ihrer Übersättigung. Im langsamen Satz sackt Currentzis dann haltlos ein, weil ihm die handwerklichen Mittel fehlen, erzählerische und emotionale Zusammenhänge herzustellen, ohne dass es kratzt und kracht.

          Pause des Zögerns

          Bei der Premiere von Wolfgang Amadeus Mozarts gewaltiger Tragödie „Idomeneno“ in der Felsenreitschule kommt Currentzis dann wieder in der Fußtracht der außerparlamentarischen Opposition. Aber was man hört, klingt verständig, umsichtig, eindringlich. Vielleicht liegt es daran, dass ihm mit dem Freiburger Barockorchester, das dieses Stück vor zehn Jahren unter der Leitung von René Jacobs profund erarbeitet hat, ein kundiger Partner zur Seite steht, den er als ebenbürtig akzeptiert. Schön jedenfalls, wie Dirigent und Orchester zusammenfinden.

          Verschwunden nämlich ist das ständige Beschleunigen und Abbremsen, das an Currentzis’ Dirigat von Mozarts „Titus“ vor zwei Jahren so irritierte. Dieses Mal stimmen die Proportionen in den Bewegungsabläufen; die Klangfarben sind erlesen und keine grellen Affekt-Plakate. Nur wenige Extravaganzen leistet Currentzis sich, wenn er einen chromatisch abwärtskreisenden Drehschwindel der Elettra durch leichte Dehnungen intensiviert oder das Nachspiel zur ergreifenden Arie der Ilia „Da ich den Vater verlor“ für mehrere Sekunden unterbricht, um eine Pause des Zögerns, der Verwirrung zu schaffen.

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